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Sozialpolitik:Arme Kinder werden abgehängt

Theater, Zoo, Sportverein? Für viele Jungen und Mädchen ist das überhaupt nicht selbstverständlich. Der Paritätische Gesamtverband hält die Lage vieler armer Familien sogar für prekär und verlangt Reformen.

Für diesen Montag ist im Kalender von Bundessozialminister Hubertus Heil (SPD) der Besuch der Grund- und Oberschule Rüdersdorf in Brandenburg eingetragen. Vorgesehen ist eine "Beteiligung an der Essensausgabe in der Mensa". Auch wenn Heil vor einiger Zeit bei dem Besuch einer Schule in Niedersachsen auf die Frage "Pizza oder Pasta?" mit "Leider beides" antwortete: Die Sorge um sein Mittagessen treibt ihn natürlich nicht nach Rüdersdorf.

Vielmehr ist es so, dass am Montag in Berlin und Brandenburg die Schule wieder anfängt und Heil erstmals besichtigen kann, wie sein neues "Bildungs- und Teilhabepaket" wirkt, das am 1. August in Kraft trat. Es ist Teil des "Starke-Familien-Gesetzes", das er und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) auf den Weg gebracht haben, und sieht, neben kostenlosen Monatskarten und mehr Geld für Nachhilfe und den Schulstart, auch ein kostenloses Mittagessen für Kinder aus Familien mit kleinen Einkommen vor.

Stadtkinder verdienen später mehr

Wenn das erste Kind unterwegs ist, denken viele Eltern über einen Umzug aufs Land nach. Was sie vorher toll fanden an der Stadt, erscheint plötzlich unpassend: die Schnelligkeit, das Nachtleben, die Restaurants, das Wohnen mitten drin im Trubel. Auf dem Land, so denken sie, wachsen Kinder besser auf. Freier, gesünder, mit mehr Platz.

Eine Untersuchung allerdings verpasst diesem Bild nun einen Kratzer. Die Autoren Clément Bosquet und Henry Overman kommen zu dem Schluss, dass Kinder, die in einer großen Stadt geboren sind, später mehr verdienen. "Why does birthplace matter so much?" heißt ihr Aufsatz aus dem Journal of Urban Economics, also "Warum spielt der Geburtsort so eine große Rolle?" Angesehen haben sich die Ökonomen Personen in Großbritannien, die zwischen 1991 and 2009 befragt worden waren.

Es gebe einen positiven Zusammenhang zwischen der Größe des Geburtsortes und dem Einkommen, ähnlich stark wie zwischen dem Einkommen und der Stadt, in der jemand gegenwärtig wohnt, schreiben sie. Zu den Gründen dafür gehöre, dass es einen Zusammenhang zwischen dem sozialen Status der Eltern und der Größe der Geburtsstadt gibt. Außerdem hat die Größe der Geburtsstadt Einfluss auf die Größe der Stadt, in der jemand aktuell lebt - und die beeinflusst wiederum die Höhe des Einkommens, weil in großen Städten in der Regel große Firmen zusammenkommen, die gut bezahlen.

Aus deutscher Sicht allerdings fällt einem sofort eine Stadt ein, auf die das nicht zutrifft: Berlin. In der größten deutschen Stadt werden mangels Konzernen deutlich niedrigere Löhne gezahlt als in den anderen großen Städten des Landes. Henrike Rossbach

Ulrich Schneider allerdings, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, wischte das Gemeinschaftswerk von Heil und Giffey am Donnerstag vom Tisch: "Das Bildungs- und Teilhabepaket ist völlig gefloppt", urteilte er bei der Vorstellung einer neuen Untersuchung seines Verbands zur Kinderarmut. "Daran ändert auch das Starke-Familien-Gesetz nichts." Was da "abgefeiert" werde, sei "eine peinliche Veranstaltung" mit "kleinlichen Verbesserungen".

