Unternehmensgründungen:Start-ups sammeln Rekordsummen ein

Unternehmensgründungen: Das Münchner Start-up Celonis hat ganz schön abgehoben, mittlerweile ist es elf Milliarden US-Dollar wert.

Das Münchner Start-up Celonis hat ganz schön abgehoben, mittlerweile ist es elf Milliarden US-Dollar wert.

(Foto: Celonis)

Noch nie ist so viel Geld in deutsche Start-ups geflossen wie im ersten Halbjahr 2021, Firmen in Berlin und Bayern liegen hier deutlich vorne.

Von Helmut Martin-Jung

Klingt doch alles super: Die Investitionen in deutsche Start-ups verdreifacht, 62 Prozent mehr Finanzierungsrunden - das erste Halbjahr 2021 sieht für Gründerinnen und Gründer um einiges besser aus als das Seuchenjahr 2020. Aber auch den Beratern von EY, die diese Daten ermittelt haben, ist klar: Im Vergleich zur Start-up-Szene in den USA oder in China gibt es hierzulande noch viel Nachholbedarf. "Die steigende Zahl an Mega-Transaktionen darf (...) nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach wie vor der Großteil der Finanzspritzen auf sehr kleine Deals entfällt", schreibt Thomas Prüver, Partner bei EY.

Immerhin, Deals mit einem Umfang wie 2021 gab es in Deutschland bisher noch nicht. Das Münchner Software-Unternehmen Celonis, Spezialist fürs sogenanntes Process-Mining, also das Durchleuchten von Unternehmensdaten aus verschiedenen Systemen, nimmt die Spitzenposition ein. Von Investoren bekam es eine Milliarde US-Dollar, umgerechnet etwa 830 Millionen Euro. Geld, das die Firma dringend braucht, um weiter wachsen und die Konkurrenz in Schach halten zu können. Ähnlich sieht es bei Trade Republic aus, einem Online-Broker aus Berlin. 747 Millionen Euro bekam das junge Unternehmen im Mai von Risikokapitalgebern. Dahinter landeten das Versicherungsunternehmen Wefox aus Berlin und Flixbus (Bayern) mit je 539 Millionen Euro. Auch der Fünftplatzierte, der Lieferservice Gorillas (241 Millionen), sitzt in Berlin.

Damit wird ein weiteres Problem deutlich: Berlin und Bayern dominieren das Start-up-Geschehen in Deutschland klar. Berliner Start-ups schlossen im ersten Halbjahr 2021 satte 263 Deals ab, bayerische 120. In NRW waren es immerhin noch 52, in Niedersachsen bloß 19. Blickt man auf das Geld, das investiert wurde, tritt der Unterschied noch um einiges krasser zutage: Von der Gesamtsumme aller Finanzierungen von knapp 7,6 Milliarden Euro entfielen 54 Prozent (gut 4,1 Milliarden Euro) auf Berlin, 33 Prozent (2,5 Milliarden Euro) auf Bayern. Bleiben magere 13 Prozent oder eine knappe Milliarde Euro für den ganzen Rest.

"Das ist kein Entweder-Oder"

Diese Konzentration auf wenige Hubs zeige, dass Universitäten und große Firmen eine Rolle für ein Start-up-Ökosystem spielen und mitentscheidend dafür sind, wo sich Start-ups gründen, sagt Christoph Stresing, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutsche Start-ups. "Tesla hätte sich ohne die Nähe zur Berliner Start-up-Szene wohl nicht in Brandenburg angesiedelt", sagt er, "da entwickelt sich eine Dynamik." Er will das aber auch nicht verallgemeinern. "Das ist kein Entweder-Oder", sagt er. "Es kann natürlich auch woanders funktionieren." Das zeige etwa der Erfolg des Chemnitzer Start-ups Staffbase.

Wenn der Erfolg sich dann einstellt, kommen die jungen Firmen an eine Schwelle: Um richtig groß zu werden, bräuchten sie auch richtig viel Geld. Obwohl sich die Situation in Deutschland und Europa schon stark verbessert hat, liegt hier noch immer der Hauptgrund, warum es oft nicht klappt mit europäischen Unicorns, Start-ups also, die mit einer Milliarde US-Dollar oder mehr bewertet werden.

Am Kapital fehle es nicht, sagt Stresing: "Das Geld ist ja da." Es müsse nur richtig eingesetzt werden. Entscheidend sei, das Kapital privater institutioneller Investoren verstärkt für Zukunftsbereiche zu mobilisieren. Das könnte zum Beispiel mit dem angekündigten Dachfonds geschehen, der von der Bundesregierung im bereits aufgelegten Zukunftsfonds vorgesehen ist. Damit soll "schlummerndes privates Kapital für die Startup-Finanzierung in der Wachstumsphase" mobilisiert werden, wie es sein Verband in einem Thesenpapier fordert.

Warum das wichtig ist, wird darin auch deutlich: Die Szene der Start-ups und der Scale-ups, also Unternehmen, die sich schon in der Phase schnellen Wachstums befinden, beschäftige bereits 415 000 Menschen direkt, indirekt seien es 1,6 Millionen. Die Zahlen könnten noch stark steigen, so der Verband, aber dafür müssten dann auch die Bedingungen geschaffen werden. Deutschland müsse zum Beispiel attraktiver werden für ausländische Talente, Start-ups müsse es leichter gemacht werden, als Arbeitgeber gegen Konzerne zu konkurrieren.

Die Regierung fällt durch

Die Start-ups selbst übrigens sehen die Lage insgesamt schlechter als früher. In einer Befragung des Branchenverbandes Bitkom, die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde, beurteilten nur 39 Prozent die Situation für Start-ups besser als vor einem Jahr. Ein Fünftel der Gründerinnen und Gründer findet die Lage schlechter. Für die Politik gibt es überwiegend schlechte Noten, nur drei Prozent vergeben die Schulnote Zwei, eine Eins gibt es gar nicht. Bei mehr als einem Viertel der Start-ups wäre die Regierung sogar durchgefallen. Es gibt viel zu tun für die nächste Bundesregierung.

© SZ
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