Nachhaltige Elektronik:Woran man umweltfreundliche Handys erkennt

Group of friends sitting on sofa in a loft using smartphones

Es gibt nachhaltige elektronische Geräte, die auch schick und leistungsstark sind.

(Foto: Eugenio Marongiu/mauritius images / Westend61)

Wer ein faires und einigermaßen grünes Smartphone kaufen will, ist oft ratlos. Doch es gibt Kriterien, auf die man beim Kauf achten kann.

Von Jana Hemmersmeier und Lilian Schmitt

Coltan aus dem Kongo, Gold aus Peru und eine Fabrik in China, die am Ende alles zusammensetzt: Die Lieferketten von Smartphones, Laptops oder Bildschirmen sind kompliziert und häufig schwer zu durchschauen. Wer ein solches Gerät kauft, kann kaum nachvollziehen, ob die herstellenden Firmen Menschenrechte verletzen oder die Umwelt verschmutzen.

Und das, obwohl Konsumentinnen und Konsumenten sagen, dass ihnen Nachhaltigkeit wichtig ist: Mehr als 90 Prozent der Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer in Deutschland wollen darauf achten, wenn sie ein neues elektronisches Gerät kaufen. Das ergab eine Bitkom-Studie im Februar 2021. Im vergangenen Jahr waren es nur etwa 60 Prozent. Beim tatsächlichen Kauf legen dann zwar die meisten der Befragten hauptsächlich Wert auf die Aktualität des Geräts, die Akkulaufzeit, ein robustes Display und den Preis. Wer es allerdings mit der Nachhaltigkeit ernst meint, kommt bislang nur schwer an Informationen. Doch es gibt Kriterien, auf die man achten kann.

Tipp 1: Eine strenge Zertifizierung

In fast allen Smartphones und Tablets sind sogenannte Konfliktmineralien wie Kobalt, Coltan oder Gold verbaut. Die kommen häufig aus Kriegsgebieten wie in der Demokratischen Republik Kongo. Organisationen wie Amnesty International berichten von massiven Menschenrechtsverletzungen in den Minen.

Die wohl strengsten Kriterien für eine faire Produktion stecken hinter dem Label "TCO Certified". Die Organisation dahinter hat sich 1992 aus einem schwedischen Gewerkschaftsverband ausgegründet. Das ursprüngliche Ziel: Unternehmen sollten keine Geräte mehr kaufen, die der Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schaden.

Die TCO-Bedingungen sind seit 1992 immer strenger geworden. Aktuell gelten Kriterien, dass Arbeiterinnen und Arbeiter zum Beispiel höchstens sechzig Stunden pro Woche arbeiten dürfen. Hat ein Land strengere Gesetze, dann gelten diese. Kinderarbeit ist verboten. Gefährliche Chemieprodukte sind in den Fabriken nur begrenzt erlaubt, Arbeiterinnen und Arbeiter müssen Schutzkleidung tragen. Die Sicherheit in der Fabrik muss unabhängig kontrolliert werden. Zudem müssen Unternehmen offenlegen, woher ihre Mineralien kommen und wo die Schmelzhütten liegen. Das gilt vor allem für Konfliktmaterialien. Die Organisation veröffentlicht eine Liste der Substanzen, die ein Gerät enthalten darf: Quecksilber und Blei sind verboten, für Halogene gibt es Grenzwerte.

Auf der TCO-Webseite gibt es eine Liste der Produkte, die das Label aktuell tragen. Darunter sind beispielsweise einige Laptops oder Tablets von Acer, HP oder Lenovo. Die Zertifizierung gilt höchstens für drei Jahre, danach überarbeitet TCO die Kriterien.

Tipp 2: Reparierbarkeit

Smartphones, Laptops und Tablets sind nachhaltiger, wenn sie reparierbar und recycelbar sind. Seltene Metalle und das eingebaute Plastik können wiederverwertet werden, wenn das Gerät kaputt ist. TCO berücksichtigt deshalb unter anderem, ob die Firmen defekte Produkte zurücknehmen und recyceln.

