Starbucks Exorzismus im Coffeeshop

Starbucks in der Krise: Globalisierungsgegner kritisieren die Kaffeehauskette aufs Schärfste, jetzt setzt auch noch die Wirtschaftskrise dem Konzern zu. Und was macht überhaupt der Prediger da?

Von Sophie Burkhardt

Der Prediger steht vor einer Starbucks-Filiale. Plötzlich durchzuckt seinen Körper ein wildes Zittern: "Ich spüre den Teufel", sagt er, "er ist genau hier!" Dann betritt er das Café, ein Gospelchor folgt singend. Reverend Billy und seine "Stop-Shopping"-Kirche beginnen einen Exorzismus im Coffeeshop. Solche "Teufelsaustreibungen" sind die Spezialität des New Yorker Performance-Künstlers Bill Talen, alias Reverend Billy.

Starbucks in Peking:

(Foto: Foto: AFP)

Als evangelikaler Prediger verkleidet protestiert er gegen Massenkonsum und das Verschwinden kleiner Geschäfte. Sein Lieblingsgegner ist Starbucks. Als der Kaffeekonzern die Schließung von rund 600 Filialen in den USA bekanntgab, rief er dazu auf, nicht nachzulassen: "Starbucks ist immer noch ein böses Unternehmen mit einem freundlichen Gesicht", schrieb der Reverend auf seiner Webseite (www.revbilly.com).

Talen ist einer von vielen. Die Starbucks-Kritik wird zunehmend zum globalen Phänomen. Dabei taugen die Coffeeshops auf den ersten Blick gar nicht zum Hassobjekt. Da ist nichts von der billigen Aufdringlichkeit der McDonald's-Filialen: Gedämpftes Grün statt knalligem Rot und Gelb, Leder und Plüsch statt abwischbarem Plastik, Kaffeeduft statt Friteusenaroma. "McDonald's steht für Effizienz. Starbucks schafft eine heimelige Atmosphäre, in der man gerne auch mehr Zeit verbringt", sagt Joseph Michelli, Autor des US-Bestsellers "Das Starbucks-Geheimnis".

Kaffee als Luxusprodukt

Innerhalb der vergangenen fünf Jahre hat sich die Zahl der Filialen von 5886 auf 15.011 im Jahr 2007 fast verdreifacht. Doch seit November 2006 ist der Aktienkurs um fast 60 Prozent gesunken. Ein Grund für die Probleme ist die Wirtschaftskrise, die den relativ teuren Starbucks-Kaffee zum Luxusprodukt macht. Doch es geht auch um das Image. Starbucks ist in den Augen der Kritiker ein extrem gewinnorientierter und aggressiv expandierender Konzern, der gleichzeitig auf emotionale, soziale und ökologische Werte setzt - und hat deshalb ein Glaubwürdigkeitsproblem.

In den USA spricht man vom "grünen Monster". Es kursieren Aufkleber mit der Aufschrift "Freunde lassen Freunde nicht zu Starbucks gehen". Bürgerinitiativen kämpfen gegen neue Filialen. Die Starbucks-Kritik ist selbst Teil der Popkultur geworden. In der 007-Persiflage "Austin Powers" gehört Starbucks zum bösen Imperium des Dr. Evil. Bei den Simpsons kommt es einmal zur Verwandlung von einem Einkaufs- zu einem Starbucks-Zentrum, indem alle Geschäfte in Coffeeshops umgewandelt werden.

Kaffeehauskette am Wendepunkt

"Starbucks befindet sich gerade an einem Wendepunkt", meint Michelli. "Man versucht, wieder als gemütliches und sozial verantwortliches Unternehmen wahrgenommen zu werden." Dazu wurde Anfang 2008 auch Gründer Howard Schultz zurück an die Spitze geholt. Vorerst reagiert der Konzern auf die US-Probleme mit Expansion in Europa und Asien. In China gibt es bereits 600 Starbucks-Coffeeshops. Doch auch dort mehren sich die Proteste. Die Starbucks-Filiale in der Verbotenen Stadt brachte das Fass zum Überlaufen. Der chinesische TV-Moderator Rui Chenggang warf Starbucks vor, die chinesische Kultur mit Füßen zu treten und forderte seine Landsleute zum Widerstand auf. Mehr als eine halbe Million Chinesen unterschrieben chinesischen Medien zufolge seine Online-Petition. Die Filiale in der verbotenen Stadt wurde 2007 wieder geschlossen.

Doch die Kritik bezieht sich nicht allein auf die Verbreitung der US-Kultur. "Starbucks betont seine sozialen Standards und zieht damit Kritiker an", so Michelli. Dazu gehört die Entwicklungsorganisation Oxfam, die Starbucks dazu aufforderte, "sich seiner eigenen Werbung entsprechend zu verhalten und tatsächlich Verantwortung für die wirtschaftliche und soziale Situation in den Herstellerländern zu übernehmen". Der Konzern hatte sich geweigert, die Markenrechte von äthiopischen Kaffeebauern anzuerkennen. Mehr als 90000 Menschen schrieben auf einen Aufruf von Oxfam hin Mails an Starbucks und sprachen das Thema in den Coffeeshops an. Letztlich erklärte sich der Konzern dazu bereit, die Markenrechte anzuerkennen.

Beim Umgang mit Kritikern nutzt Starbucks auch die Medien seiner Gegner. So produzierte der Konzern ein wackeliges Youtube-Video, in dem sich Vizepräsident Dub Hay zu sozialen Projekten und Umweltstandards des Konzerns äußert. Und auf einer eigenen Webseite (www.whatmakescoffeegood.com) bewirbt Starbucks seine soziale und ökologische Unternehmenspolitik.