Energiewende:Deutschlands ungenutzte Dächer

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Energiewende: Ein Fachwerkhaus mit Solardach im Ruhrgebiet. 10,8 Millionen Privathäuser sind in Deutschland für Solarstrom geeignet.

Ein Fachwerkhaus mit Solardach im Ruhrgebiet. 10,8 Millionen Privathäuser sind in Deutschland für Solarstrom geeignet.

(Foto: Hans Blossey/imago images)

Solarstrom von Deutschlands Dächern könnte laut einer Studie zehn Kohlekraftwerke ersetzen. Doch bisher liegt das Potenzial weitgehend brach, obwohl sich eine Investition für Eigenheimbesitzer meistens auszahlt.

Von Roland Preuß, Berlin

Als Hausbesitzer auf Solarstrom zu setzen, ist in den vergangenen Jahren attraktiver geworden. Die Preise für Öl und Gas sind steil gestiegen, auch Strom ist teurer geworden. Die Preise für Solarmodule dagegen sind gefallen, mit ihnen lässt sich viel günstiger Strom selbst erzeugen als vom Versorger kaufen - man leistet zudem einen Beitrag zum Klimaschutz und zur Unabhängigkeit von autoritären Herrschern über Öl und Gas wie Russlands Präsident Wladimir Putin.

Wie groß aber ist das Potenzial, das Deutschlands Privathäuser für Solarstrom bieten? Das hat nun der Solarstromanbieter Lichtblick zusammen mit dem Bonner Forschungs- und Beratungsunternehmen EUPD Research für Ein- und Zweifamilienhäuser ermittelt. Die Untersuchung wird kommenden Dienstag vorgestellt und liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Demnach gibt es viel mehr Möglichkeiten auf den Eigenheimen, als bisher genutzt werden. 10,8 Millionen Privathäuser sind für Solarstrom geeignet, würde das Potenzial ausgeschöpft, so die Autoren, würden sie pro Jahr so viel Strom erzeugen wie zehn mittlere Kohlekraftwerke. Diese Woche erst hatte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) angekündigt, mehr Kohlekraftwerke in Betrieb zu nehmen, damit bei der Stromerzeugung Gas eingespart werden kann.

Die Untersuchung sieht sieben Schlüsseltechnologien für die Energiewende im Eigenheim. Am weitesten verbreitet seien Solarstromanlagen, sie sind auf immerhin 16 Prozent der geeigneten Häuser installiert, oft wird der Sonnenstrom dann ins Netz eingespeist. Die Nutzung des gewonnen Solarstroms im eigenen Haus ist jedoch seltener, nämlich bei Wärmepumpen (acht Prozent der Häuser), Autoladestationen (acht), Heimspeichern (vier), Elektroautos (drei), intelligenten Stromzählern (drei) und Systemen zum Management des Energieverbrauchs (zwei Prozent). Nimmt man all diese Optionen zusammen, so werden die Möglichkeiten nur zu knapp einem Zehntel ausgeschöpft. Um sie voll zu nutzen, müsste man laut EUPD rund 131 Milliarden Euro investieren. Die Idee hinter einem Ausbau ist, dass Hausbesitzer sowohl Produzenten als auch Verbraucher des Stroms sind.

Eigenheimbesitzer könnten viel Geld sparen

Würden alle 10,8 Millionen Haushalte von den bisher weitverbreiteten Öl- und Gaskesseln sowie Benzin- und Dieselautos auf Stromheizungen und Elektromobilität umsteigen, so würde ihr Energiebedarf um zwei Drittel sinken. Laut einer Modellrechnung der Studie können Eigenheimbesitzer so über 20 Jahre bis zu 55 000 Euro sparen, wenn der Solarstrom bei hohen Energiepreisen über die Börse vermarktet wird, ließen sich bis zu 95 000 Euro erwirtschaften. Durch die Digitalisierung und Vernetzung von Solaranlagen, Speichern, Wärmepumpen und Elektroautos könnten die Anlagen wirtschaftlicher und die Häuser weitgehend autark werden. Einer der Hauptprobleme der Solarstrom-Nutzung ist die Speicherung der Energie für die Zeit, in der zu wenig Sonne scheint. Dies könnte durch zusätzliche Großspeicher und die Nutzung von E-Auto-Akkus gelöst werden, heißt es bei Lichtblick.

Warum werden dann nicht mehr Solarstromanlagen installiert? Einen wichtigen Grund sieht die Studie bei dem Wust an Bürokratie, durch den sich Privatleute kämpfen müssen. So gibt es Vorschriften für die Verbindung der Solaranlage mit dem öffentlichen Stromnetz und zur Messung des Stroms, der verbraucht und der ins Netz eingespeist wird. "Es gibt 900 Netzbetreiber, und die können alle ihre eigenen technischen Anschlussbedingungen bestimmen", sagt Ralf Schmidt-Pleschka von Lichtblick. Sehr viele hätten da ihre individuellen Vorstellungen, wie das zu passieren habe. "Deshalb fordern wir bundesweit einheitliche Anschlussbedingungen."

Lichtblick bietet selbst Ökostrom an und die Installation von Solaranlagen auf Privatdächern. Die Einschätzung des Potenzials für Solaranlagen auf Privathäusern sei aber "plausibel", sagt Harry Wirth, der beim Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg den Bereich Photovoltaik, Module und Kraftwerke leitet. Sein Institut hat das solare Potenzial für alle deutschen Dächer errechnet. Ergebnis: Man könnte damit so viel Strom produzieren wie 23 große Kohlekraftwerke. Bei Ein- und Zweifamilienhäusern lasse sich das meist schneller nutzen als etwa bei Miets- oder Mehrfamilienhäusern, wo oft komplizierte Regelungen nötig sind, sagt Wirth.

Allein auf die Sonne zu setzen, da sieht Wirth Probleme für eine zuverlässige Stromversorgung. "Die Batterien alleine reichen nicht zur Speicherung, die sind nach ein paar Stunden leer." Windkraft könne dies zumindest teilweise ausgleichen, nötig sei perspektivisch auch die Speicherung des Stroms in Form von Wasserstoff. Dennoch bleibe ein großer Vorteil für Solarstrom vom Hausdach: "Man bekommt Strom zu einem sicheren Preis - und das ist viel wert bei stark schwankenden Energiepreisen."

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