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Sozialunternehmen:Gemeinwohl mit Turbo

Viele junge Gründer sind mehr an einer Idee als am Gewinn interessiert. Ihre Sozialunternehmen sind eine wichtige Ergänzung zum Sozialstaat. Können andere von ihnen lernen?

Die Verwandlung begann an einem Samstag in Valentins Küche. Charlotte Frey, Jennifer Busch und Hannah Schmidt-Friderichs saßen dort mit anderen Hamburger Ehrenamtlichen, um gemeinsam ihre Ferienbetreuung für Kinder aus sozial schwachen Familien vorzubereiten. Es war ein lebhaftes Gespräch. Ein Einfall kam zum nächsten, Vorschläge und Einwände fügten sich zu einem neuen pädagogischen Konzept, das jeden am Tisch in seinen Bann zog. Es wurde später und später, Charlotte Frey und die anderen ahnten, dass sie wohl auch noch den Sonntag reden würden, aber sie konnten und wollten nichts dagegen tun. "Man war hin und her gerissen, weil es so viel Spaß gemacht hat", sagt Charlotte Frey. "Auf der anderen Seite wäre man auch gerne nach Hause gegangen, um zu schlafen und am Montag ausgeruht zur Arbeit zu gehen."

Heute nennt Charlotte Frey, 29, dieses lange Wochenende einen Schlüsselmoment auf ihrem Weg vom ehrenamtlichen Engagement zum sozialen Unternehmertum. Vor bald vier Jahren haben sie, Jennifer Busch, 32, und Hannah Schmidt-Friderichs, 32, die gemeinnützige climb GmbH gegründet, um ihre Lernferien für Kinder aus armen Verhältnissen nicht mehr als Freizeitvergnügen betreiben zu müssen. Und die Verwandlung erfüllt ihren Zweck: Bis zu 40 Mitarbeiter beschäftigen sie mittlerweile in der Hochsaison bei einem Jahresumsatz von rund 800 000 Euro. 2018 werden sie 17 Ferienprogramme an Schulen in Hamburg, Mainz und Dortmund nach ihrem eigens entwickelten Pädagogik-Konzept veranstalten. Zuletzt waren sie für den Next Economy Award des Deutschen Nachhaltigkeitspreises nominiert. Das Trio steht beispielhaft für eine wachsende Bewegung, die mit einer Mischung aus marktwirtschaftlichem Denken und kommerzfernem Gemeinwohlanspruch an der Weltverbesserung arbeitet.

Die junge Generation will mehr als staatliche Wohlfahrt

Soziales Unternehmertum oder Social Entrepreneurship, wie es auf Neudeutsch heißt, ist kein neuer Begriff. Schon 1980 sah der amerikanische Umweltexperte Bill Drayton die Notwendigkeit, ein Netzwerk für innovative Kräfte zu schaffen, die gemeinnützige Ziele mit dem Elan des Unternehmers angehen wollten. Er gründete Ashoka, die erste und bis heute größte Organisation zur Förderung sozialen Wirtschaftens. 3300 Gründerinnen und Gründer von sozialen Organisationen und Bewegungen in mehr als 80 Ländern sind Ashoka-Partner, 68 sind es in Deutschland. Inzwischen kann man sagen: Sozialunternehmen haben sich als wendigere Ergänzung zum Sozialstaat etabliert.

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Mit ihrem selbst entwickelten Konzept für Lernferien für Kinder aus sozial schwachen Familien haben die Gründerinnen von climb einen Nerv getroffen.

(Foto: Ute Grabowsky/imago/photothek)

Zwei Entwicklungen tragen zu dem Trend bei. Erstens: Die Probleme der freien Gesellschaften werden komplexer, klügere Lösungen sind gefragt in Umwelt- oder sozialen Fragen. Zweitens: Die junge Generation der Weltverbesserer begnügt sich nicht mehr mit den alten Strukturen staatlicher oder ehrenamtlicher Förderung. "Außerdem werden Wohlfahrtsverbände und Unternehmen offener für den Blick über den Tellerrand", sagt Laura Haverkamp von Ashoka Deutschland. Die Folge ist ein gedeihlicher Ideenwettbewerb wie in der freien Wirtschaft - allerdings ohne klassische Gewinnabsicht. "Das Kernbusiness", sagt Laura Haverkamp, "muss die Verbesserung der Gesellschaft sein." Das Problem dieser ehrenwerten Haltung liegt auf der Hand: Wovon sollen die Gemeinwohlwirtschafter leben, wenn sie Produkte auf Märkte bringen, die im Grunde keine Märkte sind?

Eine Grundregel: Kooperation ist wichtiger als Wettbewerb

Die Lösung liegt in der Rechtsform für Sozialunternehmen: als Vereine oder gemeinnützige GmbH dürfen sie Spenden und öffentliche Zuschüsse annehmen. Hinzu kommt ein Marktansatz, den abgebrühte Global Player wohl als Illusion abtun würden: Kooperation zählt mehr als Wettbewerb. Ein Geflecht aus gemeinnützigen Trägern verteilt Spendengeld an Sozial-Unternehmer, die wiederum neidlos neuen Sozial-Start-ups helfen. Gewinn darf ohnehin keiner machen, also halten alle zusammen. Auch climb bekam Starthilfen aus der Branche.

Kennengelernt haben sich Charlotte Frey, Jennifer Busch und Hannah Schmidt-Friderichs bei "Teach First Deutschland", einer spendenfinanzierten Bildungsbewegung, die Schulen an sozialen Brennpunkten mit zusätzlichen Fachkräften versorgt. Sie sind Quereinsteigerinnen in die pädagogische Arbeit, Charlotte Frey hat Politikwissenschaften studiert, Jennifer Busch ist Literaturwissenschaftlerin mit einer Lehrausbildung für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache, und Hannah Schmidt-Friderichs besitzt ein Diplom in Psychologie. Für "Teach First Deutschland" arbeiteten sie an drei verschiedenen Hamburger Grundschulen. Sie freundeten sich an und dokterten bald an der Idee herum, die Schülerhilfe unter dem Motto "Clever lernen immer motiviert bleiben" (climb) auf die Ferien auszuweiten. "Die ersten beiden Lernferien haben wir komplett ehrenamtlich auf die Beine gestellt", sagt Charlotte Frey.

Die climb-Gründerinnen: Charlotte Frey, Jennifer Busch, Hannah Schmidt-Friderichs (von links). Ihr Angebot ist gefragt, in der Hochsaison beschäftigen sie zeitweise bis zu 40 Mitarbeiter.

(Foto: oh)

Als sie mehr wollten, brauchten sie zunächst Rat und Orientierung. Beides fanden sie im Netzwerk der Gemeinwohl-Ökonomie. Im Social Impact Lab Hamburg, einer weiteren Organisation zur Förderung von Sozialunternehmern, bekamen sie ein Stipendium, ein Büro und Rechtsberatung. Ein Preis brachte eine Finanzspritze und bei der Verleihung in München eine wertvolle Begegnung: Die Sozialunternehmerin Katja Urbatsch hatte wenige Jahre zuvor die Organisation "ArbeiterKind.de" gegründet, die Jugendlichen aus Familien ohne Hochschulerfahrung Wege zum Studium aufzeigt. Katja Urbatsch empfahl die Rechtsform der gGmbH, sie stellte den Kontakt zu Ashoka her. So ging es weiter. "Es war ein langsames Herantasten an die Selbständigkeit", sagt Jennifer Busch.

Es gibt viele Definitionen von sozialem Unternehmertum. Aber sein wichtigstes Merkmal ist wohl, dass es Geld nur wichtig findet, weil es das Mittel zur Umsetzung eines größeren Planes ist. "Social Enterpreneurship kann man als Forschungs- und Entwicklungsabteilung für gesellschaftliches Miteinander begreifen", sagt Laura Haverkamp, und natürlich hofft sie, dass sich auch die größten Weltunternehmen irgendwann davon inspirieren lassen.

Die climb-Gründerinnen fühlen sich jedenfalls wohl als Unternehmerinnen ohne kapitalistischen Anspruch. Das Geld für die zweiwöchigen Lernferien für jeweils 45 Grundschüler kommt aus verschiedenen öffentlichen Fördertöpfen, damit Familien aus prekären Verhältnissen sie sich auch leisten können. Stiftungen und andere gemeinnützige Förderer sichern die Gehälter des climb-Personals, dazu kommen direkte Spenden. "Was wir machen, trägt sich noch nicht, obwohl in den sozialen Kassen Geld ist", sagt Charlotte Frey, "deswegen braucht es in der Ausbauphase jemanden, der quer finanziert."

Wo das hinführt, wenn Reichtum kein Ziel ist? "Wir investieren, um zu einem Systemwandel beizutragen", sagt Jennifer Busch. Es geht um Bildung für Kinder, die nicht in den Urlaub fahren können, um eine neue Mentalität der Freizeitgestaltung bei begrenzten Möglichkeiten. climb arbeitet an einer Welt, in der es Ferienangebote wie das ihre nicht mehr braucht. Das klingt utopisch, aber so ticken Sozialunternehmer eben. Selbstzweck interessiert nicht. Die climb-Gründerin Jennifer Busch sagt: "Wir wollen uns selbst abschaffen."