Süddeutsche Zeitung

Solarenergie in Afrika:"Wohltätigkeit funktioniert hier nicht"

Chinesische Kredite, lokale Verantwortung: Der Unternehmer Samba Bathily hat bereits über 1500 afrikanische Dörfer in 17 Ländern mit Solarpaneelen elektrifiziert.

Die Fassade des zweistöckigen Firmensitzes sticht schon von Weitem ins Auge. Knalliges Orange, große moderne Fenster, ein Hauch westlicher Urbanität inmitten rostender Werkstätten, Altmetall-Lager und Kesselschmieden, die ihr Kochtopf-Sortiment am Straßenrand ausstellen. Hier in einem Gewerbegebiet der malischen Hauptstadt Bamako, auf halber Strecke zwischen einer verfallenden Pferderennbahn und dem Ufer des Niger, hat einer der größten und sicherlich prominentesten Solarenergie-Pioniere Afrikas seinen Firmensitz: "Solektra" steht auf einer Neontafel. Ein ambulanter Händler nutzt sie als Stütze für eine mannshohe Pappe voller gefälschter Ray-Ban-Sonnenbrillen. "Kommen Sie näher", ruft er, "ich gebe Ihnen heute zwei zum Preis von einer".

Mehr als 600 Millionen Afrikaner haben keinen Zugang zu Lichtschaltern

Hinter den großen Schaufenstern von Solektra allerdings gelten andere Gesetze: Die ausgestellten Solarpaneele, Solarlampen und Generatoren sind Qualitätsware aus China, Frankreich und Deutschland. Gerahmte Fotos an der Wand zeigen prominente Besucher aus aller Welt. Wirtschaftsbosse, Religionsführer und Präsidenten. Klar, hier geht es nicht um ein beliebiges Import-Export-Geschäft. Sondern um Solarenergie für alle. Oder wie es der Firmenprospekt dichtet, "die strahlend helle Zukunft Afrikas".

"622 Millionen Afrikaner", sagt Firmenchef Samba Bathily, "haben keinen Zugang zur Welt der Steckdosen, Lichtschalter und Straßenlaternen." Sie stellten damit die Hälfte der weltweit 1,2 Milliarden Menschen ohne Stromanschluss. "Außerdem sind die herkömmlichen Brennstoffe gefährlich: Über drei Millionen Afrikaner sterben jährlich an den Folgen von Vergiftungen und Bränden." Bathily trägt Anzug und Krawatte. Das breite, von einer Brille gerahmte Gesicht strahlt eine ruhige Gelassenheit aus, die kaum etwas von der geschäftlichen Umtriebigkeit des 46-Jährigen verrät. Seit 2008 führt der Malier seine Firma für Solarenergie - neben unter anderem einer Laserdruckerei, einer Garage für Luxusautos und einer umfangreichen Lkw-Flotte.

Weltweit bekannt aber wurde er 2014, als er zusammen mit dem senegalesisch-amerikanischen Rhythm-'n'-Blues-Star Akon alias Alioune Akon Thiam und dem ebenfalls aus dem Senegal stammenden Politiker und einstigen Obama-Berater Thione Niang die Initiative Akon Lighting Africa aus der Taufe hob. Akons Popruhm - er hat mehrere Multiplatin-Alben produziert und unter anderem mit Michael Jackson zusammengearbeitet -, Niangs politische Verbindungen und Bathilys Know-how: Diese Kombination sollte die Widerstände, auf die ähnliche Solar-Projekte bisher trafen, minimieren. Als Akon 2004 sein Debütalbum veröffentlichte, galt Solarenergie in Afrika bestenfalls als Randthema. Inzwischen hat Akon Lighting Africa über seine Partnerfirma Solektra ein Kredit-Budget von einer Milliarde Dollar, unterhält Ableger in 17 afrikanischen Staaten und ein Büro im 66. Stock des Empire State Building. "Wir haben ein Ziel", erklärt Bathily: "Bis zum Jahre 2020 wollen wir 16 Millionen Afrikaner mit Strom versorgen."

Bathily war als Sohn eines Unternehmers zwischen Mali und Frankreich aufgewachsen, hatte zwei Jahre lang in Belgien Jura studiert, bevor ihn Visa-Probleme zur Rückkehr in die alte Heimat zwangen. Hier handelte er zunächst mit Treibstoffen. Später sollte er zusammen mit chinesischen Firmen landwirtschaftliche und Infrastruktur-Großprojekte in Westafrika aufziehen und für Akon Lighting Africa Kooperationen mit in Nanjing ansässigen Solarenergieausrüstern einfädeln.

