Smart Home:Intelligente Mitbewohner

Smart Home: SZ-Grafik: Ilona Burgarth

SZ-Grafik: Ilona Burgarth

Wenn die Waschmaschine mit dem Handy kommuniziert, sprechen Experten von Smart-Home-Produkten. Sie sollen das Leben leichter machen.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Digitalisierung, Individualisierung und Vernetzung - das sind die Trendthemen im Bereich Bauen und Wohnen. Nach der Unterhaltungselektronik und Wirtschaft erobern smarte Anwendungen und Produkte den privaten Wohnbereich. Über Applikationen (Apps) gesteuerte Alarmanlagen und Funksteckdosen sind in technikaffinen Haushalten bereits verbreitet. Ihre Bedienung erfolgt durch das Smartphone via Bluetooth oder Internet von unterwegs.

Das Smart Home Konzept geht einen Schritt weiter. "Unter Smart Home versteht man ein vernetztes Eigenheim, in dem mehrere Elemente miteinander in Verbindung stehen", sagt Utz Späth, Referent für Digitalisierung der Verbraucherzentrale NRW. So werden Haustechnik für Heizung, Beleuchtung und Sicherheit sowie Haushaltsgeräte gezielt vernetzt und zu einem System verbunden. Ein Heim ist dann intelligent, wenn die Einzellösungen automatisiert agieren, miteinander kommunizieren und zentral gesteuert werden.

Ein Beispiel: Ein System verbindet Heizung, Rollos und Fenster mit den Solarzellen auf dem Hausdach und steuert abhängig von jeweiligen Sonnenstand, Strompreis und Tagesablauf der Bewohner den Heiz- und Warmwasserbetrieb autonom. Die Bedienung einer zentralen Steuerungseinheit erfolgt von den Bewohnern vor Ort über ein Eingabemodul mit WLAN und auch von unterwegs über das Handy oder Tablet. Ziel eines intelligenten Heims: Effizienter Ressourceneinsatz und mehr Komfort für die Bewohner.

Noch ist der Markt für Smart-Home-Angebote klein. Laut Markforscher GfK liegt der Marktanteil der vernetzten Hausgeräte in Europa bei drei Prozent. Doch die Zeichen weisen steil nach oben. Laut einer Studie im Auftrag des Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) wird der Umsatz im Bereich Smart Home in Deutschland im Zeitraum 2015 bis 2025 von 2,3 auf 19 Milliarden Euro steigen. "Wir gehen davon aus, dass bis 2020 mehr als jeder 4. deutsche Haushalt mit Smart-Home-Produkten ausgestatten sein wird", sagt Andrea Fluhr, Produktmanagerin von Bosch Smart Home.

Wie der Haushaltsgerätehersteller haben Anbieter aus unterschiedlichsten Branchen das Potenzial erkannt und bringen stetig neue Produkte zur Unterstützung im Haushalt und Steigerung des Wohnkomforts auf den Markt. Mit dabei neben Software- und Internetkonzernen sind Telekom- und Elektronikmarken sowie Hausausstatter für Küche, Bad und Wohnbereich. Nicht alles, was möglich ist, wird sich am Markt durchsetzen. Viele Produkte wie Drohnen zum Einbruchschutz bleiben Spielereien. Eine Waschmaschine, die zum günstigsten Stromtarif wäscht und eine Nachricht aufs Handy verschickt, wenn die Wäsche fertig ist oder eine Störung vorliegt, ist für Bauherren und Mieter da schon von größerem Nutzen. Deutlichen Mehrwert bringt ein zentraler Ein-Aus-Schalter im Eingangsbereich, der alle Geräte vom Netz nimmt und mit der Schließanlage gekoppelt ist.

Einstiegsangebote gibt es schon für den schmalen Geldbeutel. Ganze Systeme sind teuer

Die Mehrfachnutzung einer Einheit ist vielen intelligenten Produkten gemein. So ist der Fenster-Kontakt-Sensor gleichzeitig in der Sicherheitslösung und der Heizungssteuerung eingebunden. Der Rauchmelder kann auch Temperatur, Feuchtigkeit und Luftqualität im Raum messen. "Bei Bedarf wird die Meldung Lüften auf das Smartphone des Bewohners geschickt oder die Heizung automatisch gedrosselt, wenn das Fenster offen ist", sagt Fluhr.

