Spielzeug-Industrie Es geht um weit mehr als nur um Farben

Der Spielwarenmarkt sei der erste Markt gewesen, der mit der Genderisierung von Produkten begonnen habe, sagt die Wissenschaftlerin, andere Konsumgütermärkte seien gefolgt. Das liegt daran, dass Spielsachen besonders umkämpft sind, denn Eltern und Großeltern geben sehr viel Geld für ihre Kinder oder Enkel aus. Im vergangenen Jahr waren es in Deutschland fast drei Milliarden Euro. Natürlich tun Eltern das nicht immer ganz freiwillig, aber Kinder können ja sehr durchsetzungsstark sein, wenn sie etwas haben wollen. Und je mehr die Welt in Rosa und Hellblau geteilt ist, desto klarer ist, dass alles zweimal gekauft werden muss.

Ist ja auch logisch. Welcher Junge steigt schon freiwillig auf das Prinzessinnen-Fahrrad der großen Schwester, wenn sie dafür zu groß ist? Und welches echte Mädchen hat Lust, das Star-Wars-Puzzle des Bruders zu machen oder sich als Bob-der-Baumeister zu verkleiden? Dann bekommt die Tochter doch lieber gleich das Lego-Set mit dem Cupcake-Stand oder dem Friseursalon und der Junge das Set mit dem Spaceshuttle oder dem Einfamilienhaus.

Das Problem daran ist, dass es um weit mehr geht als nur um Farben. Man muss nur einmal in die Spielzeugabteilung eines großen Kaufhauses fahren.

Wie 1950, nur mit mehr Glitzer

Schon von der Rolltreppe aus sieht man, in welche Richtung die Jungs und in welche die Mädchen laufen sollen. In der pinken Ecke befinden sich ausgeschildert die Bereiche Kosmetik sowie Koch- und Putzgeräte - bei Kaufhof gibt gerade ein praktisches Putz-Set, Wischmopp, Besen, Handfeger und Schaufel, Made in Germany, nur 9,99 Euro -, der blaue Bereich wird dominiert von Autos, Waffen und Handwerk.

Die Jungs, so lautet die Botschaft hier oben, das sind die Coolen und Starken, die Baumeister und Eroberer. Das sind Männer, die nie weinen. Die Mädchen, das sind die Mäuschen, die Hilfsbereiten, die sich um andere kümmern, keine allzu komplexen Tätigkeiten ausüben - sich bei all dem aber ein bisschen hübsch machen sollten. Es könnte auch das Jahr 1950 sein, gäbe es nicht so viel pinken Glitzer.

Diese Rollenbilder sind es, über die sich Genderforscher wie Stevie Schmiedel aus Hamburg aufregen. Schmiedel hat vor vier Jahren die Initiative "Pinkstinks" gegründet, die gegen Sexismus in der Werbung und Gender-Marketing kämpft. Schmiedel spricht von "Pinkifizierung", wenn sie aufzählt, wie viele frühere Uni-sex-Produkte es nun in einer Version für Mädchen und Jungs gibt. Monopoly etwa oder das Bobby Car - einst in einem zeitlosen Signalrot, jetzt in Hellblau und Rosa. "Die Geschlechtertrennung nach Farbwelten betrifft vor allem Vorschul- und Grundschulkinder", sagt Stevie Schmiedel, aber danach werde es nicht besser. "Die Codifizierung bleibt die gleiche."

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Jungs lernen von klein auf, dass sie stark sein müssen

Prinzessin Lillifee werde nach ein paar Jahren vielleicht von Germany's Next Topmodel abgelöst, aber das Bild von Weiblichkeit bleibe dasselbe, die Geschlechterdichotomie sei längst verinnerlicht. "Das ist für Jungs genauso problematisch wie für Mädchen", sagt Schmiedel. "Jungs sind stärker von Depressionen betroffen als Mädchen. Wenn sie von klein auf lernen, dass sie stark sein müssen und keine Gefühle zeigen dürfen, ist das kontraproduktiv."

Denn im Gegensatz zu Erwachsenen können kleine Kinder noch keine Rollenklischees hinterfragen. "Sie nehmen die Botschaften der Werbung für bare Münze", sagt Almut Schnerring. Die Journalistin hat das Buch "Die Rosa-Hellblau-Falle" geschrieben, sie glaubt: Wenn Mädchen von klein auf lernen, dass Schönheit, Puppenpflege und Flechtfrisuren zu den Interessen eines Mädchens gehören, dann werde es schwierig, ihnen später zu erklären, wie spannend technische und naturwissenschaftliche Berufe seien. Und kleine Krieger für den Erzieherberuf begeistern? Auch nicht ganz einfach. Dabei ist genau das ja politisch gewollt.