Süddeutsche Zeitung

Social Entrepreneurship:Da war ja noch was

Wochenlang fühlten sich Sozialunternehmen von der Politik alleingelassen. Nun gibt es Geld, aber reicht das?

Von Felicitas Wilke

Andreas Heinecke hat in den vergangenen Wochen gelernt, wie Politik funktioniert. "Ich bin zurzeit im Hauptberuf Lobbyist", sagt er. Am 16. März musste er wegen der Corona-Pandemie die Hamburger Ausstellungsräume von "Dialog im Dunkeln" schließen, wo blinde Menschen den Besuchergruppen einen Einblick in ihren Alltag geben. Dem Sozialunternehmen, das sich normalerweise über Eintrittsgelder finanziert, brach von einem Tag auf den nächsten ein Großteil der Einnahmen weg. "Wir haben zwar viele Spenden erhalten, aber hätten so trotzdem nicht mehr lange durchgehalten", sagt Heinecke. Rücklagen? Darf eine gemeinnützige GmbH nur sehr eingeschränkt bilden. Ein Notkredit der KfW? Kam nicht infrage, weil gemeinnützige Organisationen zunächst nicht antragsberechtigt waren.

Also suchte Heinecke, der vor mehr als 30 Jahren die Idee zum "Dialog im Dunkeln" hatte, die Öffentlichkeit. Er sprach mit den Medien und machte die Politik darauf aufmerksam, dass Sozialunternehmen durch die Raster der Corona-Hilfsmaßnahmen fallen. Ende April wies der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich im Bundestag auf "Dialog im Dunkeln" und die Probleme anderer gemeinnütziger Organisationen hin. Spätestens seitdem kennen auch in Berlin viele Heineckes Namen.

Auch Jugendherbergen sind gemeinnützig - und fürchten Absagen bei Klassenfahrten

Ein paar Monate später lässt sich nun sagen: Auf die Lücken in den Regelungen hingewiesen und in eigener Sache lobbyiert zu haben, hat sich für Heinecke und andere Mitstreiter gelohnt - auch wenn es noch immer junge Sozialunternehmen gibt, die durch die Raster fallen.

In der vergangenen Woche verabschiedeten Bundestag und Bundesrat das Konjunkturpaket, das die lang ersehnten Zusagen an Sozialunternehmen enthält. Für die Jahre 2020 und 2021 stellt der Bund eine Milliarde Euro für ein KfW-Kreditsonderprogramm bereit. Den Sozialunternehmen kommt zugute, dass die Bundesmittel eine 80-prozentige Haftungsfreistellung vorsehen. Das heißt, dass die Hausbank, die den KfW-Kredit mit den Kunden abwickelt, vom Risiko entlastet wird und dem Darlehen eher zustimmen soll. Die Länder sollen die Bürgschaft des Bundes im besten Fall auf 100 Prozent aufstocken - "mit überschaubaren eigenen Mitteln", wie die Regierungskoalition schreibt.

"Wir hoffen, dass nicht nur die wohlhabenden Bundesländer diesen Zuschuss leisten", sagt Julian Schmitz, Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Jugendherbergswerk. Rund zwei Drittel der 442 deutschen Jugendherbergen sind wegen der Corona-Pandemie noch immer geschlossen. Jetzt im Sommer seien die Häuser in den deutschen Urlaubsregionen am Meer, im Harz oder in Bayern zwar wieder gut besucht, "aber wir schauen mit Schrecken auf den Herbst, wenn normalerweise viele Klassenfahrten stattfinden", sagt Schmitz.

Die Kredite verschaffen den Sozialunternehmen zwar kurzfristig neues Geld. "Sie bedeuten aber auch Schulden, die wir vorher nicht einkalkuliert haben", sagt Schmitz. Deshalb ist er froh, dass seine Jugendherbergen im Konjunkturpaket noch an einer zweiten Stelle erwähnt werden: Sie sollen ähnlich wie Hotels, Kneipen oder Reisebüros eine Überbrückungshilfe von bis zu 150 000 Euro für drei Monate beantragen können. "Falls der Betrag, wovon wir ausgehen, pro Haus beantragt werden darf, hilft uns das gut über den Sommer", sagt Schmitz. Wie genau die Hilfen ausgestaltet sein oder beantragt werden können, will der Bund diese Woche bekannt geben, heißt es beim Bundeswirtschaftsministerium. Schmitz hofft, dass der Bund im Herbst noch mal die Lage der Jugendherbergen analysiert und Geld nachschießt, falls die Schülergruppen ausbleiben.

Social Start-ups arbeiten nur kostendeckend, Kredite bedienen ist da keine Option

Noch ungewisser blicken soziale Start-ups auf die kommenden Wochen und Monate. "Die KfW-Kredite gehen bislang an unserer Zielgruppe vorbei", sagt Katrin Elsemann, Geschäftsführerin des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland (SEND). Weil sie noch nicht lange genug am Markt sind oder wegen ihrer sozialen Ausrichtung keine großen Gewinne erzielen, kommen viele Fördermaßnahmen für sie nicht infrage. Nur 3,2 Prozent der Social Start-ups konnten von den KfW-Krediten profitieren, zeigt eine Umfrage des SEND aus dem Mai. Fast die Hälfte der befragten Unternehmen gab damals an, sich unter den derzeitigen Umständen nur noch höchstens sechs Monate halten zu können. Auch die jüngsten Zusagen im Konjunkturpaket, das Kredite für gemeinnützige Organisationen vorsieht, sieht Elsemann skeptisch. "Noch sind die Konditionen der Landesfinanzinstitute nicht bekannt, und es scheint eher fraglich, ob soziale Start-ups die notwendigen Sicherheiten mitbringen können." Hinzu komme das Problem, das die meisten Sozialunternehmen kennen: Da sie in der Regel nur kostendeckend arbeiteten, seien Kredite, die zurückgezahlt werden müssen, oft keine Option.

Bei Andreas Heinecke von "Dialog im Dunkeln" bahnt sich an, dass er einen Kredit erhalten wird, der zumindest günstige Konditionen und eine lange Laufzeit hat. Er ist deutlich optimistischer als vor ein paar Wochen und bereitet sich darauf vor, im Oktober wieder eröffnen zu können. Der Vermieter unterstützte ihn und sein Team, die Bank zeige Verständnis - und: "Das klingt vielleicht etwas naiv", sagt Heinecke, "aber ich habe Vertrauen in die Politik, dass sie weitere Lösungen finden wird."

Konkreter, bitte

Soziale Start-ups klagen nicht nur in Zeiten von Corona, zwischen den Stühlen zu sitzen und als Hybrid zwischen Unternehmen und gemeinnütziger Organisation keine passende Förderung zu finden. Im Gegensatz zu fast allen anderen EU-Staaten ist hierzulande bis heute nicht einmal offiziell definiert, was unter Social Entrepreneurship zu verstehen ist. Das soll sich bald ändern: Ende Mai beschloss der Bundestag, eine einheitliche Definition für Sozialunternehmen zu entwickeln. Sie kann beispielsweise als Entscheidungsgrundlage helfen, welche Organisationen der Staat finanziell unterstützt und welche nicht. "Im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel" soll soziale Innovation den Regierungsfraktionen zufolge künftig besser gefördert werden. Dieser Passus besorgt die Lobby der Social Entrepreneurs: Sie wünschen sich eine konkrete Summe und schlagen - ähnlich wie FDP und Grüne - vor, sogenannte nachrichtenlose Vermögenswerte einzusetzen, um Sozialunternehmen zu fördern. Darunter versteht man das Geld auf herrenlosen Konten, deren Besitzer nicht mehr zu ermitteln sind. Felicitas Wilke

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SZ vom 08.07.2020
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