Süddeutsche Zeitung

Sohn des DDR-Spions Markus Wolf:Diskrete Geschäfte am Affenfelsen

Lesezeit: 4 min

Franz Wolfs Vater Markus war Spionagechef der DDR - der Junior verwaltet von Gibraltar aus ein kompliziertes Firmengeflecht. Im Hintergrund steht der sechstreichste Oligarch Russlands. Wenn Journalisten neugierige Fragen stellen, bekommen sie erst keine Antwort und dann Post vom Anwalt.

Von Hans Leyendecker und Frederik Obermaier

Das Phantom lebt nicht weit vom Affenfelsen. Hier also hat der Mann den Behörden seinen Wohnsitz gemeldet, ein Mann aus einer berühmten deutschen Familie. Oder soll man sagen: berüchtigt? Sein Vater war Generaloberst Markus Wolf, genannt "Mischa": der langjährige Spionagechef der DDR.

Markus Wolf setzte in der "Operation Romeo" Agenten auf einsame Sekretärinnen an; sein Spion Günter Guillaume brachte Willy Brandt zu Fall, und er selbst war viele Jahre der Mann ohne Gesicht für die westlichen Dienste. Seinen Hang zum Agieren im Verborgenen scheint er seinem Sohn Franz vererbt zu haben.

Franz Thomas Alexander Wolf, geboren im Mai 1953 in Berlin, ist ein Mann, der die Öffentlichkeit scheut - anders als der Rest der Familie nach dem Ende der DDR. Markus Wolf tingelte nach dem Mauerfall von Talkshow zu Talkshow, schrieb Bücher, gab Interviews. Seine Tochter engagierte sich bei der Linkspartei. Franz Wolf tauchte nur kurz einmal auf, als er mit seinen Geschwistern, der "Kaufgemeinschaft Wolf", versuchte, ein Haus an der Ostsee in Familienbesitz zu behalten - das dem ursprünglichen Eigentümer vom SED-Regime genommen worden war.

Nun zeigen die Offshore-Leaks-Dateien, dass Franz Wolf von Gibraltar aus ein kompliziertes Firmengeflecht verwaltet, das von der Karibik bis nach Russland reicht. Es ist die Alfa-Unternehmensgruppe des Oligarchen Michail Fridman, dem sechstreichsten Mann Russlands. Wolf sitzt an den Schaltstellen eines Imperiums.

Geschäftsfelder sind Wodka, Mobilfunk, Supermärkte

Der 48 Jahre alte Fridman ist einer von jenen, das zumindest ist sicher, die aus dem Zusammenbruch des Kommunismus Kapital schlugen. Sein Aufstieg begann in der Ära der alten UdSSR. Fridman baute damals zunächst eine Fensterputzkolonne auf, später handelte er auf dem Schwarzmarkt mit Theaterkarten. Als der Staat den Griff lockerte und wirtschaftliche Freiheiten zugestand, war Fridman ganz vorne dabei. Er importierte Zigaretten, war Immobilienmakler und betrieb eine Im- und Exportfirma. Protegiert wurde er angeblich vom damaligen Wirtschaftsminister - der sitzt mittlerweile im Verwaltungsrat von Fridmans Firmengruppe.

Fridman selbst ist heute Herr eines Milliarden-Imperiums. Wodka, Mobilfunk, Supermärkte und Erdöl sind nur einige seiner Geschäftsbereiche. Eine zentrale Rolle in dem Konzern spielt Franz Wolf. Zu DDR-Zeiten gehörte der heute 59-Jährige zur sozialistischen Elite. Er studierte an der Akademie für Rechts- und Staatswissenschaft in Potsdam. Später soll er nach Moskau gegangen sein, dann verlor sich seine Spur - bis er plötzlich Direktor der Firma CTF Holdings wurde. Der Hauptsitz des Unternehmens liegt in Gibraltar, nicht weit von Wolfs Meldeadresse. CTF ist jene Firma, die im Organigramm des Fridman-Imperiums ganz oben steht.

