bedeckt München 27°

Start-ups:Taschen aus Flüchtlingsbooten

Stitch by Stitch Start-Up

Neda Kazimi und Foruzan Ghaffari sind im ersten Lehrjahr und kommen aus Afghanistan. Sie arbeiten in der Schneiderwerkstatt Stitch by Stitch.

(Foto: OH)

Das Sozialunternehmen Mimycri bietet Geflüchteten Arbeitsplätze und regt mit seinen Produkten zum Nachdenken an. Auch andere Start-ups helfen Asylsuchenden, sich zu integrieren.

Es waren Schlauchboote, die Nora Azzaoui und Vera Günther auf ihre Geschäftsidee brachten. Gummiboote, mit denen Menschen über das Mittelmeer fliehen. Die dann aber keine Verwendung mehr finden und auf Müllkippen landen. Aus dem Kunststoff ließe sich doch noch etwas herstellen, dachten sich die Berlinerinnen.

Vor drei Jahren reisten Azzaoui und Günther nach Griechenland, um dort Geflüchteten zu helfen. Sie verteilten Essen, Kleidung und sammelten Schlauchboote an den Stränden ein. Doch sie wollten etwas Nachhaltigeres schaffen. Zurück in Berlin setzen sie sich mit befreundeten Designern zusammen, entwickelten Ideen, verwarfen sie wieder, diskutierten stundenlang. Bis ihr Konzept feststand: Sie wollten aus den Schlauchbooten Taschen nähen. Abfall in hochwertige Produkte umwandeln und Arbeitsplätze für Geflüchtete schaffen. Oft werden sie gefragt, ob es nicht zynisch sei, Schlauchboote der Geflüchteten zu Taschen zu verarbeiten. "Die Auseinandersetzung mit dem Material löst natürlich Reaktionen aus", sagt Azzaoui. "Aber nicht unsere Arbeit ist zynisch, sondern das, was im Mittelmeer passiert. Wir wollen auch einen Denkanstoß geben." Sie bieten auch Vorträge in Schulen und Firmen zu Nachhaltigkeit und Migration an.

Azzaoui und Günther gründeten 2016 in Berlin das Start-up Mimycri. Sie stellten zwei Männer ein, die nach Deutschland geflohen waren und bereits in Pakistan und Syrien als Schneider gearbeitet hatten. Anfangs erhielten sie Unterstützung durch eine Crowdfunding-Kampagne. Mittlerweile erzielen sie durch den Verkauf der Taschen genug Einnahmen, dass Azzaoui und Günther ihre bisherigen Jobs gekündigt haben und das Unternehmen vergrößern wollen. Auch die beiden Schneider können ihren Lebensunterhalt durch die Arbeit bei Mimycri selbst bestreiten.

Asylsuchende sollten so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt integriert werden. Das fordern Politik, Wirtschaft und Sozialverbände einhellig. Die Bedingungen dafür sind auch gut. Viele Arbeitgeber suchen Fachkräfte oder Auszubildende, und die meisten Geflüchteten wollen so schnell wie möglich arbeiten. Zudem sind 84 Prozent der Menschen, die 2017 in Deutschland Asyl beantragten, jünger als 35 Jahre. Ausländerrechtliche Hürden, mangelnde Sprachkenntnisse, nicht anerkannte Zeugnisse oder fehlende Qualifikationen erschweren eine schnelle Vermittlung. Die Beschäftigungsquote von Asylsuchenden lag 2017 bei 30,5 Prozent. Die Zahlen "zeigen, dass die Integration in den Arbeitsmarkt einen langen Atem braucht", so die Bundesagentur für Arbeit im Oktober 2018 im Bericht "Fluchtmigration".

Vielerorts helfen Freiwillige, um an dieser Schnittstelle zu vermitteln. In den vergangenen Jahren sind zudem - oft aus den ehrenamtlichen Erfahrungen heraus - Sozialunternehmen wie Mimycri gegründet worden. Start-ups, die Geflüchteten den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern oder ihn erst möglich machen und dabei auch bewusst spezifische Fähigkeiten nutzen, die die Asylsuchenden mitbringen.

Norbert Kunz spricht von einer Win-win-Situation für alle Beteiligten. Der Geschäftsführer von Social Impact, einer Agentur für soziale Innovationen, berät seit gut 20 Jahren Existenzgründer. Die erste Motivation von Sozialunternehmern sei meist der Wunsch zu helfen. Wichtig sei aber, dass es kein einseitiger Prozess bleibe. Es gehe auch um Anerkennung, Verständnis und Austausch, so Kunz. Unternehmer sollten schauen, welche Stärken und Schwächen die Geflüchteten mitbringen. Werden ihre Fähigkeiten anerkannt, könnten beide Seiten profitieren.

