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Energiepolitik:Warme Wohnung gesucht

Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Bundesregierung will, dass auf jedem Dach eine Solaranlage steht. Das hilft beim Klimaschutz. Aber es gibt noch andere wichtige Ziele beim Wohnbau.

Von Max Hägler

Der Vorschlag klingt derart einleuchtend, dass man sich fragt, wieso das nicht schon seit Jahren vorgeschrieben ist: Die Bundesregierung will zum Zwecke des Klimaschutzes auf jedem Neubaudach eine Photovoltaik- oder Solarthermie-Anlage installiert sehen; auch auf älteren Dächern sollen solche Anlagen kommen, sofern sowieso eine größere Reparatur unternommen wird, so sieht es ein Gesetzentwurf vor. Die schwarz-grüne Landesregierung in Baden-Württemberg hat es vorgemacht in ihrem ganz frischen Koalitionsvertrag, so wie auch der Berliner Senat, nun soll das überall kommen per "Sofortprogramm". Tatsächlich spart es massiv Strom, Gas und Heizöl, wenn jeder die Sonne nutzt: Etwa 35 Prozent des deutschen Energieverbrauchs entfallen auf Gebäude. In Euro ausgedrückt wird das noch eindrücklicher: 73 Milliarden Euro wenden die Deutschen pro Jahr auf fürs Heizen, fürs Warmwasser, fürs Licht - und, immer öfter, auch für Klimaanlagen.

Insofern ist es naheliegend und richtig, wenn die Bundesregierung solche Installationen einfordert und zugleich auch die Regelung zur Wärmedämmung abermals verschärfen will: Zwei Drittel der Häuser im Land sind vor der ersten Wärmeschutzverordnung errichtet, die Anfang der 1970er-Jahre in Kraft getreten ist. Diese alten Gebäude verbrauchen bis zu fünf Mal mehr Energie als Neubauten, die nach 2001 errichtet sind. Ein enormes Potenzial, um die Welt zu verbessern. Denn wie sagen Experten: Keine Energiewende ohne Wärmewende.

Eine Solarpflicht könnte das soziale Miteinander gefährden, und sogar den Umweltschutz

Und viel hilft dabei viel. Unzweifelhaft. Doch muss die Regierung aufpassen, wie in der gesamten Umwelt- und Energiepolitik: Der Klimaschutz, der berechtigt so sehr an Dynamik gewonnen hat, auch durch das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts, darf nicht vergessen machen, dass es im Land weitere wichtige Ziele gibt, das möglichst gute Leben der Bürger. Denn der Klimaschutz per Solardach und Wärmedämmung hat das Potenzial, das soziale Miteinander zu gefährden und sogar den Umweltschutz.

Ganz simpel begonnen: Immer öfter werden Dächer begrünt. Blumen, Moose, Farne und Gräser wachsen da, werden zu kleinen Biotopen, die gerade im dicht besiedelten urbanen Raum einen Ausgleich zur so großen Flächenversieglung bilden. Regenwasser wird aufgenommen anstatt die Kanalisation zu überlasten, Insekten finden Unterschlupf und Nahrung. Ökologen und Wasserwerke schätzen deshalb solch grüne Dächer. Was ist wichtiger - das große Klima oder die Umwelt und Biodiversität vor Ort? Also: Solarpanele aufs Dach oder eine Blumenwiese pflanzen? Noch ist das nicht endgültig geklärt, ebenso die Frage nach Schattenlagen. Hier braucht es rasch klare Handreichungen für Bauherren, aber auch für die Gemeinden und Bauämter.

Und ein anderer, noch größerer Widerspruch tut sich immer deutlicher auf bei den Regeln, die nun weiter verschärft werden sollen: Der Klimaschutz am Dach verteuert, verkompliziert und verzögert das Bauen. Die Lobby der Hausbesitzer rechnet mit Mehrkosten von 15 000 Euro pro Einfamilienhaus. Nun mag das an der Oberkante liegen, die Häuslebauer wollen möglichst wenig Regeln, möglichst gewichtige Argumente. Aber fest steht: Es wird ein spürbarer Kostenblock.

Das ist relevant für jene, die mühsam sparen für ein Eigenheim am Land. Das ist aber besonders relevant für jene, die unter prekären Bedingungen in den Städten wohnen. Wie verzweifelt suchen Hunderttausende in Berlin, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt oder München einigermaßen bezahlbaren Wohnraum, leben derzeit völlig beengt. Diese Wohnungsnot ist bekannt - aber durch die neuen Klimaregeln wird sie nicht gelindert, im Gegenteil.

Bereits in den vergangenen Jahren haben sich die Regelungen verschärft: Wände müssen mittlerweile aufwendig gedämmt werden, ob bei Alt- oder Neubauten, so wie derzeit bereits die Art der Energieerzeugung eine große Rolle spielt. Einfach Ziegel aufeinander mörteln, das reicht schon lange nicht mehr. Der Aufwand steigt, die Zahl der Gewerke nimmt zu, es braucht Computer zum Regeln. Und nun kommt noch eine Anlage verpflichtend hinzu. Der Wohnungsbau wird also noch einmal komplizierter und teurer, obwohl das radikale Gegenteil das Ziel sein muss - daran ändern auch die beabsichtigten staatlichen Förderungen nicht allzu viel. Und er verzögert sich weiter: Schon jetzt fehlen so viele Handwerker, bleiben etliche Wohnprojekte auch deshalb liegen.

Sechs Millionen Wohnungen mit Preisbindung bräuchte es - mithin Sozialwohnungen. Aber es gibt nur eine Million derzeit. Auch dieses Ziel muss unbedingt berücksichtigt bleiben. Es ist doch eigentlich völlig einleuchtend. Oder anders: Keine Energiewende ohne Sozialwende.

© SZ/kö
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