Sparbuch Das kleine Rote

Das Sparbuch wurde immer wieder politisch missbraucht, mal um Kriege zu finanzieren, mal um Revolten zu verhindern oder den Antisemitismus zu schüren.

Von Victor Gojdka

Als Karl Marx wieder mal klamm war, notierte er in eine Zettelsammlung, dass dieser ganze Drang zum Sparen sowieso keinen Sinn habe. Die Sparer betrieben bloß "Knickerei", verwandelten sich in "Rechenmaschinen" und zementierten durch ihre Kniepigkeit doch nur die eigene "Lumperei", ihre Armseligkeit. Knausern, Knickern, Pfennigfuchsen, das wird aus den Zeilen klar, sind die Sache des jungen Mannes nicht.

Als Student verzechte Marx in Bonn und Berlin mehr Geld in Kneipen, als Ratsherren verdienten. In seinen Brüsseler Tagen der späten 1840er-Jahre war Marx so abgebrannt, dass er neben dem Familiensilber und -gold auch seine Bettwäsche im Leihhaus versetzen musste. Marx' Aversion gegen das Sparen war keineswegs nur seiner persönlichen Unfähigkeit dazu geschuldet. Das Sparen? "Eine dreifache Maschine des Despotismus", notiert Marx. Ihm ging es wie immer ums große Ganze.

Marx' Bemerkungen haben dem Sparbuch nicht geschadet, für die Deutschen wurde das Büchlein zum Lebensbegleiter. Es ist ein Stück Inventar der Republik, manche sagen gar: ein nationales Heiligtum. "Sparen ist ein Wert an sich geworden", sagt die Finanzpsychologin Monika Müller. Ganze Großelterngenerationen legten ihren Enkeln ein Sparbuch in die Wiege. Das Sparbuch gehörte zum Hausrat der Bonner Republik wie Gartenzwerge und die Capri-Fischer. Heute noch, so eine Studie der Commerzbank, besitzen 45 Prozent der Deutschen ein Sparbuch.

Dass das vermeintlich private Büchlein oft politisch missbraucht wurde, wird oft übersehen. Politikern kam es zupass, dass aus Arbeitern mithilfe des Sparbuchs Kleinbürger wurden, und sie nutzten die Spareinlagen, um nicht nur Prestigeprojekte, sondern auch Kriege zu finanzieren.

Niemand konnte ahnen, welche Karriere das Büchlein machen würde, als an jenem 15. Juni 1818 die kommunale Berliner Sparkasse um neun Uhr ihren Betrieb aufnahm. An der Königs-, Ecke Spandauer Straße hatten sich die Sparkassenmitarbeiter in einem Anbau des Rathauses einquartiert. "Über die eingezahlten Summen erhält jeder Interessent ein sogenanntes Quittungs-Buch, welches eine Nummer enthält und mit der Unterschrift des Curatoriums versehen ist", notierte der Rechnungsführer der Sparkasse.

Vorher hatten die wenigen deutschen Sparkassen ihren Kunden einzelne Scheine oder Bögen ausgegeben, mit der jede Einlage einzeln quittiert wurde. An deren Stelle trat nun ein unscheinbares Büchlein. Für Experten ist dieser Junitag vor 200 Jahren der bisher erste bekannte Verweis auf ein Sparbuch in Deutschland.

Als Marx 1847 seine Abrechnung mit den Sparkassen zu Papier brachte, hatte er das politische Potenzial des Sparbuchs schon erkannt. In vielen deutschen Städten rühmten sich die Magistraten, den Armen damit eine Perspektive zu geben. Ihre Spargroschen sollten nicht länger im Sparstrumpf versauern, sondern bei der Bank "auf Zins" angelegt werden. Marx hielt diese Mildtätigkeit für vorgeschoben. "Die Sparkasse ist die goldene Kette, woran die Regierung einen großen Teil der Arbeiterklasse hält", notierte er in sein Diarium. Mit anderen Worten: Wer spart, hat etwas zu verlieren. "Und wer etwas zu verlieren hat, so der Gedanke, macht keine Revolution", sagt Wirtschaftshistoriker Robert Muschalla vom Deutschen Historischen Museum in Berlin, der sich mit der deutschen Spargeschichte auseinandergesetzt hat.

