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Soziales Netzwerk ist an der Börse:Facebook-Aktie startet mäßig

Der Euphorie folgt Ernüchterung an der Wall Street: Die erste Notierung der Facebook-Aktie wird auf rund 42 Dollar festgelegt. Dann ging es allerdings rapide abwärts. Firmenchef Zuckerberg pfeift auf die Konvention der Wall Street und feiert im Silicon Valley eine Hacker-Party. Nichts ist normal beim Börsengang von Facebook.

Moritz Koch, New York

Zum Börsendebüt an der US-Technologiebörse Nasdaq hat Facebook die Anleger begeistert. Allerdings nur kurz. Für die ersten Papiere zahlten sie noch 42 Dollar das Stück. Binnen einer Stunde waren die Gewinne wieder weg, und der Aktienkurs des erst acht Jahre alten Online-Netzwerks bewegte sich in Höhe des Ausgabepreises von 38 Dollar. Für ein paar Stunden ging wieder aufwärts. Zeitweilig pendelte der Kurse um die 40 Dollar, bevor er am Nachmittag erneut nachgab. Zum Handelsschluss kostete die Facebook-Aktie 38,23 Dollar. Offenbar verhinderten nur Stützungskäufe der Banken, die den Börsengang begleiteten, einen Sturz unter den Ausgabepreis.

Anders als bei solchen Gelegenheiten üblich, sparte sich Gründer Mark Zuckerberg den Auftritt in New York. Er feierte lieber im Silicon Valley eine Hacker-Party. Der 28-Jährige pfeift bewusst auf Konvention der Wall Street. Auch beim Börsengang läuft nichts normal bei Facebook. Ungewöhnlich viele Verkaufsaufträge von Altinvestoren stellten die Nasdaq vor massive Probleme. Die Erstnotiz verzögerte sich um eine halbe Stunde, eine Blamage für die Computerbörse, die von Facebook überraschend anstelle der ehrwürdigen New York Stock Exchange ausgewählt worden war.

Dennoch besteht kein Zweifel: Facebooks Debüt ist das größte Börsenereignis der vergangenen Jahre. Selbst die gefeierte Rückkehr des kurzzeitig insolventen Autokonzerns General Motors an den Aktienmarkt im Jahr 2010 hat nicht annähernd so viel Euphorie entfacht. Wie im Rausch rissen die Anleger Facebook die Aktien in den vergangen Tagen aus der Hand - auch die Euro-Krise konnte sie nicht stoppen. 16 Milliarden Dollar stehen unterm Strich, nie zuvor hat eine Internetfirma bei Anlegern so viel Geld eingesammelt. Mit einem Börsenwert von mehr als 100 Milliarden Dollar stellt Facebook selbst Weltkonzerne wie Disney und Siemens in den Schatten.

In der Nacht vor der Premiere hatte Zuckerberg zu einem "Hackathon" geladen, einer Börsenparty nach den Regeln des Silicon Valley. Hacking steht hier nicht für Computerkriminalität, sondern für kreatives Denken und unkonventionellen Spaß. In den Morgenstunden versammelten sich die Mitarbeiter auf dem Facebook-Campus. Zuckerberg sah im schwarzen Sweatshirt eher wie ein Jogger aus als ein Firmengründer, der Börsengeschichte schreibt. Doch um Punkt 6.30 Uhr Ortszeit war es so weit. Per Fernsteuerung ließ Zuckerberg die Börsenglocke in New York erklingen. Trotz der Handelsturbulenzen nannte er die Erstnotiz einen Meilenstein. "Aber unsere Mission ist nicht, eine börsennotierte Firma zu sein. Unsere Mission ist, unsere Welt offener zu machen und stärker miteinander zu vernetzen."

Auf Knopfdruck machte Zuckerberg etwa 1000 Weggefährten zu Millionären und sich selbst zum Multimilliardär. Neben Risikokapitalgebern zählen auch viele Mitarbeiter zu den Altinvestoren, die nun endlich Kasse machen konnten. Die Anleger, die erst jetzt einsteigen, können nur darauf hoffen, dass sich die märchenhafte Wachstumstory von Facebook fortsetzt. Zuckerberg hat ein Collegeprojekt in das größte Medienphänomen der Gegenwart verwandelt. 900 Millionen Menschen tauschen sich über das soziale Netzwerk aus.

Doch es gibt Zweifel am Geschäftsmodell von Facebook, das vor allem auf Werbung setzt. Der bisherige Gewinn rechtfertigt den hohen Börsenwert nicht und aus Washington droht Gefahr. Je stärker das Netzwerk die Vorlieben seiner Mitglieder vermarktet, desto größer wird das Misstrauen der Politiker. Der demokratische Kongressabgeordnete Ed Markey warnte: 'Um den Erwartungen profithungriger Aktionäre zu entsprechen', werde Facebook unter wachsendem Druck stehen, Umsatz aus persönlichen Daten zu schöpfen. Auch einige Republikaner sorgen sich öffentlich über den Schutz der Privatsphäre.

© SZ vom 19.05.2012/mkoh
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