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Staatsfinanzen:Reich dank Griechenland

Paul Kazarian hat der Regierung in Athen drei Milliarden Euro geliehen. Nun fordert der ehemalige Investmentbanker, die Schulden des Landes neu zu berechnen.

Paul Kazarian hat eine Mission, und er wird nicht müde, sie zu verfolgen. Am Dienstagabend sitzt er in der Lobby eines Frankfurter Luxushotels, am Morgen darauf wird er dort auf einer Konferenz vortragen, was er seit Jahren versucht klarzumachen: Die griechischen Staatsschulden seien falsch berechnet und viel niedriger als offiziell angegeben. Nachdem die europäischen Institutionen sie sechsmal restrukturiert hätten, hätte man sie längst neu bewerten müssen. "Worüber die Institutionen heute diskutieren", sagt er, "ist nichts als politische Fiktion." Den Begriff verwendet er ständig.

Kazarian, 61, ein früherer Investmentbanker, ist Gründer und Chef der US-Beteiligungsfirma Japonica Partners. Normalerweise investiert er in Unternehmen, kauft und verkauft Firmenanteile und hat mit Staatsschulden wenig zu tun. Im Frühjahr 2013, nachdem Griechenland kurz vor der Pleite gestanden hatte und Investoren massenweise griechische Staatsanleihen loswerden wollten, sah er seine Chance und gab fast drei Milliarden Euro für die Papiere aus. Bis heute gilt er als der private Investor mit den meisten Griechenland-Anleihen. Er habe ein gutes Geschäft gemacht, sagt er: "Wir haben damals 11,4 Cent pro Dollar Nennwert bezahlt. Es war eine unserer besten Investitionen überhaupt."

Das lag auch an den Gläubigern von EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, die damals Griechenlands Zahlungsausfall abwendeten. Fast fünf Jahre später ist die Griechenland-Krise wieder akut; im Juli muss das Land Zinsen und Tilgungen auf Kredite in Höhe von etwa sieben Milliarden Euro leisten. Das jüngste Treffen der Eurogruppe vergangene Woche in Brüssel, auf dem die Auszahlung neuer Hilfskredite beschlossen werden sollte, endete ergebnislos. Griechenland hat zwar mit einem neuen Reformpaket die Bedingungen dafür erfüllt, fordert aber einen weiteren Schuldenerlass, genau wie IWF-Europa-Chef Poul Thomsen. Ohne die Aussicht auf weitere Schuldenerleichterungen will sich der Fonds nicht am laufenden Kreditprogramm beteiligen. Deutschland und andere Euro-Länder haben eine IWF-Beteiligung aber zur Bedingung für weitere Milliardenhilfen gemacht.

Japonica Partners & Co. Chief Executive Officer Paul Kazarian Interview

Der frühere Investmentbanker Paul Kazarian pocht auf korrekte Zahlen.

(Foto: Simon Dawson/Bloomberg)

Das entscheidende Treffen der Gläubiger findet nun am 15. Juni statt - erreichen sie da keinen Kompromiss, droht Griechenland wieder einmal die Pleite. Auf der Konferenz am Dienstag in Frankfurt trafen einige der wichtigsten Akteure in den aktuellen Verhandlungen aufeinander. Die Zeit dränge, befand Griechenlands Finanzminister Euclid Tsakalotos, und forderte Klarheit vom IWF: "Es scheint mir an der Zeit zu sein, dass der IWF sich klar darüber wird, was er tun will und er meint, was getan werden soll", sagte er.

EZB-Ratsmitglied Benoît Coeuré lobte, was Griechenland alles erreicht habe, um bald an die Finanzmärkte zurückzukehren. Dazu sei aber zügig Klarheit über künftige Schuldenerleichterungen nötig, sagte er. Dies sei auch eine Voraussetzung, griechische Anleihen noch in das Anleihen-Kaufprogramm der EZB aufzunehmen. Sobald das geschieht, könnte sich Griechenland wieder normal an den Finanzmärkten refinanzieren. Andernfalls hängt das Land weiter am Finanztropf.

Dabei müsste das längst nicht mehr sein, wenn man der Argumentation von Investor Kazarian folgt. Berechne man Griechenlands Schuldenstand nach internationalen Standards zur Rechnungslegung im öffentlichen Sektor, behauptet er, läge er nicht mehr bei mehr als 180 Prozent der Wirtschaftsleistung, sondern nur noch bei maximal 91 Prozent. Kazarian fordert, nicht mehr mit dem Nennwert der Staatsschulden zu rechnen, der laut IWF inzwischen bei 325 Milliarden Euro liegt - sondern mit dem Zeitwert der Kredite. Dieser berücksichtigt die bisherigen Schuldenerleichterungen, also die niedrigeren Zinsen, die längere Rückzahlungsdauer und den späteren Beginn der Tilgungen. "Griechenland kann es heute schon allein schaffen", ruft Kazarian in den Saal.

Treffen sich zwei

Bitte keine Eskalation mit Griechenland! So oder ähnlich dürfte Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, dem deutschen Bundesfinanzminister an diesem Mittwoch in Berlin ins Gewissen geredet haben. In diesen Tagen glühen wieder die bekannten Drähte zwischen den griechischen Gläubigern. Wolfgang Schäuble ist nicht ganz unschuldig daran. Seine Leseart bisheriger Vereinbarungen zwischen der Euro-Gruppe und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über Schuldenerleichterungen für Griechenland verhindert bisher die Einigung über die Zahlung der nächsten Kredittranche, die Athen dringend braucht. Inzwischen zeichnet sich ein Kompromiss ab, der aber scheint Schäuble nicht zu gefallen. Was sich daran zeigt, dass er keine Gelegenheit auslässt, die Berechnungen des IWF infrage zu stellen. Juncker dürfte das an 2015 erinnern, als Schäuble in ähnlicher Lage vorschlug, Athen solle zeitweise den Euro verlassen. So weit will Juncker es nicht wieder kommen lassen. Cerstin Gammelin

Der Ökonom Lars Feld, Mitglied im Sachverständigenrat, kann dem etwas abgewinnen. Lege man den Zeitwert der Schulden zugrunde, zeige sich, dass die Situation weit weniger dramatisch sei. "Durch die Konzentration auf die hohen Schuldenquoten wird das Problem in der öffentlichen Debatte übertrieben", sagt er. Deutschland käme das eigentlich zupass: Wenn Griechenland wirklich so viel besser dasteht, könnte man die Rettungspolitik deutlich schneller zu den Akten legen.

Ganz uneigennützig ist Kazarian indes nicht: Wären die Griechenland-Zahlen besser, stiegen seine Anleihen womöglich massiv im Wert. Einen neuen Schuldenschnitt will er dagegen unbedingt vermeiden.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes war davon die Rede, dass Kazarian für drei Millionen Euro kaufte. Das ist falsch. Kazarian kaufte im Wert von etwa drei Milliarden Euro.