Sonnenfinsternis:Im Süden wächst die Not

Deutschlands Stromversorgung muss dabei zudem immer häufiger auf Kraftwerke im Ausland zurückgreifen. Waren zuletzt neben alten Meilern in Deutschland auch Anlagen in Österreich als Notstrom-Reserve gedacht, sollen vom kommenden Winter an notfalls Kraftwerke in Frankreich, der Schweiz und Italien anspringen. In Berlin macht sich angesichts der ungelösten Probleme im Netz Ärger breit. Die Opposition fordert eine Lösung. "Wir brauchen endlich die überfällige Reform des Strommarkts", sagt Krischer. Sie müsse dafür sorgen, dass bei Flaute und Schatten rasch umweltfreundliche Kraftwerke anspringen. Der Grünen-Energiepolitiker hat auch beim Wie genaue Vorstellungen: ermittelt am besten per Ausschreibung.

Das Bundeswirtschaftsministerium werkelt seit Monaten an dieser Reform, sie soll klären, ob und wie Stromkonzerne künftig dafür entlohnt werden, dass sie Kraftwerke einsatzbereit halten, obwohl diese jenseits von Sonnenfinsternissen und Windflauten immer seltener zum Einsatz kommen. Sigmar Gabriel (SPD), der Energieminister, hält von einer Subvention wenig und spottet über eine Art "Hartz IV für alte Kraftwerke", auch die Kanzlerin hält sich zurück. Denn bundesweit gibt es eher zu viele als zu wenig Kraftwerke. Sie sind nur schlecht verteilt. Vor allem im Süden aber wächst die Not. So warnen Bayern und Baden-Württemberg, wo in den nächsten Jahren die meisten Kernkraftwerke vom Netz gehen, vor Stromengpässen. Bis zum Sommer will die Bundesregierung entscheiden, ob und wie stark sie in den Markt eingreift.

Das Wirtschaftsministerium dagegen sieht bis 2025 keine Engpässe - schon wegen des grenzüberschreitenden Stromaustauschs mit Nachbarstaaten.

Umso aufmerksamer verfolgt die Branche nun das Naturspektakel am Freitag - es gilt auch als Stresstest für das Gesamtsystem. "Die Sonnenfinsternis zeigt beispielhaft, welche Herausforderungen die Energiewende für das Gesamtsystem der Stromversorgung bedeutet", sagt Rainer Joswig, Chef des süddeutschen Netzbetreibers Transnet BW, einer Tochter des Energiekonzerns EnBW. Theoretisch gäbe es eine einfache Möglichkeit, die Schwankungen zu verhindern. Solardächer müssten nur abgeschaltet werden.

Doch das ist technisch nicht machbar, die wenigsten Anlagen lassen sich aus der Ferne steuern. Seit Monaten bereiten sich die vier großen deutschen Netzbetreiber 50 Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW in Arbeitsgruppen und mit wissenschaftlichen Expertisen auf den abrupten Spannungsabfall vor. Am Freitag um 11.55 Uhr soll Deutschland den Test bestanden haben - oder auch nicht. Klar ist: Der Ernstfall wird sich so schnell nicht wiederholen. Eine weitere Sonnenfinsternis wird erst wieder 2021 zu beobachten sein. Dann allerdings, heißt es in Papieren des Netzbetreibers Transnet BW, könnte das Problem noch größer werden. Läuft alles nach Plan, sind dann schon Solaranlagen mit einer Leistung von 50 000 Megawatt am Netz.

© SZ vom 16.03.2015/hgn
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