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Spekulation mit Agrarrohstoffen:Banker machen sich vom Acker

Sie wollen nicht für den Welthunger verantwortlich sein: Immer mehr Geldhäuser beenden deshalb ihre Spekulationen mit Nahrungsmitteln. Neuester Aussteiger ist die Landesbank Berlin. Nun wächst der Druck auf die Deutsche Bank - doch die ziert sich nach wie vor.

Auf der Skala der Reaktionen eines Unternehmens auf heikle Themen rangieren die beiden Wörter "Kein Kommentar" ganz oben. Dass aber eine Bank mit diesen Worten auf eine vermeintlich positive Nachricht reagiert, lässt aufhorchen. Man sollte meinen, dass sich die Commerzbank nicht verstecken muss, wenn die Organisation Foodwatch bekannt gibt, dass das Geldhaus soeben den Rückzug aus der Spekulation mit Nahrungsmitteln vollzogen hat.

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Doch es dürfte genau dieses Wort "Spekulation" sein, das die Commerzbank zurückschrecken lässt. Würde sie sagen, dass sie das Produkt aus ihrem Portfolio genommen hat, weil sie die Spekulation stoppen will, so würde sie damit indirekt zu Protokoll geben, dass sie auch auf andere Rohstoffe - zum Beispiel Öl - weiterhin spekuliert. Doch in den Augen der Banker ist das, was sie tun, keine Spekulation, sondern eine Investition.

Indem die Commerzbank schweigend Fakten schafft, gibt sie dem Druck der Organisationen Foodwatch und Oxfam nach, die Banken und Versicherungen angeprangert haben, durch Spekulation mit Agrarrohstoffen den Hunger in der Welt zu vergrößern. Kein Wunder, dass die Banker diesen miesen Ruf nicht gerne auf sich sitzen lassen.

Jetzt können die Organisationen wieder einen Erfolg verzeichnen: Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung zieht sich die Landesbank Berlin (LBB) aus Papieren mit Agrarrohstoffen zurück. Deren Tochterinstitut LBB Invest ist derzeit mit einem einstelligen Millionenbetrag in Agrarrohstoff-Vehikeln investiert. "Nach einem Beschluss der Geschäftsführung werden diese Papiere bis Ende September sukzessive reduziert", bestätigt ein Sprecher. Betroffen sind vier verschiedene Fonds der LBB Invest.

Druck auf Deutsche Bank wächst

Je mehr Banken sich aus Reputationsgründen dazu bekennen, aus den entsprechenden Anlageprodukten auszusteigen, umso größer wird der Druck auf die Deutsche Bank. Foodwatch hat ihre gesamte Kampagne auf das größte deutsche Geldhaus abgezielt. Der Kampagnen-Slogan "Hände weg vom Acker, Mann" hatte im Vorfeld der Hauptversammlung im Mai dieses Jahres für Aufsehen gesorgt. Die Deutsche Bank versprach, die eigenen Geschäfte unter die Lupe zu nehmen. Derzeit ist eine Studie in Arbeit, die untersuchen soll, ob die Produkte die Preise beeinflussen - oder nicht.

Tatsächlich lässt sich trefflich darüber streiten, welchen Einfluss die Anlageprodukte auf die Preisbildung an den Rohstoffmärkten haben. "Der Handel mit Rohstoff-Derivaten ist nur ein Einflussfaktor von vielen", sagt Manfred Schöpe, AgrarrohstoffExperte des Münchner Ifo-Instituts. "Es kann vorkommen, dass die Anleger einen Preistrend verstärken, sie lösen ihn aber nicht aus." Durch den Handel entstehe zwar zusätzliche Nachfrage, viel entscheidender seien aber andere Faktoren - etwa wie die Ernte ausfiel. Noch unklarer ist, ob ein Indexfonds, der gar nicht erst an den Warenterminbörsen Kontrakte eingeht, sondern lediglich Preisbewegungen abbildet, Einfluss auf das reale Marktgeschehen hat.

Selbst bei Foodwatch ist man sich nicht so ganz sicher, ob oder wie diese Finanzprodukte die Lebensmittelpreise beeinflussen. Für Foodwatch-Kampagnenführer Thilo Bode ist ein solcher Beweis auch gar nicht notwendig. "Nicht wir müssen die Schädlichkeit beweisen, sondern die Banken müssen deren Unschädlichkeit beweisen", fordert er. Das sei bei Giftmitteln schließlich auch so. Bis es Klarheit gibt, müssten die Banken rein als Vorsichtsmaßnahme auf derartige Produkte verzichten.