Die Sicherheitstechnik ist der wesentliche Treiber von Smart Home, gefolgt vom Energiethema. Mit dem Handy kommunizierende Überwachsungssysteme sowie zeitlich versetzte Licht- und Rollladenaktivierung bei Abwesenheit sind in vielen Neubauten Standard. Eine Reduzierung des Energieverbrauchs wird etwa durch die Kombination von Bewegungsmeldern und energiesparender Beleuchtung sowie den zentralen Ein-Aus-Schalter erzielt. Komplexe Systeme, die mehrere intelligente Geräte vernetzen, können Einsparungen von bis zu zwanzig Prozent bringen.

Die Verbindung im Smart-Home-System kann über Funk oder Kabel erfolgen. Kabelgebundene Systeme sind verlässlicher und bieten sich daher bei Neubauten und Renovierungen an. Wer sein Eigenheim hingegen nachrüsten will, sollte auf funkgesteuerte Systeme setzen. "Diese können ohne viel Aufwand in bestehende Häuser und Wohnungen integriert werden. Das bringt den Kunden hohe Flexibilität und überschaubare Kosten", sagt Fluhr. Nachteil: Regelmäßige Wartung. Egal, ob Funk oder Kabel, Käufer sollten auf offene Standards achten. "Ein Hauptproblem ist, dass Smart-Home-Systeme in sich geschlossen sind. Sie können daher mit Geräten anderer Hersteller nicht kommunizieren. Wir empfehlen eine Basisstation zu wählen, die mehrere Standards unterstützt", sagt Späth. Besonders wichtig ist dies für Einsteiger, die sich zunächst für Einzelprodukte in einem Bereich wie Licht oder Heizung entscheiden. Einstiegsangebote gibt es schon für den schmalen Geldbeutel. "Viele Leute denken bei Smart Home an mehrere tausend Euro. Tatsächlich kosten Insellösungen zur Steuerung von Raumtemperatur oder zum Einbruchschutz rund 300 Euro", sagt Michael Krödel, Professor für Gebäudeautomation an der Hochschule Rosenheim. Einfache Do-it-yourself-Produkte sind im Internet zu beziehen.

Ein Rundum smartes Eigenheim mit Energie-, Sicherheits- und Komfortservices in Bad, Küche und Wohnbereich kann hingegen rasch sehr teuer werden. Daher empfehlen Experten eine genaue Planung mit Architekten und Systemanbietern. Digitale Lösungen in Bad und Küche können zudem auf herkömmliche Installationen verzichten. Durch die Trennung von Bedieneinheit und Wasserauslass ist eine Verrohrung unnötig und neue Architektur möglich. Drehregler und Touchdisplay schicken über Kabel Steuersignale an das Ventil. "Mit Smart Water kann jeder seine individuelle Temperatur und den Füllstand in der Wanne sowie das Duschprogramm einfach per Knopfdruck abrufen. Das macht auch Gesundheitsanwendungen möglich", sagt Michaelle Beese, Leiter E-Solutions beim Armaturenhersteller Dornbracht. Ein Hindernis für den Smart-Home-Absatz ist häufig noch die mangelnde Nutzerfreundlichkeit vieler Angebote. "Smart Home kann sehr schnell kompliziert werden. Der normale Nutzer muss aber in der Lage sein, zu entscheiden, was er will", sagt Krödel. Dazu hat er einen Fragebogen entwickelt, der zu individuellen Wünschen Lösungen findet.

Dornbracht-Experte Beese sieht die Hersteller in der Pflicht: "Digitale Produkte müssen in der Handhabung selbsterklärend sein. Die Bedienung soll sich den Kunden intuitiv erschließen." Information und Beratung im smarten Produktdschungel gibt es bei Architekten, zertifizierten Energieberatern und Spezialisten im Fachhandwerk. Zentrales Thema beim Smart-Home-Boom ist die Datensicherheit. Werden Benutzerdaten beim Hersteller in externen Clouds gespeichert und Systeme von unterwegs via Handy bedient, sind sie nicht vor Missbrauch und Hackern geschützt. Systeme, die sensible Daten direkt beim Nutzer am Ort speichern, sind zu empfehlen. Dies garantiert auch Unabhängigkeit. "Fällt der externe Server aus oder zieht sich der Hersteller aus dem Geschäft zurück, kann man im Extremfall nicht mehr das Licht anstellen", sagt Späth. Dann hilft nur noch eine weit weniger smarte Innovation: die Kerze.

© SZ vom 13.01.2017
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