Süddeutsche Zeitung

Stand-up-Paddling:Stehparty

Stand-up-Paddeln ist schon länger im Trend, aber nie waren die Bretter so omnipräsent wie derzeit. Davon profitiert eine kleine Firma aus Oberhaching.

Von Caspar Busse

Alleine auf einem Brett, nur mit einem langen Paddel in der Hand - das gibt vielen ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, gerade in der Corona-Epidemie. Es soll zudem den ganzen Körper und den Gleichgewichtssinn trainieren, für Entspannung sorgen - mit einer anderen Perspektive auf das Wasser und die Umgebung. Stand-up-Paddling, kurz SUP, ist in diesem Jahr endgültig zu einer Trendsportart geworden. Das Stehpaddeln auf einem Surfbrett (Insider sprechen nur von "suppen") hat alle Gewässer erobert: Seen, Flüsse, das Meer. An einigen Orten sorgen die massenweise auftretenden Sportler schon für Unmut.

"SUP ist für jeden etwas. Wer schwimmen kann, kann auch auf einem Brett stehen", sagt Till Eberle, 49, Chef der Firma Boards & More. Das Unternehmen aus Oberhaching südlich von München ist mit einem Weltmarktanteil zwischen 20 und 30 Prozent und Marken wie Duotone und Fanatic führend bei Kite- und Windsurfboards. Auch vom Boom beim Stand-up-Paddling hat die Firma sehr profitiert. "Durch die Corona-Krise boomt der Markt, der Absatz hat sich alleine im ersten Halbjahr mehr als verdoppelt", sagt Eberle: "Der Markt ist ausverkauft." Dabei hatte die Nachfrage 2019 noch stagniert.

Etwa 200 000 Bretter wurden nach Schätzungen alleine in Deutschland schon in diesem Jahr verkauft; die für Anfänger sind etwa drei Meter lang. Den Boom angeheizt hat unter anderem die Discounterkette Lidl, die SUP-Bretter von 300 Euro an im Angebot hatte. Die Preise können je nach Qualität aber bis 3000 Euro gehen. Es gibt sogenannte Hardboards aus Carbon oder Holz und aufblasbaren Bretter. Diese sogenannten "Inflatables", die mit Pumpe geliefert werden, haben Stehpaddeln in den vergangenen Jahren erst zum Massensport gemacht. "Die aufblasbaren Bretter sind vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz beliebt", sagt Eberle. In klassischen Surfer-Ländern wie Frankreich, Spanien oder den USA werden dagegen harte Bretter bevorzugt. Boards & More und die anderen Anbieter können derzeit die Nachfrage kaum bewältigen. Die Bretter werden in der Regel in China produziert und brauchen vier bis sechs Wochen nach Europa.

Boards & More ist eigentlich auf Surf- und Kite-Bretter spezialisiert ( Kite-Surfer lassen sich von einem Lenkdrachen über das Wasser ziehen). Es gibt geschätzt etwa eine halbe Million aktive Windsurfer und noch einmal soviel Kite-Surfer, die aber oft einer mittleren bis höheren Einkommensgruppe angehören. "Windsurfing und Kitesurfen ist eine Nischensportart", sagt Eberle. "Wir leben davon, dass wir eine Nische sehr geschickt besetzen." Der Wirtschaftsingenieur ist in Oberbayern aufgewachsen und eigentlich Profi-Snowboarder gewesen. Er hat in der Firma 1997 angefangen, ist seit 2008 Geschäftsführer und auch beteiligt. Beschäftigt werden 150 Mitarbeiter, 60 davon in Oberhaching, 70 in Österreich. Produziert wird in Sri Lanka, China, Thailand und in Österreich, dort vor allem Kite-Boards.

Aufblasbare SUP-Geräte haben die Sportart erst richtig populär gemacht

Der Vertrieb erfolgt meist über kleinere spezialisierte Händler, die in der Szene oft gut vernetzt sind. Für diese hat Eberle auch einen Online-Shop aufgebaut, sodass die Kunden im Laden die Bretter und Ausrüstung kaufen können und sich diese dann nach Hause liefern lassen. Daneben bietet die Firma jetzt aber auch Ausrüstung für Fahrradfahrer an. Eberle hatte herausgefunden, dass viele Kunden als Zweitsportart Mountain-Biking betreiben.

Nach dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr füllten sich die Lager auch bei Boards & More, der Verkauf kam fast völlig zu Erliegen. Doch dann entdecken die Menschen den Urlaub zu Hause und griffen wieder zu. "Viele Leute sparen sich den Urlaub und investieren stattdessen viel in ihre Ausrüstung", sagt Eberle. Der Umsatz, der 2019 bei 81 Millionen Euro lag, werde 2020 nur leicht zurückgehen. Der SUP-Boom rettet Boards & More die Bilanz.

Dabei gibt es SUP eigentlich schon lange. Vor Jahrhunderten sollen die Polynesier, zu denen unter anderem die Maori auf Neuseeland gehören, aber auch die Bewohner von Hawaii und von Inseln in der Südsee auf Brettern zum Fischen hinaus gepaddelt sein. In den 1960er-Jahren sollen vor allem Surflehrer auf Hawaii ihre Bretter im Stehen genutzt haben, um ihre Schüler besser im Blick zu haben. Später paddelten Surfer bei Flaute auf den Brettern.

Eberles Unternehmen gehört sei 2013 dem Münchner Finanzinvestor Emeram Capital, bei der unter anderem der ehemalige Metro-Chef und Daimler-Vorstand Eckhard Cordes tätig ist. Emeram ist an verschiedenen kleineren Unternehmen beteiligt, hatte zuletzt aber mit Engagements bei der Modefirma Bench und bei der Süßwarenkette Hussel Pech. Boards & More sollte schon einmal verkauft werden, doch dann gab es Probleme mit dem Markenamen North, den die Firma vor allem für ihre Kite-Boards verwendete. Als es mit dem Lizenzgeber North Sails keine Einigung gab, wurde die neue Marke Duotone aufgebaut. "Ein Weiterverkauf der Firma durch Emeram ist im Moment erst in drei Jahren geplant", sagt nun Eberle. Bis dahin sollte der Boom noch weitergehen - mindestens.

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Quelle:
SZ vom 08.08.2020
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