Sozialethiker Hengsbach "Moral muss einen Preis bekommen"

Sozialethiker Hengsbach über die Mentalität der Banker, entsprechende Lehren aus der Bibel und eine neue Wohlstandsdefinition.

Interview: Ulrich Schäfer und Markus Zydra

Friedhelm Hengsbach, 72, gilt als einer der renommiertesten Sozialethiker Deutschlands. Der Religionswissenschaftler und Ökonom kritisiert die wachsende Armut. Die Begriffe "Globalisierung" und "Wachstum" empfindet er als Phrasen, solange sie nicht moralisch unterfüttert sind. Hengsbach fordert wegen der Weltfinanzkrise einen gesellschaftlichen Aufbruch wie beim Mauerfall 1989.

SZ: Herr Professor Hengsbach, Sie haben vor sechs Jahren gesagt, Sie fühlten sich mit Ihrer Kritik an der herrschenden Wirtschaftsordnung wie auf dem Mars, weil diese Kritik damals kaum jemand teilte. Sind Sie jetzt wieder auf der Erde angelangt?

Hengsbach: In gewisser Weise schon. Denn es gibt Dinge, die sich nun in verschärfter Form bestätigen, und die inzwischen sehr viele Menschen kritisieren. Die unbegrenzte Kreditschöpfungsmacht der Banken birgt ein riesiges Gefahrenpotential. Dazu kommen das Problem der grenzenlosen Inanspruchnahme des Naturvermögens sowie die Spreizung der Vermögensverhältnisse. Immer mehr Menschen haben weniger, immer weniger haben mehr.

SZ: Erwarten Sie einen grundlegenden Wandel?

Hengsbach: Es gab ja in den vergangenen 30 Jahren rund sieben andere Finanzkrisen, aber diese Krise ist beispiellos. Denn jetzt geht der berühmte Ruck durch Deutschland. Ein anderer, als damals von Roman Herzog gefordert, aber es ist ein Ruck der Denkmuster. Plötzlich glauben prominente Banker nicht mehr an die Marktheilungskräfte, plötzlich ruft der Kapitalmarkt nach dem starken Staat, plötzlich soll der Staat die Konjunktur ankurbeln. Das ist für mich irgendwie unfassbar. War das vorher alles nur eine große Legende?

SZ: War es das?

Hengsbach: Der Schock in der Gesellschaft ist ernsthaft, die Leute diskutieren über grundlegende Veränderungen und räumen Fehler ein. Auch viele Banker sprachen sich für eine schärfere Regulierung der Finanzmärkte aus, um jedoch inzwischen immer häufiger einzuschränken, dass nicht zu viel reguliert werden dürfe. Ich habe das Gefühl, dass die Lernbereitschaft deutlich weniger ausgeprägt ist als vor einem halben Jahr.

SZ: Brauchen wir härtere Regeln? Oder muss sich nicht in den Köpfen der Akteure etwas Grundlegendes ändern?

Hengsbach: Wir brauchen Regeln, aber die können dauerhaft unterlaufen werden. Das geschieht weniger durch Einzelne, die das Gesetz brechen, es drückt sich vielmehr durch eine kollektive Mentalität aus, die dazu führt, dass Regeln geschickt umgangen werden. Wenn Josef Ackermann immer noch denkt, dass eine Rendite von 25 Prozent wohlfahrtssteigernd ist, dann habe ich meine Zweifel, ob jene Mentalität wirklich erschüttert ist. Das passiert erst, wenn sich diese Banker fragen, was ihre Funktion im System ist.

SZ: Viele Banker sagen: Wir müssen die Gewinne unserer Bank maximieren.

Hengsbach: Nein, Geld ist ein öffentliches Gut, das Finanzsystem soll somit dem realen Wohlstand aller Menschen dienen, dass es ihnen besser geht und ihre Lebensqualität gesteigert wird. Wenn das nicht in den Köpfen ist, nützt die beste Regulierung nichts.

SZ: Wie kriegt man diese Mentalität in die Köpfe?

Hengsbach: Das funktioniert nur durch öffentliche Meinungsbildung, und da haben wir jetzt eine Chance. Einige Banker und auch die Wissenschaft stellen ja die richtigen Fragen. Die Globalisierungskritiker von Attac sind als Bewegung bestätigt worden: Wenn Kanzlerin Merkel sagt, die Politik dürfe sich nicht noch einmal von einer Bank erpressen lassen, dann haben die Banker die Politik wohl über den Tisch gezogen. Das soll nun nicht mehr passieren. Die Öffentlichkeit verlangt das auch.

SZ: Das Problem ist also die Gier?

Hengsbach: Die erste Reaktion auf eine Krise ist immer, einen Sündenbock zu finden. Beim Thema Arbeitslosigkeit sind es die faulen Säcke, die nicht leistungsbereit sind, in der Finanzkrise ist es die Gier. Aber welche Gier? Die des Häuslebauers, der Abteilungsleiter, der Bonus-Investmentbanker? Die Subjektivierung der Krisenursachen lehne ich ab. Hier handelt es sich um Systemfehler.