SPD im Umfrage-Hoch Darum ist Schulz so beliebt - obwohl es vielen Menschen gut geht

Martin Schulz hat gut lachen. Er liegt in manchen Umfragen vor Angela Merkels CDU.

(Foto: AFP)

Die Löhne steigen gerade so stark wie lange nicht. Der SPD-Kandidat fordert jetzt noch höhere Löhne - und hat damit Erfolg in den Umfragen.

Kommentar von Bastian Brinkmann

Die deutsche Wirtschaft erlebt einen sensationellen Aufstieg. So viele Menschen wie noch nie haben einen Arbeitsplatz, und oft ist es eine gute Festanstellung. Die Löhne steigen ordentlich, die Menschen werden reicher. Trotzdem feiern es viele Wähler, wenn der SPD-Kandidat Martin Schulz gerade jetzt noch höhere Löhne fordert und weniger befristete Jobs. Warum kommt das gut an, obwohl es den Deutschen so gut geht wie lange nicht?

Für die Debatte ist es interessant, in den statistischen Daten zurückzublättern und die heutige Lage mit der Situation vor 20 Jahren zu vergleichen. Die Löhne waren 2015 niedriger als 1995, wenn man die steigenden Preise einrechnet. Niedriger! Viele Menschen wurden also in den zwei Jahrzehnten ärmer. Außerdem stieg die Anzahl der befristeten und prekären Jobs.

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Wer allerdings nur die vergangenen fünf Jahre vergleicht, der kommt zum gegenteiligen Urteil. Denn seit 2010 kehrt sich der Trend um, die Löhne steigen, das Wirtschaftswachstum kommt bei den Menschen an. Wer über Ungleichheit klagt, schaut vielleicht also nicht nur auf die vergangenen fünf guten Jahre, sondern auf die vergangenen 20 Jahre, könnte man vermuten: Der Mensch denkt wirtschaftliche Zusammenhänge in Dekaden, weil die Entscheidung für Hausbau oder Familiengründung auch eine langfristige ist. Das klingt plausibel. Die ökonomische Forschung widerspricht aber.

Wissenschaftler haben Menschen gefragt, wie wichtig es ihnen ist, ihr Einkommen mit dem ihrer Eltern zu vergleichen. Das wird oft als Maßstab für gesellschaftlichen Aufstieg gesehen. Mehr als 70 Prozent der Deutschen sagten, ihnen sei dieser Vergleich ziemlich oder total egal. Nicht mal ein Prozent der Befragten fand ihn "extrem wichtig".

Forderungen nach höheren Löhnen kommen dann gut an, wenn es wirtschaftlich top läuft

Stefan Liebig von der Universität Bielefeld beschäftigt sich seit Jahren mit der Wahrnehmung von Ungleichheit und hat ein Muster entdeckt, das der Intuition widerspricht: Menschen fühlen sich gerechter bezahlt, wenn die wirtschaftliche Lage schlecht ist. Dahinter steckt wahrscheinlich die Angst, in schlechten Zeiten noch mehr zu verlieren. Viele sind dann zufrieden mit dem, was sie haben. Umgekehrt fühlen sich Menschen ungerecht bezahlt, wenn der Laden läuft - so wie jetzt. Sie sehen derzeit, dass viel Geld da ist und denken sich, dass ein Stück davon ihnen zustehe. Daher kommen Forderungen nach höheren Löhnen ausgerechnet dann gut an, wenn sie bereits steigen.

Das Muster gilt nur eingeschränkt für die Mittelschicht, obwohl Debatten oft um ihre Abstiegsängste kreisen. Es betrifft vor allem die Geringverdiener, die zu den ärmsten 20 Prozent gehören.

Der Zuschuss ist für Aufstocker der monatliche Beweis, dass sie nicht gerecht bezahlt werden

Das könnte sich aus dem Leistungsgedanken erklären, der der Marktwirtschaft zugrunde liegt: Wer sich anstrengt, soll auch etwas bekommen. Viele glauben, dass arme Leute faul seien, oder dumm, eben Versager am Arbeitsmarkt - deswegen seien sie ja auch arm. Die Betroffenen sehen sich selbst ganz anders. Sie wollen Leistung erbringen und die entsprechende Anerkennung bekommen. Wer nach acht Stunden harter körperlicher Arbeit noch zum Staat gehen muss, um genug Geld zum Leben zu haben, der merkt, dass etwas nicht stimmt. Der Zuschuss ist für Aufstocker der monatliche Beweis, dass sie nicht gerecht bezahlt werden.

Es gibt also eine gesellschaftliche Gruppe, bei der die SPD mit einem Gerechtigkeitswahlkampf punkten kann. Nun müssen die potenziellen Wähler nur noch vergessen, dass die Partei in 16 der vergangenen 20 Jahre an der Regierung beteiligt war. Glück für die SPD, dass die Wahrnehmung anders funktioniert.

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