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Start-up:Blockchain für alle

Fab.com Inc. CEO & Co-Founder Jason Goldberg Interview

Vor seinem Studium arbeitete Gründer Jason Goldberg, hier 2013 in New York, für den Stabschef des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton.

(Foto: Scott Eells/Bloomberg)

Ein junges Berliner Unternehmen möchte die komplizierte Technologie für andere Firmen zugänglich machen, die sich mit Krypto-Verfahren nicht beschäftigen.

Von Katharina Kutsche

Reite auf der Bitcoin-Welle! So fangen einige der Spam-Mails an, die derzeit ihren Weg in die elektronischen Postfächer finden. Nur ist das mit dem Surfen in unbekannten Gewässern so eine Sache, die man (und frau) besser lässt. Schon der Umgang mit dem Kryptogeld ist nichts für Anfänger, doch die technische Basis dahinter ist noch viel komplizierter: die Blockchain. Nun möchte ein Start-up aus Berlin diese Technologie für Unternehmen zugänglich machen, die sich mit kryptografischen Verfahren nicht beschäftigen wollen.

Simple Token, gegründet von Jason Goldberg, ist noch kein Jahr alt, eine Idee, die aus einer anderen Idee heraus entstand. Goldberg, gebürtiger Amerikaner, arbeitet seit 2014 in der Bundeshauptstadt, ursprünglich für das Netzwerk Xing, aber auch für eigene Gründungen wie die Mode-Plattform Fab. 2016 entwickelte er eine Social Media-App namens Pepo und plante, an ihre Nutzer sogenannte Token, eine digitale Ersatzwährung, zu verteilen. "Wir wollten die Menschen belohnen, die helfen, unsere Website zu gestalten, wollten ihnen zeigen, dass wir ihre Tipps und Empfehlungen zu schätzen wissen."

Dabei stellte das Team fest, wie aufwendig es ist, Kryptogeld zu schürfen: "Die Blockchain-Technologie war noch nicht bereit für individuelle Apps, die ihre eigene Krypto-Währung haben wollten." Digitales Geld ist nicht leicht skalierbar, weil das Angebot automatisch begrenzt ist. Es fehlen Nutzererfahrungen, der Umgang mit den Sicherheitsschlüsseln ist kompliziert. Und dann gilt es, je nach Standort, gesetzliche Regularien zu beachten, etwa "Know your customer" (kenne Deinen Kunden), die unter anderen Banken und Versicherungen nach dem Geldwäschegesetz verpflichtet, die Identität von Neukunden zu prüfen.

Goldberg erkannte, dass die größere und eigentliche Herausforderung ist, diese Technologie für Unternehmen und Apps zu bauen und weniger für die eigenen Leute. Sein neues Ziel: einen Master-Token entwickeln, quasi einen Werkzeugkasten für das Blockchain-Geschäft. Vor zehn Monaten gründete er Simple Token, ein Unternehmen, das in Hong Kong eingetragen ist, aber in Berlin sein Hauptquartier hat. Insgesamt 31 Menschen aus 18 Nationen arbeiten bei Simple Token, zusätzlich zu Berlin in einem Büro in Pune, Indien.

Mit den Simple Token von Goldberg, so der Plan, brauchen sich Unternehmen mit der komplizierten Blockchain-Technologie nicht zu beschäftigen. So können Firmen vom Start-up bis zum Konzern sogenannte Branded Token - Token, die an die eigene Marke gebunden sind - ausgeben, die mit Simple Token gekauft werden, also auf diese Art gegenfinanziert sind.

Der Verzicht auf Fundraising kann für junge Unternehmen gefährlich sein

Um diesen Kreislauf in Gang zu bringen, veranstaltete Goldbergs Unternehmen einen Verkauf, Token gegen Geld. Knapp 7000 Kunden kauften 270 Millionen Simple Token, umgerechnet ein Wert von rund 21 Millionen US-Dollar. Solche Verkäufe, ICO (Initial Coin Offering) genannt, nutzen auch andere Start-ups. Das zieht allerdings Gründer an, die ICOs ausschließlich benutzen, um Kapital zu beschaffen.

Goldberg ist kritisch: "Da gibt es derzeit eine Blase, in der jeder Geld auf diese Weise sammelt. Wir glauben aber nicht, dass der ICO-Markt für die meisten Start-ups geeignet ist. Er ersetzt das Fundraising nicht." Im Gegenteil könnte der Verzicht auf diese klassische Art der Finanzierung für junge Unternehmen gefährlich sein, denn Kryptogeld zieht Spekulanten an. Außerdem kann ein namhafter Investor für das Marketing eines Start-ups wichtig sein, schließlich bemisst er sein Vertrauen in das Geschäftskonzept in der Höhe der investierten Summe.

Token-Verkäufe seien vor allem bei Firmen sinnvoll, bei denen der Token eine Gegenfunktion im Produkt habe, so Goldberg. Je mehr das Kryptogeld mit der Marke verknüpft sei, desto erfolgreicher. Unternehmen, die etwa einen Online-Shop betreiben oder eine Bikesharing-Plattform, können Branded Token, das markenbezogene Kryptogeld als Bezahlmittel innerhalb ihres Kosmos einsetzen, damit Kunden Versandware oder Mietgebühr zahlen können. Eine weitere Möglichkeit ist, mit Token langjährige Kunden zu belohnen oder neue Kunden anzulocken. "Wir wollen die Vorteile einer digitalen Währung bieten, ohne ICO, und das in einer sicheren Umgebung", sagt Goldberg. Dafür ließ sich der Gründer von Anwälten beraten, die einzelnen Vorschriften im jeweiligen Land prüfen und umsetzen.

Simple Token sieht sich nicht als Finanzunternehmen, sondern als Tech-Firma, die die Blockchain-Technologie für andere öffnet. Das Start-up legte dafür ein Open-Source-Protokoll auf, mit dem Unternehmen selbst einen Teil ihrer Geschäfte mithilfe der Blockchain absichern können. Sie nutzen die Infrastruktur von Simple Token, können ihr Ökosystem jedoch selbst verwalten und analysieren. Dabei können Kunden sogar Mini-Transaktionen mithilfe der Token durchführen, anstatt ihre Kreditkarte für kleine Geldbeträge im Internet einsetzen zu müssen.

© SZ vom 07.03.2018

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