Krupp gründete eine Fabriksparkasse - um Aufständen vorzubeugen

Marx war mit seiner Meinung keineswegs allein. Großindustrielle wie Friedrich Alfred Krupp unterstützen die Sparbewegung, richteten eigenen Fabriksparkassen ein, um die aufkeimende Arbeiterbewegung niederzuhalten. Besonders deutlich wurden die Verfasser des Deutschen Staatswörterbuchs von 1865: Die Sparkasseneinlage sei "ein Damm gegen kommunistische Gelüste und revolutionäre Gedanken", schrieben sie.

Marx mochte es nicht, Kaiser Wilhelm II. machte es zur nationalen Sache und noch heute schwören die Deutschen darauf: das Sparbuch.

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Nebenbei arbeiteten die Kommunen mit dem Geld der Anleger in den oft städtischen Sparkassen, investierten es in eigene Kommunalanleihen. "Viele Kommunen waren nach den napoleonischen Kriegen und in der beginnenden Industrialisierung dringend auf Kredite angewiesen", sagt Wirtschaftshistoriker Muschalla. Ohne die Sparbücher hätten die Magistrate ihren Traum vom großflächigen Straßenbau Anfang des 19. Jahrhunderts kaum finanzieren können. Ein interessanter Zufall, dass ausgerechnet jener Plöner Ratsherr, der eine neue Straßenbaumethode erprobte und den Grundstein für viele Chausseen in Norddeutschland legte, auch das älteste noch erhaltene deutsche Sparbuch beantragte. Doch es sollte nur wenige Dekaden dauern, bis das Sparbuch nicht nur Straßen finanzierte, sondern auch Kriege.

Am 1. August 1914 versammelte sich eine große Menschenmenge auf dem Platz vor dem Berliner Stadtschloss. Kriegsfiebrig jubelten die Berliner ihrem Kaiser Wilhelm II. zu. Eben hatte das Deutsche Reich Russland den Krieg erklärt. In seiner "Balkonrede" beschwor Wilhelm II. die nationale Einheit und sprach - mit knarziger Stimme - jene Worte, die später seine bekanntesten werden sollten: "Ich kenne keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr, wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder." Diese Losung zierte fortan die ersten Seiten vieler Sparbücher, deren Umschläge damals ihr neutrales Blau oder Schwarz verloren und nun in Reichsfarben gedruckt wurden.

Jeder sollte sehen können, dass das kleine Buch nicht mehr dem individuellen Sparen diente. Sondern der nationalen Sache.

Zwei Monate nach Beginn des Ersten Weltkrieges begab das Reich die erste Kriegsanleihe, um die Schlachten zu finanzieren. Selbst jene, die sich von der Kriegsanleihe ferngehalten hatten, mussten später feststellen: Sparkassen und Genossenschaftsbanken hatten die Gelder der Sparbuch-Anleger im Rahmen ihrer eigenen Geschäfte zum Großteil in Kriegsanleihen angelegt. Manche sprechen deshalb auch von einer "geräuschlosen Kriegsfinanzierung", eine Methode, die später auch die Nationalsozialisten ausgiebig nutzten.

Wie kaum ein anderer stellte Hitler das Sparbuch in den Dienst der Propaganda. Hier der Deutsche, der mit seiner Hände Arbeit ehrlich Geld verdient. Der sät, wartet und später mehr oder weniger reichlich erntet. Dort das als jüdisch bezeichnete "Finanzkapital", das vorgeblich mit Spekulation dem Rest der Welt das Geld aus der Tasche zieht. Damit knüpften die Nationalsozialisten auch an psychologische Faktoren an: "Spekulation wird in Deutschland emotional viel negativer empfunden als anderswo", sagt Finanzpsychologin Müller. Hier die Bienen, dort die Spinnen, so die Ikonografie des Regimes.

