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Standortfrage:Wird Davos zu teuer?

Auch das Sicherheitspersonal kostet Geld - Archivbild von 2019.

(Foto: AFP)

Die Superreichen müssen beim Weltwirtschaftsforum auch Superpreise für ihre Unterkunft zahlen. Bald könnte eine Schmerzgrenze erreicht sein.

Klaus Schwab ist Deutscher. Doch wenn der 81-Jährige sich zu Wort meldet, horcht man in der ganzen Schweiz auf. Denn Schwab ist das personifizierte Weltwirtschaftsforum, dessen Jahrestreffen in Davos die Schweiz jedes Jahr aufs Neue in Atem hält. Das Weltwirtschaftsforum bedeutet für die Schweiz Prestige und am Ende schlicht: viel Geld. Laut einer Studie der Universität St. Gallen generierte das Forum im Jahr 2017 in der gesamten Schweiz Umsätze von 94 Millionen Franken.

Als sich Gründer Schwab im Sommer 2019 in der Zeitung Südostschweiz am Sonntag über die übertriebenen Preise einiger Hotels und Wohnungsanbieter beklagte, machte das schnell die Runde. "Wenn eine solche Preistreiberei um sich greift," sagte Schwab, "dann könnte es sein, dass wir einem solchen Druck unserer Teilnehmer ausgesetzt werden, dass wir trotz eigenem besten Willen Davos als Standort aufgeben müssten." Ein anderer Standort für das Weltwirtschaftsforum, nach 50 Jahren in Davos? Die Schlagzeile war perfekt. Was ist los in dem mondänen Bündner Bergstädtchen?

Die Dimensionen des Jahrestreffens sind nun mal einmalig. Rund 3000 teils hochkarätige Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft reisen jedes Jahr nach Davos. Hinzu kommen Mitarbeiter des Forums, Sicherheitskräfte, Unternehmen, die auf Geschäfte hoffen, Netzwerker auf der Suche nach nützlichen Kontakten und Hunderte Journalisten, die die Geschehnisse der Tagung in die ganze Welt übertragen. Rund 19 000 Anreisende lassen Davos, eigentlich ein Örtchen von 11 000 Einwohnern, aus allen Nähten platzen. Dass dabei die Preise nach oben gehen, versteht sich von selbst, immerhin gelten auch auf 1560 Metern Höhe die Regeln der freien Marktwirtschaft.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich eine Dynamik entwickelt, die den Teilnehmern des Forums und anderen Gästen immer schwerer zu vermitteln ist. Hotelzimmer für mindestens vierstellige Frankenbeträge die Nacht, Privatwohnungen für Zehntausende Euro, dazu schwindelerregende Preise auf den Speise- und Getränkekarten der Restaurants und Bars. Auch wenn Schwab immer wieder betont, dass das Forum von Beginn an nicht nur die betuchten Eliten, sondern auch die nicht so reichen Kritiker und Aktivisten eingeladen habe, ist das Setting nun mal, wie es ist: Wer zum Weltwirtschafsforum fährt, braucht Geld. Und zwar inzwischen so viel, dass sich selbst der Gründer beklagt. Ist Davos zu teuer geworden für eine Veranstaltung, die sich auf die Fahnen schreibt, alle relevanten Teile der Weltgesellschaft einbeziehen zu wollen?

In Davos will man diese Kritik nur bedingt gelten lassen. "So ist das nun mal bei hoher Nachfrage", sagt Michael Straub, Landschreiber der Gemeinde, eine Art Generalsekretär. "Fahren Sie mal nach Basel, wenn dort Schmuckmesse ist, oder zur Düsseldorfer Bootsmesse, das ist die gleiche Dynamik." Doch Straub räumt ein, dass es ärgerliche Ausreißer nach oben gibt, sowohl bei den Hotels als auch in den Restaurants. "Da können wir als Gemeinde nur das Gespräch suchen." Als Schwabs Warnung die Runde machte, berief der Davoser Landammann denn auch rasch einen runden Tisch ein. Mit dabei: Vertreter der Hotels und Gastronomiebetriebe, ein großer Ferienwohnungsanbieter, der Tourismusverband und Abgesandte des Weltwirtschaftsforums. Wie von Klaus Schwab in Interviews zu hören ist, war das Treffen erfolgreich: Die Davoser Hotels und Wohnungsanbieter haben dem Forum 2800 Hotelzimmer und zusätzliche Unterkünfte in Wohnungen zu akzeptablen Preisen zur Verfügung gestellt, die die Stiftung nun an ihre Tagungsteilnehmer und Mitarbeiter vermitteln kann. Dieses Kontingent hatte Schwab im vergangenen Sommer als Minimum bezeichnet, um Davos als Standort beibehalten zu können.