Das zeigt auch der Erfolg eines Start-ups in Frankfurt am Main: Gemeinschaftlich etwas auf die Beine stellen, dass alle etwas davon haben. Das war das Ziel von Nicole von Alvensleben und Claudia Frick, die 2016 die Schneiderwerkstatt Stitch by Stitch gründeten. Mittlerweile haben sie zehn Frauen sozialversicherungspflichtig angestellt. Vier professionelle Maßschneiderinnen sowie sechs Auszubildende. Die Frauen kommen aus Syrien, Afghanistan und Madagaskar. Sie bringen Kenntnisse, Techniken und ein Designverständnis aus ihren Herkunftsländern mit, von denen das Sozialunternehmen profitiert. "In ihren Familien wurde das Handwerk über Generationen weitergegeben", sagt Frick.

Stitch by Stitch bekommt jede Woche mehrere Anfragen von Modefirmen. Mehr als sie an Aufträgen annehmen können. Gerade für Kleinserien gebe es einen großen Bedarf, sagt Alvensleben. Bei vielen Modelabeln wachse das Interesse, ihre kleinen Kollektionen lokal und fair herstellen zu lassen. Doch Produktionsstätten in Deutschland zu finden, sei fast unmöglich. Die Textilindustrie ist in Ländern abgewandert, in denen billiger produziert wird.

Als die Zahl der Asylsuchenden 2015 in Deutschland stark anstieg, bekamen Integrationsprojekte von allen Seiten viel Aufmerksamkeit. Mittlerweile habe die Bereitschaft, solche Start-ups finanziell zu unterstützen, deutlich abgenommen, sagt Norbert Kunz. Daher sei auch der Trend zu solchen Gründungen rückläufig. Nichtsdestoweniger haben sich viele Start-ups für und mit Geflüchteten erfolgreich etabliert - und dabei vielfältige Konzepte entwickelt.

Für ihre professionelle Arbeit fordern die Frauen eine angemessene Bezahlung

In der Designwerkstatt Weserholz beispielsweise fertigen Bremer und Geflüchtete gemeinsam Möbel an. In Münster haben Studierende mit Asylsuchenden das Modelabel "Bayti-hier" gegründet und verkaufen ihre Kleidung online und in einem umgebauten Bauwagen auf dem Wochenmarkt. Der Bonner Verein für Pflege- und Gesundheitsberufe qualifiziert und vermittelt Frauen mit Fluchterfahrungen. Social Bee agiert als zwischengeschalteter Arbeitgeber, der Geflüchtete einstellt und sie an Firmen weitervermittelt. In Schweinfurt sind in dem Projekt Soul Talk Geflüchtete als psychosoziale Berater fest angestellt und helfen so anderen Asylsuchenden.

Das sind nur einige wenige von zahlreichen Sozialunternehmern, die sich mit innovativen Lösungen den Herausforderungen der Integration in den Arbeitsmarkt stellen. Gleichzeitig müssen sie, anders als ehrenamtliche Initiativen, auch betriebswirtschaftlich handeln. Wer bei Stitch by Stitch eine Kollektion in Auftrag gibt, der erhält professionelle Arbeit in hoher Qualität. Dafür fordern die Frauen aber auch eine angemessene Bezahlung.

Dass aus ihrer Idee ein gut laufender Betrieb geworden ist, liege an der Professionalität, die alle Beteiligten mitbringen, sagen die Stitch-by-Stitch-Gründerinnen. Und an dem sehr familiären Miteinander. "Solch ein Projekt kann nur gelingen, wenn man sich auch die Zeit nimmt, sich auf die Menschen einzulassen", sagt Alvensleben. Sie und Frick helfen ihren Mitarbeiterinnen bei ausländerrechtlichen Formalitäten ebenso wie bei alltäglichen Fragen. Sie haben Deutschunterricht organisiert und kooperieren mit einem Mentorenprojekt.

Und Stitch by Stitch soll weiterwachsen. 2019 wollen sie drei weitere Mitarbeiterinnen einstellen und sie haben ihr eigenes Modelabel gegründet. Ihr erster Entwurf ist ein Mantel in traditionellem afghanischen Stil, sein Stoff ist aus recycelten PET-Flaschen gesponnen. Sie haben ihn gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen entworfen. "Wir sind uns viel ähnlicher, als wir oft denken", sagt Frick.