Bathily profitierte dabei von engen Kontakten zu vielen westafrikanischen Regierungen. Und einer immer günstigeren Technologie für netzunabhängige Solarpaneele und Stromspeicher: "In den letzten sechs Jahren hat sich vieles zu unseren Gunsten gedreht", sagt Bathily. "Vorher kostete das Kilowatt Solarenergie um die fünf Dollar, inzwischen ist der Preis unter einen Dollar gefallen." Akon und Niang, beide ohne Stromversorgung in einem senegalesischen Dorf nahe Kaolack aufgewachsen, halten wie Bathily Anteile an Akon Lighting Africa wie auch dessen Finanzierungsarm Solektra International. Dass man mit den Chinesen kooperiere, sagt Bathily, liege auf der Hand: Sie hätten vor drei Jahrzehnten eine ähnliche Energiekrise gemeistert, wie sie heute Afrika plage. Wichtiger noch: Sie brächten dem Projekt uneingeschränktes Vertrauen entgegen.

"Die größte Hürde", erklärt der Unternehmer, "war schon immer die Finanzierung." Afrikanische Regierungen könnten Großprojekte meist nicht auf einmal stemmen. Also arbeite man mit lokalen Banken und Regierungen Verträge aus - und gewähre Kredite auf drei bis acht Jahre. Nach anfänglichen Fehlschlägen bei der Suche nach Investoren hat Bathily gute Erfahrungen mit den chinesischen Banken gemacht. Immerhin soll Akon Lighting Africa - humanitäre Absicht hin oder her - Profit machen: "Wohltätigkeit", hatte Akon in einem Interview mit dem Guardian erklärt, "funktioniert in Afrika nicht. Wenn die Leute sich daran gewöhnen, etwas geschenkt zu bekommen, entwickeln sie keine eigene Initiative."

Statt Almosen zu verteilen, gehe es darum, die Leute in die Lage zu versetzen, selbst ihre Familien zu versorgen. So legt Akon Lighting Africa großen Wert auf autarke Projekte: "Wir installieren unsere Klein-Paneele und Straßenlampen", sagt Bathily, "in dörflichen Gemeinden ohne Stromanschluss und bilden Arbeitskräfte vor Ort aus. Am Ende sind sie für die Wartung verantwortlich. Kinder nützen das Licht abends zum Lernen, Händler können ihre Geschäfte länger betreiben und es entstehen neue Märkte." Bisher habe man bereits an die 1500 Dörfer mit zusammen knapp zehn Millionen Einwohnern mit Kleinpaneelen und solarbetriebenen Straßenlaternen ausgerüstet. Und auf diese Weise 5000 Arbeitsplätze geschaffen - nicht nur in Westafrika, sondern zuletzt auch bei mehreren Projekten in Ruanda, Angola und Mosambik.

Die Ausbildung findet gleich neben Bathilys Büro statt: Im Hinterhof seiner Firma hat 2015 die erste reguläre Schule für Solarenergietechniker in Westafrika den Betrieb aufgenommen. "Solektra Solar Academy" prangt an dem großen eisernen Schiebetor. Dahinter ein fensterloser Flachbau. Der Lehrsaal fasst ein Dutzend Studenten, jeder Arbeitsplatz mit einem Laptop bestückt, am Kopfende eine Wand aus Steckern, Buchsen und Messgeräten. "Unsere Simulatoren ", erklärt der malische Ingenieur und Dozent Jawou Kounasso, "stammen von unserer deutschen Partnerfirma". Tatsächlich. "Lucas-Nülle GmbH Kerpen" steht auf den Armaturen.

Die Ausbildung dauert zwischen einer Woche und drei Monaten. "Wer hier einen Kurs absolviert", sagt Kounasso, "bekommt ein Starter-Kit, mit dem er vor Ort weitere Fachkräfte anlernen kann." Meist würden die Auszubildenden von afrikanischen Regierungen und NGOs geschickt. Ab und zu kämen aber auch ambitionierte Kleinunternehmer - um 10 000 CFA oder umgerechnet 15 Euro für einen Wochenkurs zu bezahlen.

"Wir haben Stipendien", sagt der Dozent, "so dass sich das selbst ein junger Mann aus einem armen Dorf in Mali leisten kann." Die Nachfrage nach Solartechnikern steige stetig. Kounasso öffnet die Tür zum Hof, zeigt auf eine solarbetriebene Straßenlaterne. Solektra habe gerade eine Kooperation mit der französischen Firma Sunna eingefädelt: Nächstes Jahr soll hier Afrikas erste Fertigungsanlage für Solar-Straßenlampen in Betrieb gehen.

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Quelle:
SZ vom 29.03.2018
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