"Wir streben an, dass alle Hotels etwa 80 Prozent ihrer Zimmer dem WEF zur Verfügung stellen", sagt Tamara Henderson, Präsidentin des Vereins Hotel Gastro Davos. "Und zwar mit einem Aufschlag von etwa 10 Prozent auf den Preis, der an Weihnachten gilt." Die restlichen 20 Prozent könnten die Hotels dann frei und entsprechend zu anderen Preisen vermieten. Dem Verband gehören nach eigenen Angaben etwa 40 der insgesamt rund 60 Davoser Hotelbetriebe an. Die meisten, so Henderson, hielten sich an die Abmachung. Aber: Schwarze Schafe gebe es immer. "Wir können eben niemandem vorschreiben, was er verlangen darf", sagt Henderson, "nur appellieren." Denn würde das Weltwirtschaftsforum dem Ort den Rücken kehren, wäre das für einige Häuser "extrem schmerzhaft". Die Tagung bringt die Tourismusbranche bisher komfortabel durch das Januar-Loch, das sich nach Neujahr einstellt. Nach Angaben der Gemeinde erwirtschaften Davoser Hotels im Schnitt zehn Prozent ihres Jahresumsatzes über das Weltwirtschaftsforum. Henderson schätzt, dass es bei großen Hotels sogar ein Drittel sein könnte.

"Das Weltwirtschaftsforum zieht leider jede Menge Trittbrettfahrer an."

Größere Schwierigkeiten, das sagt sowohl Verbandsfrau Henderson als auch Landschreiber Straub, habe man in Davos mit den privaten Vermietern. "An die kommt man nicht ran", meint Straub. "Und so lange es Gäste gibt, die die hohen Preise bezahlen, können wir nichts machen." Wer ein paar Wochen vor dem Forum einen Blick auf die Vermietungsplattform Airbnb wirft, kann erahnen, was das bedeutet: Los geht es bei 960 Euro pro Nacht für eine praktisch komfortfreie Wohnung; die meisten anderen Unterkünfte haben vierstellige Preise. Zwei "Luxus-Chalets" waren damals noch zu haben, für 5500 respektive 8400 Euro pro Nacht. Es kursieren auch Geschichten von Weitervermietungen, bei denen die Besitzer ihre vermieteten Wohnungen im Internet fanden - für das Siebenfache des ursprünglichen Preises. "Das Weltwirtschaftsforum zieht leider jede Menge Trittbrettfahrer an", sagt Reto Branschi, Direktor der Tourismusorganisation Davos-Klosters. Meist könne man nicht dagegen vorgehen - außer, diese Vermittler verstoßen klar gegen Regeln. So gibt es jetzt einen Prozess gegen einen Mieter, der eine Wohnung in Klosters über das Buchungssystem der Tourismusorganisation für das Doppelte untervermieten wollte. "Das ist verboten, steht in unseren Richtlinien", sagt Branschi. Und: Wenn seine Organisation sehe, dass Inserenten plötzlich Preise für Ferienwohnungen veranschlagen, die 50 Prozent über ihren sonstigen Werten liegen, würden diese Anbieter auf der Plattform gesperrt.

Doch auch wenn der Hype ums Weltwirtschaftsforum derlei hässliche Begleiterscheinungen mit sich bringt: Davos möchte das Forum auf keinen Fall ziehen lassen. Das sagen nicht nur diejenigen, die geschäftlich von der Megaveranstaltung profitieren. Auch die Bevölkerung spricht sich immer wieder für die Konferenz aus. Alle paar Jahre muss sie nämlich über den Betrag abstimmen, den die Gemeinde laut einer Vereinbarung mit dem Bund, dem Kanton Graubünden und dem Forum zu den Sicherheitskosten der Veranstaltung beitragen soll. Für die Jahre 2019 bis 2021 sind das 1,125 Millionen Franken, ein Achtel der Gesamtkosten von neun Millionen. Mit knapp 63 Prozent Ja-Stimmen bekannte sich im Herbst 2018 eine deutliche Mehrheit der Davoser zu den Kosten und damit zur Veranstaltung. Ähnlich sah es 2003 und 2009 aus. "Wir sehen diese Mehrheiten als Signal zum Weitermachen", sagt Landschreiber Michael Straub.

© SZ vom 20.01.2020
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