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Start-ups:Viele Einwanderer sind erfolgreiche Firmengründer

Die Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci. Das türkischstämmige Paar ist ein besonders wichtiges Beispiel, wie Menschen mit Migrationshintergrund die deutsche Gründerszene bereichern.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/AP)

Menschen mit Migrationshintergrund spielen eine wichtige Rolle in der deutschen Gründerszene, das zeigen nicht nur die Gründer von Biontech.

Von Elisabeth Dostert

Sophie Chung ist auch ein gutes Beispiel, obwohl nun immer Uğur Şahin und Özlem Türeci, die Mitgründer der Mainzer Impfstofffirma Biontech, als Paradebeispiel für erfolgreiche Gründer mit Migrationshintergrund herhalten müssen. Sehr viel mehr Erfolg als das türkischstämmige Paar kann man nicht haben - in vielerlei Hinsicht. Binnen nicht einmal eines Jahres hat Biontech einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt und Şahin ist Milliardär. Er, seine Frau und die Firma machen Schlagzeilen. Solche "Sichtbarkeit" ist gut, sagt Sophie Chung: "Es zeigt jungen Migranten, dass sie es in Deutschland schaffen können."

Chung, 37, ist auch Migrantin. Ihre Eltern stammen aus Kambodscha, die Eltern der Mutter flohen dorthin aus China. Chung wurde in Wien geboren, studierte dort Medizin, lebte lange in den USA, um dann in Berlin gemeinsam mit Gero Graf Qunomedical zu gründen. Das Unternehmen vermittelt medizinische Behandlungen in aller Welt.

Migranten sind eine "ideale Bereicherung der deutschen Start-up-Szene", sagt Karl-Heinz Paqué, Vorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. In einer Studie mit dem Bundesverband Deutsche Start-ups ist sie der Frage nachgegangen, welche Rolle Menschen mit Migrationshintergrund für die deutsche Gründerszene spielten. Das Ergebnis lässt sich so zusammenfassen: eine wichtige, sie sind eine treibende Kraft von Innovationen. "Spätestens seit Biontech ist allen bekannt, wie wichtig Migrant-Founders für Deutschland sind", sagt Alexander Hirschfeld, Leiter Research vom Start-up-Verband. Şahin und Türeci sind nicht die einzigen. "Es gibt viele", sagt Hirschfeld. Auch Firmen wie Auto 1 Group, Delivery Hero, Research Gate oder Get Your Guide wurden von Menschen mit Migrationshintergrund gegründet oder mitgegründet.

In Berlin ist der Anteil der "Migrant-Founders" besonders hoch

Jeder fünfte Gründer in Deutschland habe Migrationshintergrund, heißt es in der Studie Migrant Founders Monitor 2021, für den Daten des Deutschen-Startup-Monitors (DSM) 2020 ausgewertet wurden. Von den gut 350 Gründern mit Migrationshintergrund gehören 57 Prozent der ersten Generation an, sie wurden nicht in Deutschland geboren, sondern zogen zu. 43 Prozent gehören der zweiten Generation an, sie wurden in Deutschland geboren, aber die Eltern oder ein Elternteil zogen aus dem Ausland nach Deutschland.

Besonders hoch ist der Anteil der Migrant-Founders in Berlin mit gut einem Fünftel und in Nordrhein-Westfalen mit fast 27 Prozent. Während Berlin als "internationaler Start-up-Hotspot" besonders Migranten der ersten Generation anziehe, prägten in Nordrhein-Westfalen Migranten der zweiten Generation die Gründerszene, erläutert Hirschfeld. Sophie Chung hat es nach Berlin gezogen. Sie hat dort, wie sie sagt, "Kapital, gute Mitarbeiter und mein persönliches Glück gefunden". Das Unternehmen hat mittlerweile 80 Mitarbeiter.

Auf die Ärztin triff vieles zu, was in der Studie ganz allgemein herausgefunden wurde. Chungs Erfahrungen, das liegt in der Natur von Erfahrungen, sind individuell, aber durchaus repräsentativ.

BERLIN: WIRTSCHAFTSGIPFEL Hotel Adlon

Sophie Chung beim SZ-Wirtschaftsgipfel 2019 in Berlin.

(Foto: Johannes Simon)

Der Studien-Systematik zufolge ist Chung eine Migrantin der ersten Generation. Aber eigentlich ist sie eine Mehrfach-Migrantin. Knapp 56 Prozent der Gründer der ersten Generation beklagen sprachliche Barrieren, die hatte die gebürtige Österreicherin nicht. 14 Prozent beklagen die "mangelnde Willkommenskultur" in Deutschland. "Plumpen rassistischen Angriffen" sei sie nie ausgesetzt worden. Aber sie habe oft zu spüren bekommen, dass sie "anders aussieht". Die erste Frage lautete oft: "Wo kommst du denn her?" In den USA, wo sie lange gelebt habe, frage das niemand, sagt sie. Oder Menschen äußerten Bewunderung darüber, wie gut sie doch Deutsch spreche. Sie spricht nicht nur Deutsch, sondern auch noch Englisch, Kambodschanisch und einen chinesischen Dialekt.

Einen zweistelligen Millionen-Betrag habe Qunomedical mittlerweile bei Investoren eingesammelt. Chung kann und will nicht klagen, wie andere Migranten der ersten Generation, die der Studie zufolge Finanzierungslücken plagen. "Ich habe in meinem Leben bestimmt mit mehr als 100 Investoren gesprochen", erzählt Chung. Investorinnen seien ihr kaum begegnet. Diversität in jeder Hinsicht ist für Chung keine Option, "sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit."

© SZ
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