Süddeutsche Zeitung

Smartwatches beim Autofahren:Piepsen, vibrieren, Strafzettel

Lesezeit: 2 min

Von Franziska Schwarz, München

Es war nur ein kurzer Blick auf die Uhr. Auf die Uhr? Auf die Apple Watch, um genau zu sein. Und weil die mehr ist als ein Zeitmesser, hat ein Mann in Kanada nun Ärger mit der Polizei. Die winkte ihn neulich rechts ran, weil er das Gerät beim Autofahren nutzte. 120 Dollar Bußgeld soll er zahlen. Den Strafzettel werde er ignorieren, kündigte der Mann an. Es sei schließlich nur eine Uhr, und auf die dürfe man beim Fahren blicken.

Wer hat nun recht? Einerseits befand sich das Gerät am Handgelenk des Fahrers und war nicht "von der Hand gehalten", wie es in der Straßenverkehrsordnung von Québec formuliert ist. Andererseits tat er mehr als einen Blick auf das Ziffernblatt: Er soll gerade einen neuen Song aus der Playlist angewählt haben, als die Ordnungshüter auf ihn aufmerksam wurden. Die Smartwatches können eben mehr als nur die Zeit anzeigen und daher auch stärker ablenken, warnen Kritiker. Sie steuern Musikspieler, piepsen, vibrieren - die US-Initiative National Safety Council, die gegen Handys hinter dem Steuer kämpft, bezeichnete sie kürzlich sogar als "Rezept für eine Katastrophe" im Straßenverkehr.

Die britische Beratungsfirma Transport Research Laboratory hat der Huffington Post zufolge die Reaktionszeit von Autofahrern unter verschiedenen Bedingungen geprüft. Das Ergebnis: Bei der Beschäftigung mit einem Beifahrer betrug sie 0,9 Sekunden. Mit dem Smartphone 1,8. Und mit einer Smartwatch 2,5 Sekunden. Ein Rechtsanwalt in Los Angeles forderte vergangenen Monat, die Hersteller müssten die Kunden über die Risiken der digitalen Uhren im Verkehr aufklären.

Gesetzlich geregelt ist die Nutzung der Smartwatches nicht. Mobilgeräte dagegen sind in den meisten Ländern beim Führen eines Fahrzeuges verboten, hierzulande seit 2001. Die Straßenverkehrsordnung sieht 60 Euro Bußgeld und einen Strafpunkt in Flensburg vor, wenn jemand beim Fahren zum Telefon greift.

Über Freisprechanlage ist das Reden allerdings erlaubt. Die Konzentration stören kann das ebenso, sagt der Verkehrsforscher Michael Schreckenberg. 800 000 Unfälle gibt es in Deutschland in jedem Jahr, weil die Fahrer durch etwas abgelenkt waren - davon bis zu einem Drittel wegen des unerlaubten Handygebrauchs, schätzt er, "Tendenz steigend". Mehr als 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen gaben laut einer Forsa-Umfrage an, manchmal gleichzeitig zu lenken und auf ihrem Handy zu tippen. Etwa 390 400 Verstöße gegen das Handyverbot registrierte das Bundesamt für Kraftfahrt vergangenes Jahr. Auch Fußgänger reagieren weniger schnell, wenn sie etwa beim Queren einer Straße auf das Display starren.

Noch gibt es in der Fachliteratur keinen Artikel zum Thema Smartwatches am Steuer, sagt Ludwig Lehmann, Fachanwalt für Verkehrsrecht in München. "Nach derzeitiger Rechtsprechung wird es schwer sein, die Nutzung einer Smartwatch mit einem Bußgeld zu belegen. In meinen Augen wäre es keine rechtliche, sondern eine politische Entscheidung", so seine Einschätzung.

Wenn es denn käme, wäre ein mögliches Verbot für die Kontrolleure sicher anstrengend. Die Uhrzeit abzulesen, müsste wohl erlaubt bleiben. Eine Smartwatch ist aber schwer von einer herkömmlichen Uhr zu unterscheiden, vor allem aus der Ferne. Nur wer an dem Gerät herumfingert, fällt natürlich auf. Mehr als 40 Millionen digitale Geräte fürs Armgelenk könnten dieses Jahr weltweit verkauft werden, schätzt das amerikanische Marktforschungsunternehmen IDC. Kritiker empfehlen allen Besitzern: Vibration und andere Funktionen ausstellen, bevor man losfährt. Oder das Gerät beim Fahren am besten ganz ablegen.

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SZ vom 03.06.2015
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