Im Herbst 2008 rüttelte es die Deutschen aus ihrer Sparseligkeit: Der Zusammenbruch der Bank Lehman in den USA schlug weltweit Wellen, die Bürger fürchteten um ihre Ersparnisse.

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Wie weit der Zynismus der Nationalsozialisten ging, zeigte sich, als im Herbst 1942 ein Schild im Konzentrationslager Theresienstadt aufgehängt wurde. Am Gebäude Q619 prangte fortan der Schriftzug "Bank der jüdischen Selbstverwaltung". Deportierte Juden mit Bankerfahrung mussten hier als Direktoren arbeiten, sich ein luxuriöses Büro einrichten - so wollte es das Drehbuch der Nationalsozialisten. Vor einem Besuch des Internationalen Roten Kreuzes wollte die SS das Lager als Mustersiedlung inszenieren. Ausgerechnet die Existenz von Sparbüchern beziehungsweise Sparkarten, die jeder Häftling bei sich führen musste, sollte beweisen, dass im Lager alles mit rechten Dingen zuging. Auf jene Sparkarten wurde den Insassen ein Teil ihres Lohnes überwiesen, der größtenteils eingefroren wurde, ihnen also gar nicht zur Verfügung stand. Vom mageren Rest konnten sie eine schwarze Brühe erwerben, die sich Kaffee nannte. Oder jene Mäntel kaufen, die ihnen die Nazis zuvor abgenommen hatten.

Dergleichen wollte man in der frühen Bundesrepublik vergessen machen. Die Menschen richteten sich in einer Welt aus munteren Schlagern und dem warmen Klang der Röhrenradios ein. Die Sparkassen warben mit der Reklamefigur Sparefroh, die in Österreich bald bekannter war als der Bundespräsident. Eisernes Sparen war gestern, die Gegenwart gehörte dem Konsumsparen: Waschmaschine, Fernseher, Italienreise, das Sparbuch machte es möglich. Kinder sammelten derweil die Knax-Comics der Sparkasse, in denen Didi, Dodo und Pomm-Friedel gegen die Räuberbande auf der Burg Fetzenstein kämpfen. Diese bunte Werbewelt vermittelte ein bürgerliches Ideal: In den Comics ging es um ehrliche Handwerker, um Land- und Gastwirte. Bei den Volksbanken schwirrte die Biene Sumsi herum. Die Banken machten auf Biedermeier, während auf den Straßen wütende Studenten gegen den herrschenden Moralkodex der Bundesrepublik revoltierten.

Doch im Herbst 2008 rüttelte es die Deutschen aus ihrer Sparseligkeit. Der Zusammenbruch der Bank Lehman in den USA schlug weltweit Wellen - auch in Deutschland. Die Bürger fürchteten um ihre Ersparnisse, die Angst vor einem Bankenrun war groß. Das zwang die Bundesregierung zum Handeln. An einem Sonntag im Oktober 2008 traten Kanzlerin Angela Merkel und der damalige Finanzminister Steinbrück im Lichthof des Kanzleramts vor die Fernsehkameras. "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind", versprach die Kanzlerin und nickte mit dem Kopf, als könnte sie ihre Aussage damit bekräftigen.

Die Sparbuchmacher reagierten prompt, als das Vertrauen in die Finanzbranche schwand. 2009 gab die Berliner Sparkasse ein "goldenes Sparbuch" in den Druck. Unter die goldene Aufschrift setzten die Macher das Symbol der Quadriga. "Ein nationales Symbol wohlgemerkt", sagt Wirtschaftshistoriker Muschalla. Hier die deutschen Sparer, dort das internationale Finanzkapital, so könnte man es interpretieren. Auch in neuen Zeiten steht das Sparbuch in alter Tradition: Es ist vielschichtiger, als man denkt.