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Spuren der Finanzkrise:Schwierige Aufräumarbeiten bei der Deutschen Bank

Fitschen and Jain, co-chairmen of the Germany's largest business bank, Deutsche Bank AG close their jackets after the annual news conference in Frankfurt

Jürgen Fitschen und Anshu Jain (rechts) sollen bei der Deutschen Bank einen Kulturwandel einleiten.

(Foto: REUTERS)

Die Deutsche Bank hat Fehler begangen, als es ihr gut ging. Sie hat riskante und manchmal illegale Geschäfte betrieben und verliert nun Milliarden durch Gerichtsverfahren und drohende Strafen. Die neuen Chefs Jain und Fitschen versuchen, der Bank eine neue Kultur zu verpassen. Doch sie sind selbst Teil der alten.

Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank von 1985 bis 1989, war mehr als ein Bankier. Er war scharfsinnig und redete geschliffen. Vieles, was er einst formuliert hat, ist gültig über den Tag hinaus. "Die meisten Fehler", hat er zum Beispiel mal gesagt, "machen Unternehmen, wenn es ihnen gut geht, nicht wenn es ihnen schlecht geht." Oder: "An dem Tag, an dem die Manager vergessen, dass eine Unternehmung nicht weiterbestehen kann, wenn die Gesellschaft ihre Nützlichkeit nicht mehr empfindet oder ihr Gebaren als unmoralisch betrachtet, wird die Unternehmung zu sterben beginnen."

Auch die Deutsche Bank hat Fehler begangen, als es ihr gut ging - in den goldenen Jahren des Kapitalismus, in der Zeit vor 2008. Die Deutsche Bank war damals einer der wichtigsten Spieler im globalen Casino, eine große Nummer im Investmentbanking, im Handel mit Devisen und Derivaten. Sie hat damals Geschäfte betrieben, die in vielen Fällen riskant und manchmal auch illegal waren. Sie hat im großen Stil mit hochkomplexen Finanzprodukten gezockt, die kaum jemand verstand. Sie hat fragwürdige Dinge gemacht, bei denen leider niemand nachgefragt hat, weil sie viel Geld abwarfen.

Ihre Händler waren mit dabei, als zahlreiche Großbanken den Libor manipuliert haben, einen der wichtigsten Zinssätze der Welt - ein Skandal, der die ganze Skrupellosigkeit unter Investmentbankern offenbart hat. Händler der Bank haben, so glauben die Ermittlungsbehörden, auch den Preis von hochriskanten Derivaten manipuliert oder von Devisenkursen. Bei den üblen Tricks im Handel mit Verschmutzungsrechten war die Deutsche Bank ebenfalls involviert.

Fünf Jahre nach dem Ende dieser wilden Zeit geht es der Deutschen Bank längst nicht mehr so gut. Die Finanzkrise hat Spuren hinterlassen, tiefe Spuren. Die gigantischen Gewinne haben sich verflüchtigt, die neuen Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen sind mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Kleinlaut müssen sie nun einräumen, dass die Bank so gut wie kein Geld mehr verdient, weil sie viele Milliarden für Gerichtsverfahren und drohende Strafen zurückstellen muss - für Strafen, die andere Banken längst akzeptiert haben. So hat die US-Bank JP Morgan gerade erst einen Vergleich über 13 Milliarden Dollar akzeptiert, weil sie höchst fragwürdig mit Ramschkrediten für amerikanische Hausbesitzer umgegangen ist.

Die Deutsche Bank, gegründet 1870, groß geworden in der Bismarck-Zeit, war in den vergangenen Jahren nicht allzu weit von jenem Punkt entfernt, an dem Herrhausen zufolge das Sterben beginnt: Die Deutschen empfanden sie als nutzlos und unmoralisch. Die Bundesbürger begannen bereits vor dem Lehman-Crash an der wichtigsten Bank des Landes zu zweifeln. Sie erschraken, als Ackermann seine Finger im Mannesmann-Prozess zum Victory-Zeichen reckte oder eine Rendite von 25 Prozent forderte, während er Tausende Mitarbeiter feuerte.

Und dann erst die Finanzkrise. Wie kann es sein, fragten sich viele, dass die Regierung viele Hundert Milliarden Euro bereitstellt, um die Zocker aus den Geldhäusern zu retten? Und wie kann es sein, dass ausgerechnet der wichtigste Banker des Landes, Josef Ackermann, verkündet, er sei stolz, dass seine Bank diese Staatshilfe gar nicht brauche? Eine Aussage, die sich im Übrigen im Nachhinein als unwahr erwiesen hat: Die Deutsche Bank kassierte im Zuge der Rettung des Versicherungskonzerns AIG mehr als acht Milliarden Dollar von der US-Regierung.

Jain und Fitschen versuchen nun seit gut einem Jahr, der Deutschen Bank eine neue Kultur zu verpassen. Dies fällt nicht leicht, zumal beide - vor allem der Investmentbanker Jain - lange Teil der alten Kultur waren. Sie haben ihren Mitarbeitern neue Werte verordnet, sprechen von Integrität und Nachhaltigkeit und haben das Geschäft um viele Hundert Milliarden Euro zurückgefahren. Die Deutsche Bank wird dadurch nicht zu einem völlig anderen Unternehmen, sie handelt weiter mit jenen hochgefährlichen Produkten, die in die Krise hineingeführt haben, sie ist immer noch "too big to fail", zu groß, als dass der Staat sie fallen lassen könnte.

Ob Jain und Fitschen der Kulturwandel gelingt, hängt auch davon ab, wie sie mit den ungelösten Gerichtsverfahren, den drohenden Strafen, den Vergleichsverhandlungen umgehen. Zeigen sie sich reumütig oder eher großmäulig wie manch amerikanischer Kollege? Und folgen auf mögliche Urteile wirklich auch Taten? Noch haben die neuen Chefs nicht bewiesen, dass die Bank wirklich aus der Krise gelernt hat. Oder wie es Alfred Herrhausen einst formuliert hat: "Wir müssen das, was wir sagen, auch tun. Und wir müssen das, was wir tun, auch sein."