Noch umweltschonender ist es, wenn Konsumentinnen und Konsumenten ihr Gerät beim ersten Defekt nicht sofort austauschen müssen: Je einfacher es ist, ein Gerät zu reparieren, desto nachhaltiger ist es auch. Die Organisation "I fix it" hat deshalb einen Reparierbarkeits-Index erstellt. Auf der Skala von eins bis zehn bekommt das iPhone 12 beispielsweise sechs Punkte, das Samsung Galaxy A51 vier Punkte.

Einen solchen Index hat die Regierung in Frankreich zum Gesetz gemacht: Seit Anfang des Jahres zeigt ein Label auf jedem elektronischen Produkt, wie gut es reparierbar ist. In die Bewertung fließt auch mit ein, ob Ersatzteile verfügbar sind und was sie kosten. Erst ab einem Indexwert von sieben tragen die Geräte ein grünes Label. Die französische Regierung will damit die Verschwendung von Ressourcen verringern.

Tipp 3: Innovative Marken

Den höchsten Indexwert auf der "I fix it"-Skala hat das Fairphone. Seit 2013 produziert das gleichnamige Unternehmen aus den Niederlanden nach eigenen Angaben ein faires Smartphone. Nutzerinnen und Nutzer können es selbst reparieren und Ersatzteile wie eine neue Kamera nachkaufen. Die Bundesstiftung Umwelt hat dem Unternehmen 2016 den Deutschen Umweltpreis verliehen - unter anderem, weil das Gold im Fairphone aus Fairtrade-zertifizierten Minen kommt. Bei Fairphone können Verbraucherinnen und Verbraucher ihr altes Gerät zurückgeben, damit das Unternehmen die wertvollen Materialien recyceln kann.

Das geht auch beim deutschen Hersteller Shiftphone. Hier gibt es zum Beispiel ein Geräte-Pfand von 22 Euro. Das Unternehmen folgt dem Beispiel von Fairphone und verkauft seine Geräte mit austauschbaren Einzelteilen. Shiftphone achtet zudem auf Konfliktmineralien und verwendet anstelle von Coltan beispielsweise Keramik. Und auch IT-Zubehör kann nachhaltig sein. Das bayerische Unternehmen Nager IT beliefert Unternehmen mit fairen Computermäusen.

Tipp 4: Lang lebe das Produkt

Egal, woher das Gerät kommt: "Das Wichtigste ist, es so lange wie möglich zu nutzen", sagt Omana George von Electronics Watch. Die Organisation berät staatliche Institutionen, wenn sie neue Geräte brauchen und auf Nachhaltigkeit und Menschenrechte achten wollen. Sie prüft die Lieferketten von IT-Produkten.

Wer dringend ein neues Gerät braucht, kann auf verschiedene Labels achten: Beim "Blauen Engel" müssen Geräte Energie sparen, lange leben, sich gut reparieren lassen und aktuelle Updates installieren können. Das Umweltbundesamt vergibt das Label. Der "Energy Star" ist ein Programm der US-Umweltschutzbehörde. Es bewertet, wie viel Energie ein Produkt verbraucht. Beim "EU-Ecolabel" sind der Energieverbrauch, aber auch Arbeitsbedingungen und der Umgang mit Konfliktmineralien wichtige Kriterien. Das "Nordic Ecolabel" ist speziell für Produkte aus Skandinavien. Die Kriterien sind ähnlich wie beim EU-Ecolabel.

In Zukunft müssen die Unternehmen mehr Verantwortung für ihre Lieferkette übernehmen, sagt Omana George: "In der Pandemie verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen eher noch." Viele Fabriken verhindern zudem Gewerkschaften und unabhängige Kontrollen - ohne die sei es schwierig, Lieferketten transparent zu machen.

Die Bundesregierung hat sich im Februar auf ein Lieferkettengesetz für deutsche Unternehmen geeinigt. Wenigstens die großen Firmen müssen dann genauer darüber berichten, woher ihre Produkte kommen. Solange es keine strengen Regeln gibt, will Electronics Watch weiter Druck aufbauen. Dafür arbeitet die Organisation mit Kunden zusammen, die viele Geräte kaufen. "Deshalb müssen uns die herstellenden Unternehmen zuhören und können Electronics Watch nicht einfach ignorieren", sagt Omana George.

© SZ
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