Kommentar:Lasst ihnen die Raketen, nehmt ihr Geld!

Kommentar: Illustration: Bernd Schifferdecker

Illustration: Bernd Schifferdecker

Ein paar Milliardäre liefern sich ein Wettrennen ins All - und alle regen sich auf. Über das eigene Verhalten denkt man dagegen lieber nicht nach.

Von Stephan Radomsky

Bis auf 86 Kilometer Höhe stieg dieser Tage der Milliardär Richard Branson mit seinem Raketenflieger auf, bis an den Rand des Alls. Und mindestens ebenso hoch stieg die Fieberkurve der Erregung nach dessen Landung: Obszön sei dieses Space Race, das Rennen um Tourismus im Weltraum, das sich Branson da gerade mit seinem Milliardärskollegen Jeff Bezos liefere. Während Teile der Welt darüber brüteten, wie sie mit den Folgen der Erderhitzung zurechtkommen, zischten ein paar Superreiche in die Höhe und hinterließen dabei gigantische Abgaswolken, nur so zum Spaß, als neues Amüsement für ein paar der bestbetuchten Erdenbürger.

Und es stimmt natürlich: Wie sich Branson und Bezos da inszenieren, ist präpotent. Da will einer unbedingt schneller sein als der andere, man gönnt sich gegenseitig nicht den geringsten Erfolg. Elon Musk mit seinen Transportflügen in den Orbit und zur Internationalen Raumstation wirkt daneben direkt vernünftig. Dabei sollte die Zeit der reichen Männer in ihren rasenden Kisten längst vorbei sein. Nur: Das Gleiche gilt für vieles andere auch, das der durchschnittliche Wohlstandsbürger gern tut, wenn gerade keine Pandemie ist. Mal eben für ein Wochenende über den halben Kontinent fliegen, zum Beispiel. Aber darüber denkt man eben nicht so gern nach.

Immerhin machte allein die zivile Luftfahrt 2017 knapp 3,8 Prozent des EU-weiten CO₂-Ausstoßes aus, der Transportsektor insgesamt stand für fast ein Viertel der Emissionen. Und er ist der einzige Bereich in der Statistik, der heute im Vergleich zu 1990 nicht weniger, sondern mehr Abgase in die Luft pustet.

Wirksamer als Appelle ist der Weg über den Geldbeutel

Sicher, mit Blick auf den Einzelfall lässt sich sagen, dass Branson, Bezos und ihre superreiche Kundschaft sehr viel größere Umweltsünder sind als die einfachen Urlauber. Was sie aber gemeinsam haben, die Gutverdiener und die Milliardäre: Sie tun etwas Unvernünftiges - einfach, weil sie es können. Deshalb reicht die Einzelfallbetrachtung eben nicht aus. Und deshalb stellt sich beim Blick aufs Ganze doch die Frage, ob nicht beides falsch ist: Das 50-Euro-Ticket für den Kurztrip nach London, Paris oder Madrid und das 250 000-Dollar-Ticket für ein paar Minuten in der Schwerelosigkeit am Rande des Weltalls.

Moralische Appelle aber bringen erfahrungsgemäß wenig. Deutlich wirksamer ist dagegen der Umweg über den Geldbeutel - und zwar beim Milliardär genauso wie bei Familie Mustermann. Beide brauchen den finanziellen Anreiz, auf unnötige Ausflüge zu verzichten.

Zeigt der jüngste Hype um den Weltraumtourismus nicht vor allem, dass die beteiligten Herren vielleicht gar nicht mehr wissen, wohin mit ihren Vermögen? Und dass sie deshalb darauf verfallen sind, sich und ihresgleichen zum Spaß in den Himmel zu schießen? Man könnte es vermuten. Jedenfalls zeigte ein Bericht des gemeinnützigen Nachrichtendienstes Pro Publica zuletzt, wie wenig die Reichsten an Steuern zahlen. Demnach stieg das kumulierte Vermögen der 25 vermögendsten US-Bürger von 2014 bis 2018 um sagenhafte 401 Milliarden Dollar - aber nur 3,4 Prozent dieser Summe floss an den amerikanischen Fiskus, insgesamt 13,6 Milliarden Dollar. Dass sie überhaupt so reich werden konnten, verdanken sie oft ebenfalls Steuerschlupflöchern, durch die sie die Gewinne ihrer Konzerne verschieben, dorthin, wo sie kaum etwas abgeben müssen.

Wer die Umwelt verschmutzt, muss zahlen

Und bis heute behaupten sich Billigflieger auch deshalb erfolgreich am Markt, weil sie in Europa keine Steuern auf ihr Kerosin zahlen. Obwohl das Flugzeug das klimaschädlichste Verkehrsmittel ist, wird es also seit Jahrzehnten von den Staaten subventioniert.

Doch es tut sich etwas, langsam zumindest. So sollen Konzerne künftig möglichst weltweit mindestens 15 Prozent Steuern auf ihre Gewinne zahlen, haben die G-20-Staaten am Wochenende beschlossen. Steueroasen sollen ausgetrocknet und das Verschieben der Gewinne am Fiskus vorbei beendet werden. Und die EU-Kommission erwägt zumindest eine innereuropäische Steuer auf Flugbenzin. Ob sie wirklich kommt, wird sich an diesem Mittwoch zeigen, wenn die Europäische Union in Brüssel ihren Plan vorlegt, wie Europas CO₂-Ausstoß bis 2030 um 55 Prozent sinken soll.

Wenn beides gelingt, könnten das wichtige Schritte sein im Kampf gegen den Klimawandel. Die Staaten hätten damit mehr Geld, um den notwendigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben und gerade für die Schwächeren abzufedern. Und zugleich würde die Unvernunft für die Stärkerenzumindest ein bisschen weniger attraktiv.

© SZ
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