Spielzeug "Die App sagt dir, was dein Kind dir nicht sagen kann"

Genau daran jedoch hat so manch unabhängiger Experte seine Zweifel. "Technologiefirmen wissen genau um den Einfluss von Lehrern und Ärzten und versuchen deshalb, sie mithilfe von Geschenken und anderen Anreizen dazu zu bringen, ihre Produkte zu empfehlen", sagt Douglas Levin, der mit seiner Firma Edtech Strategies unter anderem die US-Schulbehörden bei der Beschaffung von Lernsoftware berät. "Die Lehrer und Ärzte stecken deshalb oft in einem Interessenkonflikt, von dem die Öffentlichkeit nichts weiß."

Zu den Firmen, die die Technologisierung des Kinderzimmers vorantreiben, gehören die Elektronikriesen Motorola und Philips. Der eine bietet ein komplettes Arsenal an Überwachungskameras für Wiege und Kinderbett an, der andere hat die App uGrow ("Du wächst") entwickelt, mit der Eltern jedes Detail eines Kleinkinderlebens aufzeichnen und teilen können: Stillzeit, Schlafdauer, Schlafposition, Essensmenge, wann die Windel gewechselt wurde und so fort. Verhält sich das Baby ungewöhnlich, steht per Videotelefonat ein Arzt bereit, der alle Daten natürlich längst in seinem Computer hat. "Die App sagt dir, was dein Kind dir nicht sagen kann", verspricht Philips im Werbefilm.

Zu den großen Konzernen kommen unzählige Jungunternehmen wie das US-Start-up Owlet. Firmengründer Kurt Workman hat mit seinen Partnern einen intelligenten Strumpf entwickelt, der vor allem nachts die Herzfrequenz, die Temperatur, die Sauerstoffversorgung und die Schlafqualität des Kindes überwacht. "Wir alle haben Angst um unsere Kinder, und diese neuen Instrumente helfen uns, bessere Entscheidungen zu treffen", sagt Workman, der zur ersten Elterngeneration gehört, die selbst mit Laptop, Internet und Smartphone aufgewachsen ist. Drei von vier der sogenannten Millennials glauben einer Umfrage zufolge, dass sich ein Großteil der Probleme, von denen Mütter und Väter unweigerlich überfallen werden, mit moderner Technik besser lösen lassen.

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Geht es ums Kind - oder doch eher um die Daten?

Nur: Wie werden Gesundheitsdienstleister, Anbieter von Lernsoftware oder soziale Netzwerke mit der ungeheuren Datenflut umgehen, die ihnen Kinder frei Haus liefern? Die Vorschriften sind in jedem Land anders, vielfach variieren sie gar von Bundesstaat zu Bundesstaat. Auch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Anbieter helfen nicht weiter: Sie sind oft unpräzise, widersprüchlich und für Laien praktisch nicht zu verstehen. Das Ergebnis ist ein völliger Wildwuchs, bei dem niemand genau weiß, wer was wann speichert, teilt und womöglich verkauft.

Ähnlich steht es um mögliche Sicherheitsprobleme: Endet die Datensammelei etwa, wenn ein Gerät in den Ruhezustand versetzt wird, oder ist es wie einst beim amerikanischen Fahrdienstvermittler Uber, der seine Kunden auch dann noch ortete, wenn diese die App geschlossen hatten? Wer hat Zugriff auf Videos, bei denen Kinder gelegentlich auch nackig durchs Bild hüpfen? Und kann tatsächlich nur der Vater die Nachrichten lesen, die seine Tochter ins Kinder-Handy tippt - oder lesen da noch andere mit?

Schul- und Elternberater Levin hat den Verdacht, dass mancher Anbieter bei der Entwicklung seiner Lern- und Überwachungsprogramme weniger an das Wohlergehen der Kinder denkt als vielmehr an jenen Datenschatz, der da vor ihm liegt und sich womöglich gewinnbringend an die Werbeindustrie verkaufen lässt. "Das Sammeln von Informationen über Kinder", so der Experte, "ist längst nicht immer in deren Interesse." Ein Satz, den Eltern im Gedächtnis behalten sollten.

76 Prozent

der jungen Eltern zwischen 18 und 33 Jahren sind davon überzeugt, dass moderne Technik ihnen bei der Erziehung helfen und einen Teil der Sorgen ersparen wird, mit denen sich Mütter und Väter früher herumplagten. "Wir müssen uns bewusst machen, dass es eine Generation Eltern gibt, die keine Kulturpessimisten sind, sondern fest daran glauben, dass Technik das Leben verbessert", sagt Daniel Coates, dessen Analysefirma Ypulse die Daten ermittelt hat. Die Umfrage ergab zudem, dass sich eine fast genauso hohe Zahl von Müttern und Vätern nicht darum kümmert, was ihre Kinder mit technischen Geräten und in sozialen Netzwerken anstellen.

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