Starkoch Jamie Oliver Geld geht durch den Magen

Der britische Starkoch Jamie Oliver verbindet Geschäftssinn und Erziehungseifer und gründet eine Kochschulen-Kette.

Von A. Oldag

Es ist kein Zufall, dass Jamie Oliver sein neues Kochgeschäft nur wenig entfernt von muffigen Schnellrestaurants eröffnen will. Dort sitzen Mütter mit Kleinkindern auf dem Arm und verabreichen ihrem Nachwuchs fettige Pommes.

Starkoch Jamie Oliver: Zusammenprall unterschiedlicher Welten.

(Foto: Foto: ddp)

Ein Gräuel für Meister Oliver. Doch das soll anders werden im Stadtteil London-Clapham. Starkoch und Unternehmer Oliver startet dort Ende Februar sein neues Geschäftskonzept, um dem Volk die feinere und gesündere Küche beizubringen.

Schon bald sollen unter dem Markenzeichen "Recipease" (das ist ein Kunstwort, abgeleitet vom englischen Recipe, was Rezept heißt und von ease, also bequem oder einfach) kulinarische Tempel entstehen: Dabei verbindet der umtriebige Oliver Geschäftssinn und Erziehungseifer.

Alles ist auf seine Mission zugeschnitten. Schon mit ihrem schrillen, pinkfarbenen Anstrich sollen die Läden die britischen Fans lappiger Toastbrote und Fleischklöpse anlocken.

Geldmaschine

Drinnen werden die Kunden zum Mitmachen animiert: Sie bringen die Zutaten mit. Geschultes Personal soll die Küchenlaien in die schnelle und problemlose Zubereitung von "Rockin‘ Rogan Josh" (indisches Curry) oder "Pizza Capriccosa" einweihen. Wer will, kann dann auch gleich Kochbücher oder die Töpfe und Pfannen mit dem Markenzeichen des Meisters kaufen. Für Jamie Oliver dürften die Shops zu einer Geldmaschine werden.

Olivers Aktivitäten erfreut auch die arg gebeutelte Gastronomiebranche in Großbritannien. Reihenweise schließen derzeit vor allem kleinere Betriebe. Jamie Oliver expandiert dagegen. Seine Kochkünste werden zum antizyklischen Wirtschaftsprogramm auf der Insel: Wo Jamie ist, ist auch der Aufschwung. Er beweist, dass das Vereinigte Königreich noch nicht völlig in der Hand von ruchlosen Bankern und geldgierigen Hedge-Fonds-Managern ist.

Die Financial Times nannte den 33-Jährigen einen "kulinarischen Evangelisten" in Anspielung auf die bibeltreuen Prediger, die sich rastlos um neue Anhänger bemühen.

Multimillionär

Sein Kreuzzug für eine bessere Küche hat dem Chef mittlerweile ein geschätztes Vermögen von 25 Millionen Pfund (etwa 28 Millionen Euro) eingebracht. Er leitet Kochbuchserien, Reklamekampagnen und TV-Shows. Er gründete eine Restaurantkette mit dem Namen "Fifteen", in der gestrauchelte Jugendliche das Schnippeln von Gurken und Karotten lernen.

Etwa 14 Millionen Bücher hat er in 54 Ländern weltweit verkauft. Kaum jemand aus der Riege der Starkochs vermarktet sich so geschickt wie Oliver. Sogar die Politiker hören auf ihn: Nach seiner Kampagne für besseres Schulessen hat Labour-Erziehungsminister Ed Balls den Etat für die Mahlzeiten deutlich aufgestockt. Außerdem soll es mehr Kochkurse in den Schulen geben.

Seine Karriere begann Jamie Oliver als Achtjähriger im Pub seines Vaters, einem verräucherten Wirtshaus in der wenig glamourösen Grafschaft Essex nördlich von London.

Immer rascherer Aufstieg

Der Sohn half seinem Vater bei der Zubereitung von Fish and Chips, bediente die Gäste - und entwickelte immer mehr eine Leidenschaft fürs Kochen. Mit 16 verließ er die Schule, arbeitete in verschiedenen Restaurants, um schließlich Gebäckchef in Antony Carluccios Restaurant in der Londoner Neal Street zu werden.

Dann ging es mit seinem Aufstieg immer rascher. Berühmt und reich machte ihn die TV-Serie "The Naked Chef" im Jahr 1998. Verheiratet ist Oliver mit dem Ex-Model Juliette Norton. Das Paar hat zwei Töchter.

Der Mann mit den zotteligen Haaren, der gern verwaschene Jeans und zu große Sweatshirts trägt, spielt seinen Prominentenstatus herunter. "Niemand wird Koch, um den Lebensstil eines Millionärs zu führen", behauptete er einmal. Viele Briten nahmen ihm aber doch übel, als er in seiner jüngsten Fernsehshow "Ministry of Food" in einem vierradgetriebenen Luxusauto der Marke Range Rover durch Rotherham kurvte.

"Neureicher Schnösel"

In der ehemaligen Bergarbeiterstadt in South Yorkshire, in der ein erheblicher Teil der Bevölkerung von Sozialhilfe lebt und fast jedes fünfte Schulkind übergewichtig ist, kam es zum Zusammenprall unterschiedlicher Welten.

Eine alleinerziehende Mutter namens Natasha erklärte beispielsweise, dass sie noch niemals zu Hause gekocht habe. Ihre beiden kleinen Kinder aßen regelmäßig "Junk Food", also ungesundes Essen. Sie hockten dabei auf dem Fußboden und klaubten die Nudeln mit ihren Händen aus den Styroporboxen. "Ich habe Soweto gesehen, und da haben die Leute besser gegessen", schnaubte Oliver.

Seine verzweifelten Versuche, der britischen Unterschicht besseres Essen zu vermitteln, fielen durchaus nicht immer auf fruchtbaren Boden. Prostete erhoben sich gegen den "neureichen Schnösel" aus London. Er habe ein falsches Bild von Rotherham verbreitet, beschwerte sich zudem der konservative Stadtrat John Gilding. Doch das konnte den Küchenmeister bisher nicht aufhalten.