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Stahlbranche:Thyssen-Krupp begeht einen Traditionsbruch

Die Fusion mit dem indischen Stahlkonzern Tata wird gegen Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaft vorangetrieben. Vor wenigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.

Es gibt vieles am Essener Industriekonzern Thyssen-Krupp, das sich als außergewöhnlich beschreiben ließe: Seine Bedeutung für die Industrialisierung eines ganzen Landes beispielsweise oder die Rolle des Unternehmens für das Ruhrgebiet. Herausragend ist jedoch auch, wie es um das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter bei Thyssen-Krupp bestellt ist: In kaum einem anderen Unternehmen in Deutschland hatten und haben die Mitarbeiter so großen Einfluss auf Entscheidungen wie beim Essener Industriekonzern.

Jetzt aber werden diese Strukturen angegriffen. Der Thyssen-Krupp-Vorstand hat ohne Rücksprache mit dem Betriebsrat oder der wichtigen Gewerkschaft IG Metall eine Absichtserklärung zur Fusion mit dem indischen Stahlkonzern Tata Steel unterzeichnet. Und das, obwohl Konzern-Betriebsratschef Wilhelm Segerath noch am Dienstag gesagt hatte, man lehne die Fusion derzeit ab.

Unternehmen Geplante Stahl-Fusion gefährdet Tausende Arbeitsplätze
Thyssen-Krupp und Tata

Geplante Stahl-Fusion gefährdet Tausende Arbeitsplätze

Der deutsche Konzern Thyssen-Krupp will mit Tata Steel aus Indien zusammengehen und so Kosten sparen. Eine heikle Ankündigung so kurz vor der Bundestagswahl.

Rund 4000 Arbeitsplätze sind nun in Gefahr. Die IG Metall hat für Freitag bereits Proteste angekündigt, sie erwartet mehrere Tausend Teilnehmer. Vom Verhalten des Thyssen-Vorstands ist man bei der IG Metall enttäuscht. "Natürlich hätten wir uns mehr Transparenz bei der Planung der Fusion erhofft", sagt ein Sprecher. Die Gewerkschaft will nun abwarten, was die nächsten Schritte sein werden. Doch wenn es dazu kommen sollte, dass die Fusion auch noch im Aufsichtsrat gegen den Willen der Arbeitnehmer durchgedrückt werde, müsse man tatsächlich von einem Tabubruch sprechen.

Unbestritten war die Stimmung zwischen den Akteuren bei Thyssen-Krupp schon einmal deutlich besser. Die Grenze zwischen Management und Arbeitnehmerschaft galt lange als fließend. In dem Stahl- und Anlagenbaukonzern ging nichts ohne die IG Metall. Kein Management-Posten bei Thyssen-Krupp wurde ohne Zustimmung der Arbeitnehmer besetzt. Kritik war - außer in Detailfragen - selten. Die Vorstände informierten die Mitarbeiter frühzeitig über Entwicklungen. Es war beinahe Usus, dass Betriebsratchefs auf den Posten des Arbeitsdirektors wechselten.

Die Verbindung war sogar so eng, dass zwischenzeitlich über "Kumpanei von Arbeit und Kapital" gesprochen wurde. Aus Sicht mancher Beobachter entschied der Konzern nicht mehr nach wirtschaftlichen Kriterien, sondern nach persönlichen Sympathien. Als Heinrich Hiesinger im Jahr 2011 Chef bei Thyssen wurde, feierten ihn viele als Helden. Er gab den Arbeitnehmern das Gefühl, dass ihr Unternehmen eine Zukunft hat.

Problematisch geworden ist das Verhältnis zwischen Vorstand und Mitarbeitern allerdings nicht erst mit der jetzigen Entscheidung. Schon als vor zwei Jahren eine Fusion oder Aufspaltung von Thyssen-Krupp überhaupt nur ins Gespräch kam, gab es immer wieder Kampfansagen der Gewerkschaften. Trotzdem: So angespannt wie aktuell war die Beziehung in den vergangenen Jahren nie.

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