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Sprachverwirrung:Die Produktivität der Heuschrecke

Bei der Wahl zum Unwort des Jahres 2005 hatten die Sprachwissenschaftler eine unglückliche Hand.

Martin Hesse

Sprachforscher und Ökonomen verstehen einander nicht. Zum zweiten Mal in Folge hat die Jury der Sprachwissenschaftler einen Begriff aus der Wirtschaftswissenschaft zum Unwort des Jahres gewählt. Nach "Humankapital" fiel die Wahl für 2005 auf "Entlassungsproduktivität".

Damit sei eine gleichbleibende, wenn nicht gar gesteigerte Produktionsleistung gemeint, nachdem zuvor zahlreiche für "überflüssig" gehaltene Mitarbeiter entlassen worden seien, begründete die Jury um den Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser ihre Entscheidung.

Das Wort Entlassungsproduktivität verschleiere die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch hätten behalten können. Die volkswirtschaftlich schädlichen Folgen der personellen Einsparung, die Finanzierung der Arbeitslosigkeit, würden mit diesem Terminus "schamhaft verschwiegen".

Verzerrter Maßstab

Gut gewählt, möchte man meinen. Geht es der Jury nicht darum, Wörter und Formulierungen der öffentlichen Sprache zu geißeln, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise die Menschenwürde verletzen? Und ist es nicht verletzend für überlastete Arbeitnehmer und vor allem für Arbeitslose, wenn das negative Phänomen der Entlassung mit dem positiven Begriff der Produktivität vermischt wird?

Tatsächlich aber stellen die Sprachforscher auf den Kopf, was Ökonomen mit dem Wort Entlassungsproduktivität eigentlich erreichen wollen. "Es geht gerade darum, darauf hinzuweisen, dass Entlassungen zu keinem echten Anstieg der Arbeitsproduktivität führen", sagt Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, der den Begriff Mitte der neunziger Jahre prägte. Der Begriff diene der Versachlichung der Lohnpolitik und solle letztlich gerade dazu beitragen, Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Tarifparteien sind sich grundsätzlich einig, dass Produktivitätssteigerungen dazu dienen sollen, die Beschäftigung zu erhöhen. Deshalb lautet eine Faustregel, dass die Löhne nur in dem Maße steigen sollten, wie sich die Arbeitsproduktivität erhöht.

Die Produktivität, also die Wirtschaftsleistung je Arbeitsstunde, steigt aber auch dadurch, dass Unternehmen Stellen abbauen. Der Sachverständigenrat argumentiert, die Produktivität werde rückblickend statistisch nach oben verzerrt, wenn Arbeitskräfte entlassen werden. Orientierten sich die Tarifparteien an diesem verzerrten Produktivitätsanstieg, steige die Arbeitslosigkeit weiter.

Schon bei dem Begriff Humankapital hatten die Sprachforscher ein in der Wirtschaftswissenschaft positiv belegtes Wort negativ interpretiert. Der Mensch werde auf seine Funktion als Produktionsfaktor reduziert, hieß es damals in der Begründung.

Immerhin wurde der Mensch damit nicht auf ein Insekt verkleinert. Mit Heuschrecken verglich im Frühjahr 2005 der frühere SPD-Chef Franz Müntefering Finanzinvestoren, die "über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und weiterziehen". Die Börse Düsseldorf wählte den Begriff Heuschrecke jetzt zum Börsen-Unwort des Jahres. Die Formulierung präge ein völlig falsches Bild dieser Investorengruppe.

Tatsächlich dürfte der Vergleich mit Heuschrecken manchen Finanzinvestor in seiner Menschenwürde gekränkt haben. So gesehen ist Heuschrecke als Unwort des Jahres glücklicher gewählt als Entlassungsproduktivität, zumal Heuschrecke zum Synonym für eine diffuse Gruppe von Investoren wurde.

Auf einem anderen Blatt steht, dass Münteferings Vergleich in einzelnen Fällen durchaus treffend ist. So stehen Heuschrecken im Sinne von Finanzinvestoren nicht ganz zu Unrecht in dem Ruf, die Entlassungsproduktivität zu erhöhen.

© SZ vom 25.1.2006
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