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Geldanlage:Wenn Anleger blind vertrauen

An der Wall Street sind Blankofirmen im Trend. Jetzt können auch in Europa Privatanleger mitmachen. Sollten sie in Briefkastenfirmen investieren?

Von Victor Gojdka, Frankfurt

An der Börse kaufen viele Anleger aktuell die Katze im Sack: In den USA investieren sie Milliardensummen in reine Börsenmäntel. Diese Blankofirmen haben kein eigenes Geschäft - versprechen aber, ein aussichtsreiches Start-up zu suchen. Sobald beide verschmelzen, halten Anleger Anteile an einem hippen Jungunternehmen. Ist dieser Hype auch für normale Sparer interessant?

Selbst wenn viele Großinvestoren begeistert von den Börsenmänteln sprechen, sollten Privatanleger extrem vorsichtig sein. Auch wenn die Gründer des Börsenmantels ein spannendes Start-up finden, würden Sparer ihr Geld an das Schicksal eines einzigen, jungen Unternehmens binden. In den USA gibt es inzwischen ganze Listen mit gescheiterten Börsenmänteln, die Sparern eine Warnung sein dürften. Anleger sollten also nicht ihre Altersvorsorge darauf aufbauen, sondern höchstens ein bisschen Casinogeld einsetzen.

Wer trotz aller Warnungen in die Börsenvehikel investieren will, sollte genau hinsehen: Haben die Gründer des Börsenmantels bereits andere Börsenmäntel zum Erfolg geführt, kann das ein positiver Anhaltspunkt sein.

Doch oft haben die Mantel-Macher gravierende Interessenkonflikte. 24 Monate haben sie in der Regel Zeit, um für den Börsenmantel ein aussichtsreiches Start-up zu suchen. Finden sie kein Unternehmen, verlieren sie Millionenbeträge. Dadurch haben sie ein Interesse, im Zweifelsfall kurz vor Toresschluss nicht notwendigerweise mit der besten Firma zu verschmelzen - sondern mit irgendeiner.

Auch eine eingebaute Notbremse zieht oft nur bedingt. Bis die Blankofirmen mit dem Start-up verschmelzen, wird das Geld der Anleger auf einem Treuhandkonto geparkt. Sind die Sparer mit dem potenziellen Zielunternehmen nicht zufrieden, haben sie eine Chance, ihre Anteile zurückzugeben. Im Gegenzug sollen sie dann meist rund 10 Euro oder Dollar je Aktie aus dem Treuhand-Topf wiederbekommen. Manchmal werden aber Kosten für Buchhalter, Berater und Börsenexperten aus diesem Topf bezahlt. Dann bleibt weniger für die Anleger übrig, wenn sie die Notbremse ziehen.

Außerdem können die Anteile der Anleger leicht verwässert werden. Braucht der Börsenmantel unverhofft viel Geld, um das Start-up zu kaufen, kann er neue Aktien schaffen und an Investmentprofis verkaufen. Das Problem: Der spätere Wert des Start-ups kann sich dann rechnerisch auf mehr Aktien verteilen als zuvor gedacht, die Anteilsscheine können damit unattraktiver werden.

Sparer sollten auch die Anlagetaktik vieler Geldprofis verstehen: Verkünden die Blankofirmen öffentlichkeitswirksam, dass sie ein Start-up gefunden haben, schießt oft der Kurs nach oben. Diesen Kurssprung nehmen die meisten Anlageprofis mit - und verkaufen dann schnell ihre Aktien. Wer länger investiert bleibt, macht häufig Verlust. Ein Jahr nach der Übernahme ist der Kurs der Börsenvehikel im Schnitt um ein Drittel abgesackt, zeigt eine Studie.

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