Sozialunternehmer:Aufsteigen und Fallen

Ein Jahrzehnt vorher, 2005, steht Christopher, 18 Jahre alt, mit seiner Mutter in der Küche, zu Hause in Aerzen, Weserbergland. Es ist nicht mehr lange bis zum Abitur und Christopher hat sich Gedanken gemacht. Dass er vor dem Studium ein Jahr ins Ausland gehen möchte, dass er in einem Land, in dem es den Menschen nicht so gut geht wie hier, ein SOS-Kinderdorf mit aufbauen möchte. Die Mutter bricht in Tränen aus.

Christopher war ein guter Junge. Ein Bücherwurm, aber kein Stubenhocker. Kapitän in der Fußballmannschaft, Klassensprecher in der Schule. Keiner, der im Polohemd den Lebenslauf im Blick hat, sondern einer, der es macht, weil es sonst keiner macht. Der Vater Speditionskaufmann, die Mutter Haushaltshilfe, Arbeiterfamilie, aber der Christopher, der kann es schaffen, als erster an die Uni. Aus dem Jungen wird was, der soll es mal besser haben.

Also weint die Mutter. Junge, schmeiß dein gutes Abi nicht weg, da wird doch nichts draus, du sollst doch studieren. Nur eine Pause, danach das Studium. Christopher dringt nicht durch. Sie streiten. Zwei Tage später entschuldigt sich die Mutter und lässt ihm freie Hand. Aber Christopher ist ein guter Junge. Kurze Zeit später beginnt er ein duales Studium, BWL, Schwerpunkt Finanzdienstleistungen, nebenher die Ausbildung bei einer kleinen Bank. Etwas Handfestes.

Mit Jogginganzug im Haifischbecken

Was ihm an der Hochschule auffällt: die spitzen Ellbogen, die ehrgeizgestärkte Atmosphäre, die Gespräche, die um Noten und die Karriere kreisen. Was er hier vermisst: das Studentenleben, wie er es von Freunden und aus Klischees kennt. Man trägt Anzug in der Vorlesung. Wenn Christopher genug davon hat, kommt er aus Trotz im Jogginganzug und die Kommilitonen schauen. Er ist der Fremdkörper, als der er sich fühlt. Seinen Abschluss macht er trotzdem mit 2,2.

Der Chef klopft auf die Schulter und übernimmt ihn. Batke ist stolz, von anderen wird er beneidet. 2009 landet er in der Personalabteilung und wird nach einem halben Jahr Leiter der Ausbildungsabteilung. Projekte, ein Masterstudium, Human-Resources-Management, berufsbegleitend, und dann eine neue, bessere Stelle. Mensch, der Batke, aus dem wird noch mal was, mit 24, 25 macht der schon Sachen.

"Es fühlte sich toll an", sagt Christopher Batke heute. Er sitzt im Innenhof seiner Bank und erzählt von damals, als er so jung war. "Ich war abhängig von der Anerkennung von außen, der Erfolg war wie Öl ins Feuer." Seine Stimme wird nicht leiser dabei. Wenn es wichtig wird, runzelt er die Stirn. Er hat einen Automatenkaffee aus der Kantine vor sich und strahlt eine Zen-Mentalität aus. Es ist Donnerstag, kurz nach 14 Uhr, Feierabend. Er fühlt sich wohl in seiner neuen Haut, auch dann, als es ans Eingemachte seines Lebens geht.

"Maßlose Selbstüberschätzung"

Damals, 2013, hat er den neuen Kollegen eingearbeitet, der seinen alten Job übernimmt. "Wenn man zu den Potentialträgern gehört, bekommt man eine Aufgabe, noch 'ne Aufgabe, noch 'ne Aufgabe." Als er "schon am Anschlag" ist, kündigt eine Kollegin und jemand muss ihre Arbeit machen, vorläufig zumindest. Dazu das Masterstudium. "Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin, dass das funktioniert. Rückblickend war es maßlose Selbstüberschätzung."

Batke sagt nicht: Nein, das geht nicht mehr, das schaffe ich nicht. Guter Junge eben. Also bleibt er länger, arbeitet mehr und sieht, wie der Berg auf seinem Schreibtisch wächst. Bleibt noch länger, arbeitet noch mehr, aber der Berg wird nicht kleiner, er wächst über Batke hinaus. Es ist wie in dem Märchen vom Brei, der nicht aufhört zu kochen, und Batke hat das Zauberwort vergessen. Beißen, beißen hat der Trainer früher auf dem Fußballplatz gesagt. Bis zu dem Tag, an dem alles anders wird.

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