Sport und Kommerz:Tabubruch in der 2. Liga

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Eines ist aber auch klar: Von der Auslandsvermarktung werden vor allem die ohnehin schon sportlich wie ökonomisch starken Bundesligaklubs profitieren. Wie schon bei Einführung der Champions League vor 22 Jahren. Sie war der entscheidende Schub in Sachen Kommerzialisierung. Allein wer sich für die Gruppenphase qualifiziert, kassiert garantierte 20 Millionen Euro. Obendrauf kommen weitere Millionen aus Ticketverkauf und Merchandising, nicht zu vergessen die erfolgsabhängigen Prämien, die Ausrüster und Sponsoren bezahlen. Wer den Titel gewinnt, kann 70 Millionen Euro aufwärts verdienen.

Allein diese Einnahmen reißen die Kluft innerhalb der Bundesliga naturgemäß immer weiter auf. Es ist der ewige Kreislauf im Profifußball: Wer mehr Geld hat, kann sich bessere Spieler leisten, ist sportlich (in der Regel) erfolgreicher, was wiederum die Medienpräsenz erhöht und damit wiederum die Einnahmen. Das raubt dem Fußball auch ein Stück jener Unberechenbarkeit, von der er auch lebt. Spannung erzeugen derweil die Spiele unterhalb der Meisterschaft: der Kampf um die Plätze in Champions- und Euro-League oder gegen den Abstieg.

Die Kluft wird wachsen, aber die Zuschauer werden trotzdem kommen

Man mag all das gut finden oder nicht - es ist und bleibt die Realität. Die Kluft in der Bundesliga wird weiterwachsen. Doch siehe da: Dem Hype, der Begeisterung der Fans, tut dies keinen Abbruch.

Solange das so ist, wird die Kommerzialisierung des Fußballs weiter voranschreiten. Sie braucht allerdings Grenzen. Lange Zeit gelang es den Verantwortlichen von DFB und DFL, die Balance zu halten. Die deutsche "50 plus eins"-Regel verhindert einigermaßen, dass die Profiklubs zu Spielbällen von Investoren werden. Gewiss, Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg sind von den Konzernen Bayer und Volkswagen abhängig. Aber sie haben eine lange Tradition als deren Werksmannschaften. Ein Grenzfall ist die TSG Hoffenheim, die ohne SAP-Milliardär Dietmar Hopp sicher nicht in der Bundesliga wäre.

Nun allerdings wurde endgültig ein Tabu gebrochen. Die DFL hat RB Leipzig eine Lizenz für die zweite Liga erteilt. Einem Verein ohne Geschichte, Identität oder Mitglieder im klassischen Sinne. RB ist eine reine Marketingabteilung des Brause- und Vergnügungskonzerns Red Bull, ein durchgestyltes Produkt, ein seelenloses Kunstgebilde ohne Fankultur. Mitglieder-Mitbestimmung würde da nur stören. Für Red-Bull-Eigentümer Dietrich Mateschitz ist RB Leipzig ein weisungsgebundener Teil seiner Firma und ausschließlich deren strategischen Interessen unterworfen. Ein Klub ohne eigene Identität. Das ist der Unterschied zu Hopp und Hoffenheim.

Rege sich bitte kein Verantwortlicher im deutschen Fußball mehr auf über böse Scheichs, russische Oligarchen und Finanzinvestoren, die den Fußball in anderen Ländern gekapert haben. Die Lizenz für RB Leipzig hat solchen Figuren auch hierzulande die Tore weit aufgestoßen.

Die Folgen sind unabsehbar. Es ist eine Bedrohung für die Architektur der Bundesliga, wo Vereine bislang mithilfe von Sponsoren mitmischen und nicht umgekehrt. Der Fußball braucht aber zum Kommerz auch eine Fußballkultur. Sonst verliert er seine Seele. Und dann funktioniert irgendwann auch das Geschäft nicht mehr.

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