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Standortfaktoren:Blühende Bürokratie

Produktionsbereich am Stammsitz des Familienunternehmens Pilz in Ostfildern bei Stuttgart. Für viele Betriebe wie Pilz werden die hohe Steuerlast und die zunehmenden administrativen Anforderungen hierzulande zunehmend zur Last.

(Foto: Peer Brecht / Pilz Ostfildern)

Im internationalen Vergleich wird Deutschland für Familienunternehmen zunehmend unattraktiv, sagen Experten.

Fragt man Elmar Leitermann, worunter sein Arbeitgeber am meisten ächzt, dann kommt er als Erstes auf "Bürokratisierungsgerüste" zu sprechen. Zeit- und kräfteraubend seien diese administrativen Anforderungen, die die Behörden an sie stellten - und jedes Jahr ausweiteten. Leitermann ist Finanzleiter bei Pilz, einem Familienunternehmen in Ostfildern bei Stuttgart. Pilz zählt zu den Hidden Champions, relativ unbekannten, oft inhabergeführten Unternehmen, die in ihrer Nische Marktführer sind. 1948 als Glasbläserei gegründet, hat sich Pilz zum Technologieführer in Sachen Automatisierungstechnik entwickelt. Laut Angaben des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn finden sich rund die Hälfte aller Hidden Champions weltweit in Deutschland.

Viel Positives fällt Leitermann ein, wenn er den Standort Deutschland beurteilen soll: die hohe Qualifikation der Arbeiter, die finanzielle Stabilität des Staates, der belebende Wettbewerb und nicht zuletzt die vielen wirtschaftlichen Vorteile der EU. Aber Deutschland macht es dem Unternehmen nicht leicht, wenn es um die hohe Steuerlast geht oder um Betriebsprüfungen, um die Datenschutzgrundverordnung oder Zertifizierungen, die jedes Jahr komplizierter würden. Leitermann formuliert vorsichtig, aber selbst er attestiert den Finanzbehörden bei manchen Themen "eine gewisse Sturheit" und "mangelnde unternehmerische Sichtweise".

Vorbilder sind die Schweiz, Großbritannien und die USA

Für Familienbetriebe wird der deutsche Standort zunehmend unattraktiv. Zu diesem Schluss kommt der aktuelle "Länderindex Familienunternehmen", den das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen erstellt hat. Die Ergebnisse decken sich deutlich mit den Erfahrungen von Elmar Leitermann: Deutschland rutscht demnach auf der Rangliste um vier Plätze ab und landet im hinteren Tabellendrittel, auf einem ernüchternden Platz 16 von 21 betrachteten OECD-Staaten - das ist die schlechteste Position seit dem zwölfjährigen Bestehen des Rankings. Schlechter abgeschnitten haben nur die Slowakei und Japan, außerdem Nachbarland Frankreich sowie Spanien und Italien. Spitzenreiter sind die Schweiz, Großbritannien und die USA.

Dabei gehören Familienbetriebe wie Pilz zur DNA der deutschen Wirtschaft: Die Stiftung Familienunternehmen beziffert den Anteil eigentümergeführter Familienbetriebe an allen privatwirtschaftlichen Firmen in Deutschland auf 87 Prozent. Alle zwei Jahre bewertet das ZEW die wichtigsten Standortfaktoren für Familienbetriebe, darunter die Themenfelder Steuern, Regulierung, Finanzierung und Infrastruktur. Im Fokus stehen familiengeführte und international aktive Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 100 Millionen Euro.

Besonders verloren hat Deutschland in der Steuerpolitik: In der Rangliste landet es hier auf einem schwachen vorletzten Platz - schlechter ist nur Japan. "Wir sind inzwischen ein Hochsteuerstandort", sagt Friedrich Heinemann, Leiter des Forschungsbereichs Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft am ZEW in Mannheim. Es gebe nur wenige Länder, in denen die laufende Gewinnbesteuerung noch höher sei als in Deutschland. Dabei habe man die Steuern gar nicht erhöht, sagt Heinemann. "Wir haben nur einfach nichts getan, während drumherum alle ihre Steuersätze abgesenkt haben." Auch die Erbschaftsteuerreform - für Familienunternehmen von besonderer Bedeutung - ließ Deutschland im Ranking abrutschen.

Eine große Belastung sei außerdem die Bürokratie, in der Studie aufgeführt unter dem Punkt "Regulierung". Zwar habe Deutschland da etwas aufgeholt, aber es gehöre wirklich noch nicht zu den Standorten mit niedrigen Bürokratiehürden, sagt der Wirtschaftsexperte. Genehmigungen, Investitionen, ökologisches Recht - egal, um was es gehe: "Bis man alle Papiere zusammenhat, das dauert."

Die Stabilität des Staates, das Bankensystem und wenig Korruption sind eine Stärke

Viel gutzumachen habe Deutschland auch bei der "nur durchschnittlichen" digitalen Infrastruktur und der Energiepolitik. Zwar ist die Zuverlässigkeit der Stromversorgung im Ländervergleich hervorragend. Wegen der hohen Elektrizitätspreise landet Deutschland aber wieder nur im Mittelfeld. Und in Sachen Digitalisierung herrscht laut der Studie ohnehin Aufholbedarf, besonders beim Ausbau der Breitbandnetze. Nur ein Spitzenbereich bleibt Deutschland nach Analysen des Länderindex noch: die Finanzen. Die Stabilität des Staates, das Bankensystem und wenig Korruption seien eine Stärke des deutschen Standorts, sagt Experte Heinemann.

Nun soll der Länderindex keine Anleitung sein, wo man sich als Familienunternehmen am besten ansiedele, betont Andre Tauber, Sprecher der Stiftung Familienunternehmen. Im Gegensatz zu anonymen, börsennotierten Großfirmen spiele Abwanderung ins Ausland für Familienbetriebe auch keine Rolle, zu sehr seien sie mit der Region verwurzelt. Vielmehr stehe die Frage im Vordergrund: Wie schwer macht man es den Familienbetrieben, im internationalen Wettbewerb zu bestehen?

Die Antwort fällt mittlerweile deutlich aus: Deutschland habe sich in vielen Bereichen auf seinen wirtschaftlichen Erfolgen ausgeruht, sagt ZEW-Forscher Heinemann. Momentan verdecke die gute Konjunkturlage das noch, aber bei genauerem Hinsehen werde deutlich: "Es besteht kein Grund zur Selbstzufriedenheit." Der Experte versteht die Studie als einen Indikator für die Zukunft und warnt: "In den kommenden zehn bis 20 Jahren ist Gefahr im Verzug."

Um dieser Gefahr zu begegnen, müsse Deutschland bei der Infrastruktur wieder vorne mitspielen. Auch eine Senkung der effektiven Steuerlast sei nötig. "Ich predige keine allgemeine Steuersenkung, aber das Steuersystem sollte sich wachstums- und innovationsorientiert entwickeln." Zum Beispiel könne man den Bereich Forschung und Entwicklung anders besteuern, schlägt Heinemann vor. "Die letzte große Unternehmensteuerreform war im Jahr 2008 - seit zehn Jahren ist da nichts mehr passiert."