bedeckt München 28°

Wirtschaftsgeschichte:Wenn das ganz große Schuldenrad gedreht wird

Kaiser Wilhelm II. an der Westfront, 1916

Ein grauenvoller, unmenschlicher Krieg, und ein teurer: Kaiser Wilhelm II. (Bildmitte, rechts) bei einer Infanterie-Division an der Westfront. Nie haben Staaten so viel Geld benötigt wie im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Ökonomen aus Deutschland und den USA haben einen riesigen Datensatz zu Krediten zwischen Regierungen seit 1790 untersucht. Im Vergleich zu früheren Summen verblasst das Corona-Paket der EU geradezu.

Fünf Jahre Arbeit stecken in dieser Studie, und am Ende musste es dann doch ganz schnell gehen: Carmen Reinhart, die weltweit bekannte Schulden-Spezialistin von der Spitzenuniversität Harvard, wird am nächsten Montag den Job der Chefökonomin bei der Weltbank in Washington antreten und hat dann ganz praktisch mit einer Frage zu tun, die sie wissenschaftlich schon lange beschäftigt: wie Staaten mit Geld Krisen bewältigen - oder es zumindest versuchen.

Das Thema hat Konjunktur - gerade werden in der Corona-Krise weltweit Tausende Milliarden Euro und Dollar eingesetzt - und erhält wissenschaftlich neuerdings mehr Aufmerksamkeit. Davon profitieren Forscher wie der deutsche Volkswirtschaftsprofessor Christoph Trebesch, 40, der sich erst an der Universität München und nun am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel auf Schuldenkrisen spezialisiert hat. Seit vielen Jahren arbeitet er dabei mit der Harvard-Koryphäe Carmen Reinhart zusammen, und gemeinsam mit dem Kieler Ökonomen Sebastian Horn haben die drei mehr als 200 Jahre internationaler Finanz-Kooperation und Rettungskredite untersucht, von 1790 bis 2015. "Coping with Disasters: Two Centuries of International Official Lending" ist soeben beim NBER veröffentlicht worden, dem National Bureau of Economic Research, einer unabhängigen Forschungsorganisation in Cambridge/Massachusetts.

Die Welt ist in den vergangenen 70 Jahren solidarischer geworden

Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass zwar viel über die Finanzierung von Krisen durch Kredite durch private Investoren berichtet wird, aber wenig über den zweiten, den Markt für zwischenstaatliche Kredite. "Der Bereich ist extrem unübersichtlich, es gab bisher kaum belastbare Daten", sagt Trebesch, "auch weil Staaten häufig gar kein Interesse daran hatten offenzulegen, wem sie Geld leihen und wer vielleicht zurückzahlt oder auch nicht, obwohl das ja für den Steuerzahler interessant zu wissen wäre."

Jetzt liegen die Informationen erstmals systematisch aufgearbeitet vor, nachdem Horn, Reinhart und Trebesch sich durch Budgetarchive und Vertragssammlungen in aller Welt gewühlt und einen gewaltigen Datensatz zusammengetragen haben. Das Forschungsinteresse lautete: Was fließt an Krediten zwischen Staaten? Wie groß ist das im Verhältnis zu privaten Kapitalflüssen? Die Antwort wird viele überraschen: Die Geldsummen, die sich Staaten untereinander leihen, sind riesig, oft ein Vielfaches dessen, was in privaten Märkten international transferiert wird.

Rettungspakete wie das für Griechenland in der Euro-Schuldenkrise nach 2010 sind im historischen Vergleich nicht ungewöhnlich, sondern kommen immer wieder vor. Besonders die Transfers in Kriegszeiten und globalen Finanzkrisen sind enorm. Eine Grafik in der Studie zeigt das Schuldenvolumen der öffentlichen Hand in jährlichen Säulen. Das Bild hat erste Ausschläge zwischen 1790 und 1815, das war die Zeit der napoleonischen Kriege. Steil nach oben gehen die Säulen der Verschuldung im Ersten Weltkrieg, jährlich auf etwa zwölf Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts, also der größten Volkswirtschaft der Welt. Ähnlich hoch, aber nicht ganz so gewaltig (zehn Prozent) sind die Zahlen für den Zweiten Weltkrieg.

