Soziologe Ulrich Beck:"Merkel greift in die Kostümkiste"

Lesezeit: 6 min

Soziologe Ulrich Beck geißelt die nostalgische Politik von Kanzlerin Merkel - und die Ökonomie als Ursache der Finanzkatastrophe.

A. Hagelüken und A. Mühlauer

Ulrich Beck, 65, empfängt in einem Stadthaus am Englischen Garten. "Auf der anderen Straßenseite wohnte einst Max Weber", sagt er und schmunzelt. Lange Zeit erforschte Beck von München aus, was moderne Gesellschaften umtreibt. Heute lehrt der Soziologe an der London School of Economics und in Harvard.

Ulrich Beck, Foto Regina Schmeken

Eine Reform der Marktwirtschaft muss her - sagt Soziologe Ulrich Beck.

(Foto: Foto: Regina Schmeken)

SZ: Herr Beck, reden wir über Geld. Die Finanzkrise brachte die Welt ins Wanken. Wie sehr verändert sie unsere Wohlstandsgesellschaft?

Beck: Die Deutschen haben seit 1945 die Erfahrung gemacht, dass Demokratie reich macht. Also akzeptierten sie diese Staatsform, sie brachte ja Wohlstand für alle. Spätestens in der Krise merken die Bürger, dass die Wirtschaftswunder-Republik Vergangenheit ist. Und sie erkennen, wie unsicher ihr Leben wird.

SZ: Woran zeigt sich das vor allem?

Beck: Für viele Generationen war ein fester Arbeitsplatz normal. Das ist vorbei. Junge Menschen müssen die Erfahrung machen, dass heute nichts so gewiss ist wie ein unsicherer Job - das prägt eine ganze Generation. Die Unsicherheit wird zum Bestandteil des Selbstbildes.

SZ: Was macht diese Unsicherheit aus den Menschen?

Beck: Die Unberechenbarkeit der eigenen Biographie nimmt ein Ausmaß an, das niemand vorhersah. Das Überraschende ist, dass sich die junge Generation schneller an die Unsicherheit gewöhnt als wir Soziologen es für möglich hielten.

SZ: Das klingt positiv: Die Menschen arrangieren sich mit etwas, das sie kaum ändern können.

Beck: Das Problem sind die eindeutigen Verlierer. Ein Hauptschulabschluss bietet keinen Zugang mehr zum Arbeitsmarkt. Das war doch früher unvorstellbar, dass einen ein Bildungsabschluss aus der Gesellschaft ausschließt!

SZ: Selbst Akademiker machen immer häufiger die Erfahrung, dass die Gesellschaft ihre Arbeitskraft nicht braucht.

Beck: Ja. Auch in der Mittelschicht lösen sich sozialversicherungspflichtige Berufsverhältnisse immer mehr auf. Trotzdem geht es Akademikern besser als der Masse. Sie können die Chancen der Globalisierung wahrnehmen und in anderen Ländern arbeiten.

SZ: Aber die meisten scheitern doch an der Sprachbarriere.

Beck: Das gilt für Nicht-Akademiker noch mehr. Sie können die Chancen der Globalisierung im Ausland nicht wahrnehmen, spüren aber hierzulande die Konkurrenz. Selbst viele Friseure geraten durch billige Rivalen aus Osteuropa in die Defensive. Daraus entstehen gefährliche Tendenzen. In Untersuchungen stellen wir eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit fest.

SZ: Es heißt immer, die Menschen würden sich in wirtschaftlich schweren Zeiten mehr auf das Privatleben fixieren.

Beck: Unsicherheit im Job wird über Familie und Freundschaften kompensiert. Aber da gibt es Widersprüche. Umfragen belegen eine Romantisierung der Ehe und Partnerschaft, in der Realität steigt aber die Scheidungsrate. Bewusstsein und Handeln fallen auseinander.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB