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Sozialverband:"Rente ist kein Almosen"

Selbst wer durchgehend gearbeitet habe, könne nicht sicher sein, im Alter auch davon leben zu können, kritisiert der Sozialverband VdK. Er will gegen Altersarmut vorgehen und sieht die Rente als Spitzenthema im Bundestagswahlkampf.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Karin leidet an Multipler Sklerose, als Verkäuferin kann sie nicht mehr arbeiten. Sie bekommt eine kleine Erwerbsminderungsrente. Weil die aber nicht zum Leben reicht, erhält sie zusätzlich die staatliche Grundsicherung. "Ich habe nicht darum gebettelt, krank zu werden. Dennoch fühle ich mich als Bittstellerin, die auf den Staat angewiesen ist. Das ist sehr entwürdigend", sagt sie.

Nicht viel besser geht es Barbara T. Die Frau, 54, hat eine Nervenerkrankung, sie bezieht wegen ihrer teilweisen Erwerbsminderung eine Rente von monatlich 257 Euro. Sechs Stunden pro Woche kann Barbara T. noch als Verwaltungsangestellte arbeiten. "Wenn mich Freunde einladen, mit ihnen auszugehen, schiebe ich meine Krankheit vor, weil ich kein Geld habe", hat sie dem Sozialverband VdK geschrieben.

Die beiden Frauen, die vorzeitig ganz oder teilweise in den Ruhestand mussten, gehören zu den 1,8 Millionen Erwerbsminderungsrentnern in Deutschland. Diese sind im Durchschnitt 51 Jahre alt, wenn sie das erste Mal eine Rente beziehen. Was sie dann bekommen, ist in der Regel nicht viel: Im Westen erhielten Männer, die 2014 erstmals eine volle Erwerbsminderungsrente bezogen, 692 Euro im Monat, bei Frauen waren es 631 Euro. Das soll besser werden, fordert nun der VdK in seinem Konzept für ein "gerechteres Rentensystem". Der Verband ist mit 1,8 Millionen Mitgliedern nach eigenen Angaben "die größte deutsche Rentnerorganisation".

"Rente darf nicht den Charakter eines Almosens bekommen. Rente ist die Anerkennung einer Lebensleistung", sagte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher während der Vorstellung der rentenpolitischen Forderungen in München. Selbst wer sein Leben lang durchgehend gearbeitet habe, könne aber inzwischen nicht mehr sicher sein, "später eine ordentliche Rente zu bekommen". Für den VdK ist daher klar: Bei der gesetzlichen Rentenversicherung muss sich eine Menge ändern.

Bei Erwerbsminderungsrentnern wie Karin L. oder Barbara T. verlangt der VdK, die Abschläge abzuschaffen, die Frührentner ein Leben lang in Kauf nehmen müssen. 80 Euro im Monat betrugen diese 2014 im Durchschnitt. Mascher hält das für absurd: "Niemand sucht es sich aus, krank zu werden." Zugleich fordert der VdK, das Rentenniveau, also das Verhältnis der Rente zum Lohn eines Durchschnittsverdiensts, deutlich anzuheben.

Derzeit liegt es bei knapp 48 Prozent. Bis 2030 darf es auf bis zu 43 Prozent fallen. Mascher sagt: "Es muss bei 50 Prozent liegen, mindestens aber erst einmal auf heutigem Niveau stabilisiert werden, um einen wirksamen Schutz gegen Altersarmut zu ermöglichen." Der VdK bewegt sich damit auf einer Linie mit SPD-Chef Sigmar Gabriel und dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer, die ebenfalls für ein stabileres Rentenniveau plädiert hatten. Das ist allerdings teuer: Jeder Prozentpunkt mehr kostet sechs Milliarden Euro im Jahr.

Trotzdem reicht das dem Sozialverband nicht aus. Der VdK will die Mütterrenten weiter aufstocken, so dass Mütter mit vor 1992 geborenen Kindern nicht mehr benachteiligt werden. Er wünscht sich eine neue Mindestrente für Arbeitnehmer, die lange gearbeitet, aber zu wenig für eine auskömmliche Rente verdient haben. Außerdem macht sich der VdK für eine Erwerbstätigenversicherung stark, in die auch Selbständige und Beamte einzahlen sollen. Mascher ist sich sicher: Die Rente wird zum Spitzenthema im Bundestagswahlkampf.

© SZ vom 10.08.2016
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