Der Paritätische Gesamtverband hält die Situation armer Familien für derart prekär, dass er radikalere Reformen verlangt, als Heil und Giffey geliefert haben. Im Zentrum steht dabei eine eigene Kindergrundsicherung außerhalb von Hartz IV. "Kinder sind keine kleinen Arbeitslosen, sie haben im Jobcenter nichts verloren", sagte Schneider. Stattdessen schlägt er ein "existenzsicherndes Kindergeld" von 628 Euro vor, das für Gutverdiener auf bis zu 320 Euro sinkt. Auch die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock machte sich für eine Kindergrundsicherung stark. "Das viele Geld aus der Familienförderung kommt bei denjenigen, die es am dringendsten brauchen, kaum an", sagte sie. Gegen Kinderarmut genügten keine "Schmalspurlösungen". SPD-Fraktionsvize Katja Mast sagte, "langfristig" sei eine Kindergrundsicherung notwendig. Das Starke-Familien-Gesetz habe dafür aber schon "die Grundlage gelegt".

Verein brotZeit e V bietet dank ehrenamtlicher Mitarbeiter eine Schultafel mit Fruehstueck in einer

Kein Kind soll seinen Tag hungrig beginnen: Schultafel mit Frühstück in einer Grundschule in Berlin.

(Foto: imago)

Giffeys Ministerium wollte Schneiders Generalabrechnung so nicht gelten lassen. Von dem gut 1,5 Milliarden Euro schweren Starke-Familien-Gesetz könnten vier Millionen Kinder profitieren, sagte ein Sprecher der Ministerin, allein zwei Millionen vom reformierten Kinderzuschlag. Vor diesem Hintergrund seien die Aussagen des Verbandes "irreführend, auch weil er die neuen Reformen nicht berücksichtigt".

Der Sozialverband stützt sich auf eine Auswertung der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes, eine penible Erhebung der Einnahmen und Ausgaben von 60 000 Haushalten. Die allerdings findet nur alle fünf Jahre statt; die Auswertung dauert nochmals einige Jahre. Die Untersuchung, die nun vorgestellt wurde, beruht deshalb auf Daten von 2013. Damals hatten die einkommensstärksten zehn Prozent aller Paare mit einem Kind monatlich 8642 Euro zur Verfügung; der Durchschnitt lag bei 3762 Euro. Die untersten zehn Prozent aber kamen nur auf 1550 Euro, denen Konsumausgaben von 1685 Euro gegenüberstanden. "Wahrscheinlich eine der Erklärungen dafür, warum wir inzwischen mehr als sechs Millionen überschuldete Erwachsene haben", sagte Schneider. Er betonte, dass Sozialtransfers und Vergünstigungen für arme Familien bei diesen Berechnungen schon mitberücksichtigt seien.

Das Einkommen der Eltern beeinflusst naturgemäß auch die Möglichkeiten der Familien, ihren Kindern außerhalb von Nahrung und Wohnung etwas zu bieten. Während die obersten zehn Prozent der Eltern den Daten nach im Jahr 2013 für ihr Kind im Schnitt 1200 Euro im Monat ausgaben, waren es bei den ärmsten zehn Prozent nur 364 Euro. 35 Euro konnten letztere in Freizeit, Unterhaltung und Kultur für ihr Kind investieren, die einkommensstärksten Familien dagegen 184 Euro. Übersetzen kann man diesen Posten wohl mit Kindertheater, Kino, Zoo und Sportverein. Auch beim Kostenpunkt Bildung sind die Unterschiede groß: Die Spannweite reicht von 47 Euro für die Kinder der besonders gut verdienenden Eltern bis zu zwölf Euro für die ärmsten zehn Prozent.

Der Paritätische Gesamtverband hat die Werte für 2013 zudem mit denen zehn Jahre zuvor verglichen. Demnach stiegen die Ausgaben für das Kind bei den Paaren der obersten Einkommensgruppe um elf Prozent und bei den Durchschnittsverdienern um 5,5 Prozent. Die ärmsten zehn Prozent der Familien gaben dagegen acht Prozent weniger für ihr Kind aus.