Start-ups in Deutschland:Hamburg

Besucher dürfen diesen kühlen Raum nur mit Schutzhaube für die Haare betreten. Gut 120 Behälter mit Müsli-Zutaten sind an der Wand aufgereiht: Neben Haferflocken und Sonnenblumenkernen stehen getrocknete Erdbeerstücke, Kornblumenblätter, Schoko-Flakes. Sacha Halwani zeigt auf eine kleine Waage: "Hier ist jede Mischung noch Handarbeit", sagt der Unternehmer. Im Juli 2008 hat der 38-Jährige ein Start-up in Hamburg gegründet. The Cereal Club heißt die Firma aus Altona. Sie verkauft individuelle Mischungen über das Internet. Bis zu 3000 Müslis pro Monat mischt Halwanis Team.

Die Geschichte von The Cereal Club erzählt viel über die Gründerrepublik Deutschland. Das Land ist ein schlechter Ort für Start-ups, so wird stets geklagt: Es fehlt an guten Ideen, an Mut, an Geld. Bei fünf Banken hatte Halwani um Kredit gebeten. Alle lehnten ab, auch weil die nötigen Sicherheiten fehlten. "Selbst die Hamburger Bürgschaftsgemeinschaft hat abgewunken", sagt er. Die Bürgschaftsgemeinschaft ist eine Selbsthilfe-Einrichtung der Hamburger Wirtschaft. Sie will jungen Gründern helfen. Doch Halwanis Idee wollten sie nicht, Gründungen im Bereich Ernährung und Gastro gelten als riskant. Der studierte Betriebswirt hat sich trotzdem nicht entmutigen lassen. "Mich hat das richtig geärgert, dann hat mich der Ehrgeiz gepackt", sagt er. Halwani kratzte das Ersparte zusammen und begann im Keller der Eltern die ersten Pakete zu mischen.

Hamburg steht vergleichsweise gut da

Das war 2008 - und seither hat die Stadt Hamburg einiges dafür getan, dass Gründer mehr Chancen bekommen. Das ist nötig, obwohl die Hansestadt im Vergleich mit anderen deutschen Regionen noch gut dasteht: Mit 1,98 Prozent der Gesamtbevölkerung sei Hamburg das Bundesland mit der zweithöchsten Gründungsquote, heißt es im jüngsten Gründungsmonitor der KfW (hier als PDF). Nur in Berlin gibt es mehr Start-ups. Das klingt nach Aufbruch? Nur auf den ersten Blick. Denn auch in der Hansestadt wird sichtbar seltener gegründet als noch vor ein paar Jahren.

Bis zu 300 Start-ups seien in den vergangenen sieben Jahren in der Hansestadt aufgebaut worden, schätzt der Hamburg Start-up Monitor. Dass es so viele sind, ist auch das Verdienst der hiesigen SPD-Regierung. Schritt für Schritt hat der rote Senat unter Bürgermeister Olaf Scholz zuletzt die Chancen und vor allem die Finanzierung für Gründer verbessert.

Insgesamt 4,5 Millionen an Förderung

Etwa 30 Firmen hat allein die Hamburgische Investitions- und Förderbank (IFB) seit Mitte 2013 finanziell unterstützt - mit großzügigen Zuschüssen. Über ein spezielles Förderprogramm sind insgesamt etwa 4,5 Millionen Euro an neue Initiativen geflossen - ohne dass die Empfänger dieses Geld jemals zurückzahlen mussten. "Wir wollen junge Gründer unterstützen, weil die Banken ihnen keine Kredite geben", sagt Wirtschaftsförderer Stefan Klein, der in der Jury für das Förderprogramm sitzt.

Geld aus diesem Topf hat etwa die vor drei Jahren gegründete Firma Sonormed erhalten - insgesamt 139 000 Euro. Das Unternehmen hat eine Therapie für Tinnitus-Patienten entwickelt, die inzwischen sogar als App zu haben ist. Ein Algorithmus filtert dazu aus Musikstücken genau die Frequenz, die der geschädigte Nerv im Hörzentrum verarbeitet. So werden, während der Patient die bearbeiteten Songs hört, die umliegenden Nerven trainiert und die Intensität des lästigen Tons deutlich gesenkt. Damit haben die Hanseaten kürzlich sogar auf dem Tech-Festival South by Southwest für Furore gesorgt und sich in einem Wettbewerb für digitale Gesundheitsdienste gegen eine andere App durchgesetzt, die Krebs diagnostiziert, sowie gegen einen 3D-Drucker für Organe. "Ohne die Leute von der Stadt Hamburg, die früh an uns geglaubt haben, wäre das nicht drin gewesen", betont Jörg Land, einer der Gründer, 37 und das Pendant des hanseatischen Kaufmanns im digitalen Zeitalter: aufmerksam, aber nicht aufdringlich; forsch, aber nie frech. Die Stadt unterstützt meist Firmen der digitalen Ökonomie. "Gut 65 Prozent kommen aus dem IT-Bereich", sagt Jurymitglied Klein.

Erfolgreiche Unternehmer helfen mit

Geld und Beratung stellen aber auch Unternehmer aus Hamburg bereit, die mit ihren Start-ups reich geworden sind. Wie der Gründer des Karrierenetzwerks Xing, Lars Hinrichs. Er arbeitet jetzt als Business Angel und steckt sein Geld in europäische und amerikanische Technologiefirmen. Auch Heiko Hubertz, Gründer der erfolgreichen Hamburger Computerspiele-Firma Bigpoint, hilft Internetprojekten und Start-ups.

Und dann gibt es in Hamburg noch etwas, das vielen anderen Städten fehlt und so manches Start-up aufpeppt: altes Geld. Davon können Unternehmer wie Lars Ellerbrock, Chef von Lifebrands, berichten. Sein Urgroßvater hatte die Hamburger Tee-Dynastie Hälssen & Lyon gegründet. Ellerbrock gehören Teile dieser Traditionsfirma, doch er hat sich trotzdem selbständig gemacht mit einem Lebensmittel-Handel. Für die Gründung wäre er nie zu einer Bank gegangen, erzählt Ellerbrock. So etwas werde in reichen Hamburger Familien eben lieber intern gelöst. "Kredite aufzunehmen, war mir peinlich."

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