Bemerkenswert: Während es im 19. Jahrhundert zwischen den großen Kriegen oder Krisen wieder ruhig wurde an der Schuldenfront, sieht man seit 1945 stetig hohe internationale Transfers von zwei, drei Prozent der jährlichen US-Wirtschaftsleistung, ehe diese sich nach der Finanzkrise 2008/2009 auf etwa fünf Prozent verdoppeln; immer noch sehr viel weniger also als in Weltkriegszeiten.

Das zeigt: Die Welt ist in den vergangenen 70 Jahren solidarischer geworden, Staaten helfen sich gegenseitig mit viel, viel Geld - und ganz besonders übrigens tun sie das in hochintegrierten Räumen wie dem Euro-Gebiet: "Das ist vernünftig", sagt Trebesch: "Die Probleme der einen werden sonst auch die Probleme der anderen sein." Rettungspakete an fremde Staaten hatten schon immer das Ziel, auch die eigene Wirtschaft zu schützen, insbesondere die im Ausland aktiven Exporteure und Banken.

Auch ablesen aus den Daten lässt sich übrigens die gewaltige Bedeutung, die China mittlerweile in diesem Geldkarussell spielt: Die Volksrepublik ist der größte staatliche Gläubiger der Welt geworden, größer noch als die Weltbank. Allein die Gruppe der Entwicklungsländer schuldet der chinesischen Regierung heute fast 400 Milliarden Dollar.

750 Milliarden Euro will Brüssel zur Verfügung stellen - aber verteilt über mehrere Jahre

Staaten sind immer dann eingesprungen, wenn private internationale Märkte einfroren - wie auch jetzt wieder in Corona-Zeiten. Derzeit haben mehr als 100 Länder beim Internationalen Währungsfonds angeklopft; der hat dafür eine Billion Dollar an Rettungsmitteln zur Verfügung. Aber selbst wenn davon alles bereitgestellt würde, handelt es sich zusammen mit den 750 Milliarden Euro, die die Europäische Union (über mehrere Jahre) zur Verfügung stellen will, um eine im historischen Vergleich nicht ungewöhnliche Summe - zumal völlig offen ist, wie viel Geld am Ende wirklich benötigt werden wird. Man wird wohl höher liegen als in der Finanz- und Euro-Krise nach 2008, aber an die Transfers während der Weltkriege wird man nicht herankommen, denn diese entsprächen heute zwei Billionen Dollar Rettungskrediten - pro Jahr.

Wer also heute den Atem anhält angesichts der nationalen und internationalen Finanzakrobatik, den lehrt die neue große Schuldenuntersuchung womöglich ein wenig Gelassenheit. Für Trebesch ist sogar noch offen, "ob diesmal wirklich so viel Kooperation und Transfers zu beobachten sein werden, wie man im historischen Vergleich erwarten würde".

Denn etwas unterscheidet Corona von anderen Krisen: Es handelt sich nicht um einen asymmetrischen Schock, wo also einige Staaten oder Regionen Probleme haben und andere helfen können: Das Virus bedroht die ganze Welt, und populistische und nationalistische Tendenzen sind auf dem Vormarsch.

© SZ vom 09.06.2020
Corona R-Simulation Storytelling Teaser

SZ Plus
Corona-Simulationen
:Der Weg aus der Krise

Deutschland freut sich über sinkende Fallzahlen, während Wissenschaftler vor einer zweiten Welle warnen. Drei Szenarien zeigen, was uns noch droht - und wie wir die Pandemie am besten in den Griff bekommen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite