Spanien Drohungen und Erpressung

Die Dia-Supermärkte zielen zumeist auf die einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen ab. Die Mitarbeiter der Firma sind miserabel bezahlt.

(Foto: Juan Medina/Reuters)

Der russische Oligarch Michail Fridman will die spanische Supermarktkette Dia übernehmen. Nun wird ihm vorgeworfen, Firmen mit "kriminellen Methoden" unter seine Kontrolle zu bringen.

Von Thomas Urban, Madrid

Selbst für die an Skandale gewöhnte spanische Presse ist es ein starkes Stück, was die Spezialeinheit der Polizei für Wirtschafts- und Finanzkriminalität (UCDEF) über einen ausländischen Großinvestor berichtet: Er greife zu "kriminellen Methoden", um früher überaus profitable Unternehmen auf Kosten der anderen Anteilseigner unter seine Kontrolle zu bringen. Gemeint ist der russische Oligarch Michail Fridman, laut Forbes die Nummer sieben unter den Milliardären Russlands. Er ist Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der Moskauer Alfa Group, die in vielerlei Branchen engagiert ist: Öl- und Gashandel, Finanzen und Versicherungen, Telekommunikation, Einzelhandel.

Sprecher Fridmans weisen die Anschuldigungen der Ermittler zurück: Es handle sich vielmehr um eine groß angelegte Intrige des Vorstands der spanischen Supermarktkette Dia gegen Fridman, weil dieser den Aktionären des Madrider Konzerns, der in Schwierigkeiten steckt, ein Übernahmeangebot gemacht hat.

Doch der interne Bericht der Finanzexperten der spanischen Polizei, der dem Internetportal Economista zugespielt wurde, ist sehr konkret. Darin ist die Rede von Drohungen, Erpressung, Verletzung der Intimsphäre von Geschäftskonkurrenten sowie Vorbereitung einer betrügerischen Insolvenz durch eine "kriminelle Organisation", an deren Spitze Fridman stehe. Der Bericht bezieht sich allerdings nicht auf die Vorgänge bei der Supermarktkette Dia, sondern auf den ein Jahrzehnt zurückliegenden Einstieg von Fridman-Firmen bei dem spanischen IT-Unternehmen ZED. Dieses stellt Programme und Zubehör für Mobiltelefone her und entwickelt Computerspiele.

Der Oligarch bezeichnet die Anschuldigungen als groteske "Verschwörungstheorie"

Dem Bericht zufolge wurde damals durch die gezielte Verbreitung von Falschmeldungen ein Sturz der Aktie provoziert, die Firma musste Insolvenz anmelden. Fridman hat sie danach billig aufgekauft, für 20 Millionen Euro, und die profitträchtigen Unternehmensteile später mit großem Gewinn verkauft - das Know-how habe er aber zuvor an von ihm kontrollierte Firmen weitergegeben, so die Ermittler. Der Oligarch ließ dazu verbreiten, dass die Anschuldigungen zur Causa ZED nichts anderes seien als eine groteske "Verschwörungstheorie".

Dass Auszüge aus dem Behördenbericht jetzt lanciert wurden, ist kein Zufall. Der Zeitpunkt ist ungünstig für Fridman: Am 20. März findet die Aktionärsversammlung von Dia statt. Die von ihm kontrollierte Investmentgesellschaft Letter One, registriert in Luxemburg, will die Mehrheit der Aktionäre für ihren Umstrukturierungsplan der Supermarktkette gewinnen. Dia ist der nach der Zahl der Filialen größte und nach Umsatz drittgrößte Discounter Spaniens, der auch in Portugal, Brasilien und Argentinien tätig ist. Für die Umstrukturierung wurde eine Kapitalerhöhung um 500 Millionen Euro in Aussicht gestellt.

Letter One ist auch den Deutschen bekannt: 2015 übernahm die Holding von dem Energiekonzern RWE das Gas- und Ölunternehmen Dea. Das Bundeswirtschaftsministerium, damals unter der Leitung des eher Russland-freundlichen Sigmar Gabriel, billigte die Übernahme trotz britischen Einspruchs. Die britischen Unternehmensteile von Dea wurden daher von der Transaktion ausgenommen.

In Spanien ist das Misstrauen gegenüber dem Russland Putins derzeit groß. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass nach Untersuchungen der spanischen Geheimdienste russische Trolle durch die Verbreitung falscher Nachrichten systematisch zur Verschärfung des Katalonien-Konflikts beitragen. Deshalb findet auch die Übernahmeschlacht um Dia nun so starkes Interesse der Medien.

Der Konzern hat weltweit etwa 7400 Filialen, knapp 3500 davon im Mutterland Spanien. Etwa die Hälfte wird auf Franchise-Basis betrieben, wobei die Geschäftsführer verpflichtet sind, die rund 200 Dia-Markenprodukte anzubieten. Die Zahl der Beschäftigten liegt weltweit bei etwa 67 000. Der Konzern erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von 9,1 Milliarden Euro, doch ist er mit 1,5 Milliarden verschuldet. Dia hat 2013 die 1168 spanischen und portugiesischen Filialen der in Konkurs gegangenen deutschen Schlecker-Gruppe übernommen.

Der Dia-Vorstand stemmt sich gegen die Übernahme durch Letter One, ein Großteil der spanischen Wirtschaftspresse unterstützt ihn dabei. Fridman wird vorgeworfen, über Tarnfirmen und verbündete Banken, die negative Prognosen verbreitet hätten, für den Absturz der Dia-Aktie gesorgt zu haben, damit er die von vielen Anteilseignern abgestoßenen Aktien billig kaufen kann. Noch Ende Juli 2017 wurde die Aktie für 5,58 Euro gehandelt, am Dienstag kostete sie nur noch 0,62 Euro. Der Gesamtwert des Konzerns sank somit von 3,5 Milliarden auf 350 Millionen Euro. Er ist nach Meinung internationaler Analysten mit dieser Summe völlig unterbewertet. Das Übernahmeangebot von Letter One, seit 2017 bereits im Besitz von 29 Prozent der Aktien, beträgt 0,67 Euro je Aktie.

Die spanische Presse berichtet ausführlich über die "dunkle Vergangenheit Fridmans". Der gründete als junger Mann Ende der Achtzigerjahre während der Perestroika unter Michail Gorbatschow erste Handelsfirmen für Lebensmittel und Konsumartikel des täglichen Bedarfs. In den brutalen, oft mit kriminellen Methoden ausgetragenen Verteilungskämpfen des wilden Kapitalismus unter Boris Jelzin in den Neunzigerjahren konnte er dank politischer Protektion sein Firmenimperium aufbauen. Auch mit dem jetzigen Kremlchef Wladimir Putin steht er auf sehr gutem Fuß. Seine Alfa Group und er persönlich stehen allerdings auf der amerikanischen Embargo-Liste CAATSA (Countering America's Adversaries Through Sanctions Act). Ihnen wird vorgeworfen, an Manipulationen der Präsidentschaftskampagne 2016 beteiligt gewesen zu sein. In Madrid spricht weiter gegen ihn, dass ihm eine Offshorefirma gehörte, die an dem 2002 vor der nordspanischen Atlantikküste havarierten Öltanker Prestige beteiligt war. Er wird daher von den spanischen Medien für die Umweltkatastrophe, die das ausgelaufene Rohöl verursacht hat, mitverantwortlich gemacht.

Letter One wird unterstellt, es eigentlich nur auf das in den vergangenen Jahren stark ausgeweitete Südamerika-Geschäft der Firma abgesehen zu haben. Dieses hat laut Bloomberg sehr gute Perspektiven. Dagegen interessiere der schwierige spanische Markt mit geringen Gewinnmargen die Investoren weitaus weniger - und erst recht nicht die Erhaltung von Arbeitsplätzen in Spanien. Die Dia-Supermärkte sind karg eingerichtet, sie zielen auf die einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen ab, das Personal ist miserabel bezahlt. Die Gewinnmargen auf dem heftig umkämpften spanischen Verbrauchermarkt sind äußerst gering, zuletzt wurden sogar Verluste gemacht.

Der Dia-Vorstand warnt die Aktionäre vor dem Sanierungsplan von Letter One. Dieser sei einerseits unrealistisch und dürfte andererseits nur darauf hinauslaufen, die Kette zu zerschlagen und die Filetstücke weiterzuverkaufen, wodurch Tausende von Arbeitsplätzen verloren gingen. Auch die Politiker haben das Thema entdeckt; in Spanien herrscht Wahlkampf, in sechs Wochen wird ein neues Parlament gewählt. Die Führer aller großen Parteien versprechen, dass sie diese urspanische Firma vor unlauteren Interessen schützen würden. Wütende Kleinaktionäre, deren Anteile in den vergangenen beiden Jahren 90 Prozent ihres Wertes verloren haben, machen unter dem Motto "SOS Dia" Stimmung gegen den wegen seiner rabiaten Geschäftsmethoden berüchtigten russischen Milliardär: "Wie einst beim Hunnenkönig Attila wächst dort, wo Fridman hintritt, kein Gras mehr."