Wolf hat innerhalb der Unternehmensgruppe noch mehr Posten: So ist er Bevollmächtigter der Crown Finance Foundation in Liechtenstein, diese Stiftung ist der geheimnisumwitterte Überbau der Alfa-Gruppe. Zur Alfa-Gruppe gehört ein weiteres Netz von Offshore-Firmen. Die drei bedeutendsten, A1, Altimo und Ventrelt, beteiligen sich unter anderem an Telekommunikationsunternehmen und Wasserversorgern. Direktor von A1, Altimo und Ventrelt ist den Unterlagen zufolge: Franz Wolf. Ein Brief der österreichischen Raiffeisen-Zentralbank von 2009 bescheinigt ihm, "achtbar und vertrauenswürdig" zu sein - Wolf könnte das Schreiben benötigt haben, um auf den Britischen Jungferninseln eine Firma zu registrieren.

Das Phantom Franz Wolf

Wolf erledigt seine Geschäfte diskret. Nur einmal meldet er sich öffentlich zu Wort - im Herbst 2002. Wenige Tage zuvor ist der Öltanker Prestige vor der spanischen Küste gesunken. Schweröl floss ins Meer, verpestete die Küste. Das Öl, das Helfer noch Wochen später von den Stränden kratzten, gehörte Fridmans Alfa-Imperium. Die in der Schweiz sitzende Firma Crown Resources hatte den Unglückstanker gechartert. Über ein Konstrukt von Holdings und Stiftungen ließ sie sich zur Muttergesellschaft zurückverfolgen: der CTF Holdings mit Direktor Franz Wolf.

Der Neuen Zürcher Zeitung bestätigte Wolf damals, dass die Firma ihren Sitz in Gibraltar hat. Mehr sagte er nicht. Kurz darauf verschwand die Ölfirma vom Markt. Auch das Phantom Franz Wolf tauchte nicht mehr auf.

Die Süddeutsche Zeitung und der NDR haben Wolf und die Alfa-Gruppe gebeten, einige Fragen zu beantworten - zu ihm, seiner Arbeit und Michail Fridman. Die Antwort kam von einem Hamburger Anwalt: Fridmans Firmengruppe wolle keine Fragen beantworten. Dazu eine ernste Warnung: Gegen jede ihre Rechte verletzende Veröffentlichung werde man vorgehen.

Viele russische Bezüge

Die Daten des Offshore-Leaks, das derzeit von Journalisten aus 46 Ländern in einer weltweiten Kooperation erkundet wird, legen Spuren in viele Länder. Für eine Bilanz der Recherche ist es noch viel zu früh. Aber auffällig ist schon jetzt, dass es in den Dateien zwar viele russische Bezüge gibt, aber was und vor allem wer dahintersteckt, lässt sich so leicht nicht beantworten.

Das liegt nicht an den russischen Journalisten, die vom Internationalen Konsortium für Investigative Journalisten (ICIJ) eingeschaltet wurden, sie sind Profis. Sie haben gelernt, sich auf die Wucherungen von Affären einzulassen, und viele von ihnen sind von einem hohen Berufsethos erfüllt. Die Anfragen, die Recherchen, die Nachforschungen stoßen aber in russischen Fällen entweder auf Widerstand, oder ungewöhnliche Sachverhalte werden normal geredet.

Da sind etwa die Einträge zur Frau von Vizepremier Igor Schuwalow. Sie war Teilhaberin einer Firma auf den Britischen Jungferninseln; die Familie ist inzwischen steinreich. Normal. Auch ein Gazprom-Manager taucht in den Dokumenten auf, er besaß Anteile einer Firma auf den Britischen Jungferninseln. Normal. Einflussreiche Wirtschaftsbosse, darunter Putin-Freunde, scheinen in den Steueroasen ihre wahre Heimat gefunden zu haben. Auch normal. Das gilt inzwischen in Russland als bekannt, wenn auch bedauerlich. Und wer zu neugierig ist, bekommt erst keine Antwort und dann Post vom Anwalt. Das mag man bedauern - andererseits ist die Festplatte mit den mehr als 2,5 Millionen Dateien noch lange nicht ausgewertet. Es wird vielleicht bald neue Fragen geben.

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Quelle:
SZ vom 11.04.2013/olkl
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