Snapchat-Update:Die Jugend-App wird erwachsen

Logo Snapchat

Sieht noch nicht so erwachsen aus: das Snapchat-Logo.

(Foto: OH)

Millionen junger Menschen schicken sich über die App Snapchat Fotos und Videos. Jetzt führt der Dienst Neuerungen ein, die ihm neue Nutzer und Geld bringen sollen.

Von Sara Weber

Die App Snapchat ist bisher genau der Dienst, den Jugendliche nutzen, weil dort nicht Mama und Papa unterwegs sind - schlicht, weil die Eltern die Anwendung nicht verstehen. Denn anders als Facebook ist die App für die meisten erst einmal unübersichtlich, die Symbole unbekannt. Bisher jedenfalls. Denn Snapchat wird erwachsen.

Weltweit nutzen täglich 100 Millionen Menschen die App aktiv, die meisten von ihnen sind 13 bis 24 Jahre alt. Nutzer können Texte, Fotos und Videos per privater Nachricht an andere Nutzer schicken. Der Empfänger kann das Foto oder Video maximal zehn Sekunden anschauen, anschließend verschwindet sie.

Das neueste Update macht Snapchat massentauglicher. Nutzer können über die App jetzt auch telefonieren, einen Videochat starten, kurze Video- und Audionachrichten hinterlassen und bereits gespeicherte Fotos verschicken. Bedienbar ist das Ganze nicht länger so unübersichtlich wie bisher, sondern über Symbole, die von anderen Anbietern bekannt sind. Mit diesem Schritt hin zum Mainstream-Messenger signalisiert Snapchat seinen Nutzern: Wir wollen für Dich all das sein, was Whatsapp und Facebook bislang waren. Die neuen Chat-Funktionen zeigen, dass Snapchat bodenständiger wird, einfacher verständlich und damit für eine breitere Zielgruppe zugänglich.

Das Unternehmen wurde zwischenzeitlich mit 19 Milliarden US-Dollar bewertet, es gibt immer wieder Gerüchte über einen potenziellen Börsengang. Doch um finanziell erfolgreich zu sein und die Investoren zu befriedigen, muss eine Strategie her, die Geld bringt. 100 Millionen Nutzer reichen da nicht. Um Werbekunden anzuziehen und Geld zu verdienen, muss Snapchat extrem wachsen - und eben ältere Menschen als Nutzer gewinnen.

Die ersten Schritte dazu ist das Unternehmen schon gegangen: Seit zweieinhalb Jahren können Nutzer Bilder und Videos beliebig lang aneinanderreihen und für all ihre Follower sichtbar machen. Diese Geschichten können 24 Stunden lang angeschaut werden. Mittlerweile werden viele dieser Bildstrecken genau durchdacht und professionell produziert, gespeichert und auf anderen Plattformen wie Youtube oder Facebook hochgeladen. Das Update bringt nun eine weitere Veränderung dieser Funktion: Ist die Strecke eines Nutzers zu Ende, startet automatisch die des nächsten. Dies ist ein Versuch, die Leute länger in der App zu halten, und eine Abkehr von dem bisherigen Versprechen, dass jeder nur das zu sehen bekommt, wofür er sich explizit entschieden hat.

Nicht einmal die verrückt wirkende Eigenheit des Dienstes, quasi komplett auf eine ersichtliche Navigation zu verzichten, bleibt: Die neuen Chat-Funktionen werden in einem eigenen Discover-Channel beinahe idiotensicher erklärt.

Wechseln die 13-Jährigen bald zu einem anderen Dienst?

Snapchat ist auch deswegen so beliebt, weil es nicht optimal ausgeleuchtete Fotos wie Instagram oder jubelnde Statusberichte wie Facebook verbreitet. Es geht um Spontanität und darum, nicht immer perfekt sein zu müssen. Nutzer können viel persönlicher werden, auch mal ein Selfie mit schiefem Grinsen verschicken oder ein peinliches Outfit. Doch auch damit könnte bald Schluss sein. Snapchat schreibt zum Update, der neue Chat werde "die beste Art sein, sich zu unterhalten." Nutzer sollen darin einfach zwischen Video, Foto und Text wechseln können - die nicht einfach verschwinden. Genau diese Unterhaltung ist es, mit dem Konzerne Geld verdienen können. Unterhaltungen bedeuten: massenhaft Daten. Und Daten lassen sich an Werbekunden verkaufen. Das haben Facebook, die Chat-Anwendung Whatsapp und der Telefondienst Skype erkannt. Im Snapchat-Discover-Channel und in Live-Stories, den Video- und Bilderstrecken, können Werbekunden Anzeigen schalten. Außerdem gibt es gesponserte Filter, die Nutzer über ihre Bilder legen können.

Richtig lukrativ sind all die Inhalte, die zumindest 24 Stunden lang bestehen. Deshalb stellt sich die Frage, ob das Alleinstellungsmerkmal, die schnell verschwindenden Inhalte, nicht irgendwann verschwinden wird. Jetzt schon werden spontane Snaps an ein, zwei Freunde, so heißt das Verschicken von Bildern, Videos oder Text, unbeliebter; cool ist, wer Video- oder Bilderstrecken macht und sich der gesamten Außenwelt präsentiert. Und wenn es nach Snapchat geht, heißt der nächste Schritt: Wer cool ist, unterhält sich nur noch über Snapchat.

Doch wer sich komplett auf die App verlässt und etwa nicht mehr ergänzend Whatsapp nutzt, will nicht zwingend, dass der Großteil der Inhalte verloren geht. Vielleicht schafft Snapchat deshalb die Zehn-Sekunden-Regel irgendwann in allen Bereichen der App ab. Die große Frage ist: Werden die jungen Power-Nutzer diesen Weg mitgehen - oder wechseln sie lieber zu einem neueren, hipperen Dienst, den sie sich (zumindest vorerst) nicht mit ihren Eltern teilen müssen

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB