Kommentar:Fatale Abhängigkeit

Kommentar: Illustration: Bernd Schifferdecker

Illustration: Bernd Schifferdecker

Spanien lebt vom Tourismus. Wenn die Urlauber wegen der Einstufung als Risikogebiet ausbleiben, ist das bedrohlich. Doch in der Krise liegt auch eine Chance.

Von Karin Janker

Natürlich ist Urlaub nicht alles, aber ohne Urlaub ist alles nichts. Zumindest für diejenigen, die in Spanien vom Tourismus leben. Wenn der deutsche Markt wegbricht, bedeute das den Tod, sagte der Chef des Unternehmerverbands der Balearen an diesem Wochenende. Auf Mallorca, aber auch in anderen Urlaubsregionen Spaniens ist die Sorge groß, dass die neuerliche Einstufung des Landes als Risikogebiet nun auch diesen Sommer ruiniert. Es war der Sommer, auf den alle gehofft hatten, nachdem im Vorjahr die spanische Wirtschaft eingebrochen und die Staatsverschuldung von 95 auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen ist. 6,5 Prozent sollte die Wirtschaft in diesem Jahr wachsen - und die Erholung des Tourismus sollte der Motor hinter diesem Wachstum sein.

Doch nach der Reisewarnung vom Freitag ist die Stimmung in Spanien im Keller. Nun geht die Angst um, dass die Infektionszahlen auch noch die nächste Marke reißen: Wenn die Sieben-Tage-Inzidenz über längere Zeit mehr als 200 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner anzeigt, würde Spanien von Deutschland wohl zum Hochinzidenzgebiet hochgestuft. Dann müssten ungeimpfte Reisende trotz negativen Tests bei der Rückkehr für mindestens fünf Tage in Quarantäne. Mehr Abschreckung für Urlauber, die sich nach Erholung sehnen, geht kaum. Dann fährt man eben woanders hin.

Für Spanien wäre das fatal. Der Tourismus macht zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung aus, Millionen Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr abhängig. Deutschland, Frankreich, Großbritannien - eben jene Länder, aus denen traditionell am meisten Urlauber kommen - haben nun sämtlich von Reisen nach Spanien abgeraten. Für Spanien, das darauf gehofft hatte, dass die Umsätze im Tourismus in diesem Jahr zumindest halb so hoch werden wie vor der Pandemie 2019, ist jede dieser Reisewarnungen ein weiterer Tiefschlag. Die heraufziehende Krise dürfte Prognosen zufolge deutlich schlimmer werden als die vor gut zehn Jahren.

Eine Rückkehr zum Zustand vor zwei Jahren reicht nicht

Premier Pedro Sánchez ist deshalb redlich bemüht, Signale der Hoffnung zu senden. Schon die Regierungsumbildung an diesem Wochenende sollte ein solches sein. Nicht zufällig rückt Wirtschaftsministerin Nadia Calviño damit zur mächtigsten Frau im Kabinett auf. Die parteilose Ökonomin und Juristin ist von Sánchez bewusst installiert, sie soll Spaniens Kreditwürdigkeit und Seriosität in Brüssel garantieren und gilt als Stabilitätsanker im Land. Es wird eine ihrer Aufgaben sein, die Reformen, die Brüssel für die Milliarden-Hilfen einfordert, gegen den Widerstand des linkspopulistischen Koalitionspartners durchzuziehen. Nadia Calviño hat den Ruf, streng und sparsam zu sein.

Aber wird das reichen, um die Krise zu überwinden? Und liegt nicht die noch größere Herausforderung darin, den Menschen in Spanien, vor allem den jungen, wieder eine Perspektive zu geben? 71 Prozent der Spanier unter 35 Jahren blicken mit Sorge in die Zukunft, hat gerade eine Umfrage im Auftrag der Zeitung El País ergeben. Drei Viertel von ihnen erwarten, dass es ihnen wirtschaftlich schlechter gehen wird als ihren Eltern. Die Jugendarbeitslosigkeit ist zuletzt auf knapp 30 Prozent gestiegen, 32 Prozent der Spanier im Alter von 20 bis 29 Jahren sind von Armut bedroht. Zum Vergleich: Bei den über 65-Jährigen sind es 16 Prozent.

Viele junge Spanier sind bestens ausgebildet und hängen dennoch in prekären Arbeitsverhältnissen fest, klammern sich an Kürzestverträge mit mieser Bezahlung, um zumindest über die Runden zu kommen. Diesen Menschen eine Zukunftsperspektive aufzuzeigen, wird die größte Aufgabe der spanischen Regierung für die kommenden Jahre sein. Einen neuen Exodus junger Eliten wie nach der letzten Krise kann sich das Land nicht leisten.

80 Prozent der jungen Spanier fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. Die Regierung muss um das Vertrauen dieser Menschen werben. Die Umbildung des Kabinetts, das nun jünger und weiblicher ist, genügt dafür nicht. Spaniens Jugend verdient eine Regierung, die bei der Bewältigung dieser Krise die Nachhaltigkeit ihrer Strategien im Blick hat. Es reicht nicht, wenn der Tourismussektor sich erholt und irgendwann zu seinem Zustand von vor zwei Jahren zurückkehrt. Diejenigen, die heute jung sind, werden miterleben, wie sich der Tourismus wegen des Klimawandels neu erfinden muss. Es wäre eine Aufgabe der spanischen Regierung im Dienste der jungen Generation, schon heute dafür zu sorgen, dass diese Revolution das Land nicht unvorbereitet trifft.

© SZ
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