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Start-ups:Unternehmergeist braucht Vorbilder

Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer of Facebook, delivers a speech during a visit in Paris

Sheryl Sandberg, die Nummer zwei bei Facebook, ist ein Vorbild für Jungunternehmerinnen wie Veronika Schweighart.

(Foto: Philippe Wojazer/Reuters)

Die Zahl der Gründer ließe sich gezielt fördern, zeigt eine Studie - gerade bei Frauen.

Von Michaela Hutterer

Auf der Forbes-Liste der einflussreichsten Frauen findet sich nur eine Deutsche: Melanie Kreis, die Finanzchefin der Deutschen Post - auf Platz 67. Dabei könnten mehr Unternehmerinnen und Managerinnen wie diese die deutsche Start-up-Szene beleben. Denn weibliche Vorbilder verstärken den Gründergeist bei jungen Frauen, das zeigen die Ergebnisse einer neuen Studie.

Dass Deutschland insgesamt mehr Vorbilder für junge Unternehmer brauchen könnte, belegt die Statistik. So ist die Gründungsquote im Land ohnehin sehr mager. Gerade mal zwei Prozent der Deutschen gründeten in den vergangenen dreieinhalb Jahren ein Unternehmen. Im internationalen Vergleich ist das der fünftletzte Platz, besagt der Global Entrepreneurship Monitor. Noch niedriger ist die Quote der Frauen: Nur 1,4 Prozent der Frauen starteten ihre eigene Firma.

Dass gerade das Geschlecht dieser Vorbilder großen Einfluss auf die potenziellen Gründer hat, belegen nun Laura Rosendahl Huber vom Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und Laura Bechthold vom Center for Digital Technology and Management (CDTM), einer gemeinsamen Institution der Technischen Universität und Ludwig-Maximilians-Universität München, in ihrer Untersuchung. Dafür ließen die Forscherinnen 547 BWL-Studierende zusammen mit Gründerinnen und Gründern in gemischten Teams Geschäftspläne erstellen. In einem solchen Plan beschreibt der Gründer seine Geschäftsidee, erklärt das Konzept und den Vertrieb, analysiert die Konkurrenz, legt eine Umsatz- und Rentabilitätsvorschau vor und berechnet den Finanzbedarf. Zehn Studenten arbeiteten mit je einem Gründer. Der Kurs war Pflicht für die Studenten, die Zuteilung des Unternehmers erfolgte zufällig. Jeweils vor und nach dem Kurs beantworteten die Studierenden einen Fragebogen, der ihre Neigung und Einstellung zur Unternehmensgründung sowie das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten abfragte.

Die Antworten zeigen: Arbeitet eine Studentin mit einer Gründerin zusammen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Studentin bei sich selbst mehr unternehmerische Neigungen entdeckt. "Erstmals konnten wir kausale Zusammenhänge zwischen einem Rollenvorbild des gleichen Geschlechts und unternehmerischer Neigung aufzeigen", sagt Rosendahl Huber. "Arbeiteten Frauen mit einer Unternehmerin zusammen, dachten sie am Ende des Kurses unternehmerischer, ihre Selbstwirksamkeit stieg und sie trauten sich eine Unternehmensgründung deutlich stärker zu als die Frauen in männergeführten Teams", ergänzt Bechthold. Analog profitierten Männer eher von einem männlichen Rollenvorbild.

Veronika Schweighart ist eine der wenigen deutschen Gründerinnen - und nahm als Gründerin an der Studie teil. Dass sie selbst ein Rollenvorbild für ihr Team war, erfuhr die 29-Jährige allerdings erst im Nachhinein. Sie führt das Start-up Climedo Health, das die Betriebswirtin gemeinsam mit ihren Kommilitonen Sascha Ritz und Dragan Mileski gegründet hat. Die Firma hat eine Software entwickelt, die Ärzten, Krankenhäusern und Universitäten das Erheben, Analysieren und Archivieren von relevanten Daten erleichtern soll. So lassen sich etwa in der Krebsforschung personalisierte Therapien für Patienten leichter einführen. Die Idee zum Start-up entstand am CDTM, das Unternehmen gewann im Sommer erste Preise.

Schweighart weiß, wie wichtig die Rollenvorbilder neben Mut und Gründergeist für den Erfolg sind. "Ich hatte gute Vorbilder. Frei zu denken, eigene Entscheidungen zu treffen, Grenzen austesten, das habe ich zu Hause gelernt", sagt die Tochter zweier Lehrer. In der Ausbildung inspirierten sie zwei Professorinnen. Und sie blickt auf Managerinnen wie Sheryl Sandberg von Facebook oder die Chefin des Autokonzerns GM, Mary Barra, die Karriere und Kinder scheinbar mühelos vereinen.

Dass die meisten Deutschen davor zurückschrecken, Unternehmer zu werden, hängt neben dem boomenden Arbeitsmarkt vor allem mit der Angst vor dem Scheitern zusammen. Schweighart ging es da anders. "Ich wusste schon lange, dass ich ein Unternehmen haben werde", sagt sie. Mit 26 gründete sie mit zwei Freunden ihr erstes Software-Start-up, eine Art Mini-Wikipedia für Unternehmen. Nach zwei Jahren gab sie die Geschäftsführung ab, blieb aber Teilhaberin und widmete sich der neuen Firma. "Ich will Frauen mehr Mut zusprechen, traut euch", sagt sie.

"Zahlreiche Studien belegen, dass sich Frauen in einem männlich dominierten Umfeld zu wenig zutrauen und sich nur schwer aus stereotypen Verhaltensweisen befreien", sagt Ökonomin Rosendahl Huber. "Sie zeigen sowohl eine geringere Gründungsneigung als auch ein geringeres Vertrauen in die eigenen Entscheidungen." Ihre Studie zeige aber, dass sich Unternehmertum gezielt fördern lasse, wenn mehr engagierte Unternehmer in der Ausbildung teilnehmen.

© SZ vom 20.08.2018

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