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Standortgarantie für drei Jahre:Nokia Siemens Networks bleibt in München

Nach tagelangen Verhandlungen steht fest: Der größte deutsche Standort von Nokia Siemens Networks wird doch nicht geschlossen. 2000 Beschäftigte des Telekomausrüsters behalten ihre Jobs. Die übrigen 1600 Mitarbeiter müssen das Unternehmen allerdings verlassen. Nun sind noch die Details zu klären.

Björn Finke, Christian Krügel und Michael Tibbudd

Die Meldung kam um 18.02 Uhr: Der Standort München ist gerettet; der angeschlagene Telekomausrüster Nokia Siemens Networks (NSN) rückt davon ab, seine größte deutsche Niederlassung mit 3600 Beschäftigten zu schließen. Wie das Joint-Venture des Handyherstellers Nokia und des Münchner Technologiekonzerns Siemens sowie die IG Metall am Freitag bekanntgaben, bleiben in München 2000 Stellen erhalten. Die Verhandlungen liefen seit dem vergangenen Wochenende.

Siemens-Manager kritisiert Fuehrung der Netzwerk-Tochter NSN

Der größte deutsche Standort bleibt erhalten: Die Niederlassung der Nokia Siemens Networks in München.

(Foto: dapd)

NSN hat nun eine Garantie für den Standort für vorerst drei Jahre abgegeben. Die übrigen 1600 Mitarbeiter müssen die Firma verlassen: Angestellten, die kurz vor der Rente stehen, wird Altersteilzeit angeboten, außerdem wird für mindestens zwei Jahre eine Transfergesellschaft unter Führung des Anteilseigners Siemens eröffnet. NSN-Beschäftigte sollen nach Erhalt einer Abfindung in diese Gesellschaft wechseln können, um sich auf den Übergang in eine neue Beschäftigung vorzubereiten.

Diese Gesellschaft ist der Knackpunkt bei der Einigung: "Voraussetzung für diese Lösung ist, dass eine überwiegende Mehrheit der betroffenen Mitarbeiter tatsächlich in die Transfergesellschaft wechselt", sagte Herbert Merz, der Aufsichtsratschef von Nokia Siemens Networks in Deutschland. Er begründete die Einigung damit, dass sie auch dem Unternehmen nütze: "Der Vorschlag der IG Metall würde es uns ermöglichen, die Restrukturierungsziele für Deutschland schneller zu erreichen und würde uns Planungssicherheit verschaffen." Das würde eine Entscheidung für München als weiteren Standort rechtfertigen.

Seit seiner Gründung 2007 hat das Gemeinschaftsunternehmen, in das Siemens seine Netzwerkgeschäfte einbrachte, nie Gewinn erzielt. Der Wettbewerb durch billige chinesische Anbieter wie Huawei war zu groß. Die vorgesehene Sanierung gilt daher als letzte Chance: Weltweit sollen etwa 20.000 von 74.000 Jobs wegfallen; in Deutschland sind 30 Standorte und fast 3000 Arbeitsplätze bedroht. NSN will sich gesundschrumpfen und auf Technik für schnelle mobile Datennetze konzentrieren.

Das Geschäft in Deutschland soll auf fünf - mit München sechs - Standorte konzentriert werden. Ob die Einigung für München neue Hoffnung für andere Niederlassungen bedeutet, wollte eine NSN-Sprecherin nicht kommentieren. Bei den anderen Standorten hätten die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern gerade erst begonnen.

Dass über die Zukunft von München überhaupt ergebnisoffen gesprochen wird, war anfangs nicht unbedingt zu erwarten gewesen. NSN-Chef Rajeev Suri, der in der Zentrale in der finnischen Stadt Espoo sitzt, hatte noch Anfang März gesagt, eine Schließung von München sei alternativlos. Doch die Mitarbeiter protestierten gegen das Vorhaben seit der Bekanntgabe Ende Januar, vor zwei Wochen schaltete sich Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser ein.

"Richtig gerettet sind wir noch nicht"

Er ist bei dem Technologiekonzern für Beteiligungen wie NSN zuständig; in einem SZ-Interview kritisierte er, dass sich das Management des Unternehmens nicht darum bemühe, mit den Arbeitnehmervertretern eine verträglichere Lösung für München zu finden. Nokia ist der tonangebende Anteilseigner in dem Joint-Venture, trotzdem scheint die Ansage einen Effekt gehabt zu haben. Denn seit vorigem Wochenende wurde verhandelt. Mit Erfolg.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude zeigte sich in einer ersten Reaktion "hoch erfreut, dass Nokia Siemens Networks nicht das Vertrauenskapital verspielt, das Siemens hier eigentlich hat". Ude hatte sich in Gesprächen mit Siemens-Chef Peter Löscher und in mehreren Briefen an das NSN-Management für den Erhalt des Standorts eingesetzt. "Man wird einen Strukturwandel in dieser Branche und am Standort München nicht dauerhaft verhindern können, aber man muss ihn sozial gestalten", sagte Ude der Süddeutschen Zeitung.

Die Münchner Beschäftigten sind hocherfreut ob der positiven Entwicklung. "Das hätten wir alle nicht erwartet", sagte Betriebsratschef Horst Schön. "Offenbar hat der öffentliche Protest doch was gebracht." Die Beschäftigten hatten fast jeden Tag eine öffentliche Aktion gemacht. Gute Stimmung herrschte unter den NSN-Beschäftigten bereits am Donnerstagnachmittag, als IG Metall und die verhandelnden Mitarbeiter ihre Kollegen informierten, dass eine Lösung nahe sei. Es musste aber trotzdem noch den Freitag über diskutiert werden.

Betriebsrat Schön will auch am Abend nicht zu optimistisch sein nach all den Wochen der schlechten Nachrichten. "Richtig gerettet sind wir noch nicht, es muss noch viel ausverhandelt werden", sagt Schön. "Sicher sein können wir uns erst im Mai." Dann will NSN das neue Geschäftsmodell umgesetzt haben.

© SZ vom 24.03.2012/ros/luk

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