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Stahlindustrie:Zwischenlösung am Meeresgrund

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Stahlproduktion im niederländischen IJmuiden. Tata Steel will dort entstehende CO₂-Emissionen abscheiden, über Pipelines transportieren und in leeren Gasfeldern unter der Nordsee speichern.

(Foto: imago images)

Stahlwerke stoßen viel CO₂ aus. Europas drittgrößter Hersteller Tata Steel Europe will Hüttengase nun unter der Nordsee speichern. Das ist nur ein Weg, um klimaneutral zu werden.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Wird es in 30 Jahren noch Stahlwerke in Europa geben? Die Antwort hängt nicht vor vom Weltmarkt ab, von Zöllen und der Konkurrenz. Sondern auch davon, ob die Branche bis 2050 klimaneutral werden kann, wie es die EU verlangt. Die Aufgabe ist gewaltig: Allein in Deutschland verursachen Stahlwerke sechs Prozent aller CO₂-Emissionen, berichtet das Umweltbundesamt. Dabei wird die Welt auch künftig Stahl benötigen: für Autos und Gebäude, Werkzeug und Maschinen.

Daher tüfteln die Hersteller daran, Eisenerz künftig nicht mit Kohle oder Erdgas, sondern mit Wasserstoff zu verarbeiten. Dies schützt das Klima, wenn der Wasserstoff mithilfe von viel Ökostrom gewonnen wird. Oder aber: Die Branche fängt ihre Treibhausgase vorerst ein, statt sie in die Luft zu pusten.

Diesen Weg will Europas drittgrößter Hersteller Tata Steel Europe nun im großen Stil beschreiten. Die Tochter des indischen Tata-Konzerns plant eine Anlage, die bis zu 30 Prozent der CO₂-Emissionen ihres großen Werks im niederländischen IJmuiden abscheiden soll. Gemeinsam mit zwei Energiekonzernen und dem Amsterdamer Hafen will Tata die Hüttengase über Pipelines transportieren und in leeren Gasfeldern unter der Nordsee speichern.

Deutschland sieht die Technik kritisch, Norwegen und die Niederlande finden sie gut

Derlei Technologien, genannt Carbon Capture and Storage (CCS), sind zumindest hierzulande umstritten: "Im Falle von Leckagen kann es zu schädlichen Wirkungen auf das Grundwasser und den Boden kommen", warnt das Umweltbundesamt. Staaten wie Norwegen setzen hingegen auf CCS. Auch die Niederlande wollen den Ansatz fördern.

Tata bereitet nun Genehmigungs- und Förderanträge vor. Die endgültige Entscheidung werde hoffentlich 2022 fallen, sagt eine Sprecherin, 2027 könnte die Anlage denn in Betrieb gehen. Die Partner rechnen damit, dass ihr Projekt mehrere Hundert Millionen Euro kosten würde. Alternativ zur Lagerung am Meeresboden könnten in einem zweiten Schritt auch Chemiefabriken einen Teil des eingefangenen CO₂ zu neuen Rohstoffen verarbeiten.

In jedem Fall hofft Tata Steel, einen Teil der Produktion künftig als "grünen" Stahl deklarieren zu können. "Man könnte sagen, dass etwa 1,3 Millionen Autos pro Jahr unseren klimaneutralen Stahl nutzen könnten", sagt Nachhaltigkeitschefin Annemarie Manger. Tata betreibt Stahlwerke in Großbritannien und den Niederlanden; Ijmuiden zählt zu den größten und modernsten Stahlstandorten in Europa.

Langfristig setzt die Stahlindustrie auf "grünen" Wasserstoff, doch der ist rar und teuer

Allerdings weiß Tata wie andere Hersteller, dass das Abscheiden der Gase nicht die einzige Lösung sein wird. Vielmehr brüten alle großen Stahlkonzerne in Europa an Wasserstoffplänen. Beispielsweise bereitet der Marktführer Arcelor-Mittal in Hamburg eine Pilotanlage vor, die Erz von 2024 an mithilfe von Wasserstoff reduzieren soll.

Doch noch gebe es "Hürden zu überspringen", gesteht Frank Schulz, Deutschlandchef von Arcelor-Mittal: Weil bislang nur sehr wenige Elektrolyseure "grünen" Wasserstoff mit Ökostrom erzeugen, werde man die neue Anlage wohl anfangs mit Wasserstoff betreiben müssen, der klimaschädlich aus Erdgas gewonnen wird. Das Werk zu bauen und zu betreiben, sei zudem teurer als bestehende Anlagen. "Wir haben einen Förderantrag gestellt", sagt Schulz, darüber müssten nun Bundesministerien entscheiden.

Gerade weil "grüner" Wasserstoff zunächst rar und teuer ist, setzt auch Arcelor-Mittal parallel auf andere Wege. So baut der Konzern in Belgien eine Pilotanlage, die CO₂ in Ethanol umwandeln soll, das etwa in Kraftstoffen zum Einsatz kommt. Die gleiche Doppelstrategie zeigt sich auch bei Thyssenkrupp: Deutschlands größter Stahlhersteller will zwar mehr und mehr Kohle durch Wasserstoff ersetzen. Doch zugleich betreibt der Konzern in Duisburg ein Testlabor, das Hüttengase zu Chemikalien verarbeitet. In den nächsten Jahren wollen die Partner das Projekt zur Marktreife führen.

Die Hersteller verhandeln nicht nur mit dem Staat über Förderung, sondern auch miteinander über Fusionen

In jedem Fall werden die Hersteller Milliarden investieren müssen, um klimaneutral zu werden. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl schätzt, dass der Umbau allein in Deutschland 30 Milliarden Euro kosten würde. Doch die Branche kämpft seit Jahren damit, dass es weltweit zu viele Stahlwerke gibt, gemessen am Bedarf. Hersteller in Ländern mit hohen Löhnen, Energiekosten und Umweltstandards tun sich besonders schwer. Die Folgen der Corona-Pandemie haben diese Krise noch verschärft.

Daher verhandeln Hersteller nicht nur über Fördermittel - sondern auch miteinander über mögliche Fusionen. Thyssenkrupp hatte zuletzt versucht, ein Gemeinschaftsunternehmen mit Tata Steel Europe zu schmieden; doch der Zusammenschluss scheiterte 2019 am Veto der EU. Stattdessen verhandelt der schwedische Konkurrent SSAB nun darüber, das Stahlgeschäft von Tata in den Niederlanden zu übernehmen. Auch Thyssenkrupp sucht einen Partner oder Käufer für die Stahlwerke an Rhein und Ruhr mit gut 27 000 Arbeitsplätzen. Bislang ist freilich nur ein Kaufangebot der britischen Liberty Steel bekannt.

Insofern stehen viele Werke in Europa vor einer unsicheren Zukunft. Doch eines gilt als gewiss: Wer auch immer demnächst fusioniert, wird die Frage beantworten müssen, wie sich sein geplantes Bündnis für eine klimaneutrale Zukunft rüsten will. Denn der Markt für "grünen" Stahl formiert sich gerade erst. Diesen Wettbewerb hat Europa noch nicht verloren.

© SZ/koe
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