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Skandal um Libor-Zins:Wie viele Banken haben manipuliert?

Im Prinzip kann sich jetzt jeder Anleger, dessen Produkt sich auf den Libor bezieht, überlegen, ob er seinen Anbieter haftbar macht. "Geschädigt wurden beispielsweise auch Käufer von Staats- und Unternehmensanleihen", sagt Professor Faust. Im einzelnen dürfte es schwierig sein, einen konkreten Schaden geltend zu machen. Denn dazu müsste man auch wissen, wie hoch der nicht manipulierte Zins gewesen wäre. Diese Daten gibt es aber nicht. Doch Anlegeranwälte dürften sich trotzdem vermehrt bald um solche Fragen kümmern. Und auch in den Rechtsabteilungen der Banken könnten sie ein großes Thema werden.

Noch immer gibt es die Sorge, dass auch andere Großbanken in den Skandal hineingezogen werden könnten. Die Ermittlungen der britischen und US-Behörden richten sich gegen rund 20 Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank. Dass nur Barclays den Libor manipuliert hat, halten Bankexperten für unwahrscheinlich. Darauf deutet auch die Aussage des zurückgetretenen Barclays-Chefs Bob Diamond vor dem britischen Parlament hin. Danach hätten mehrere Banken nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman im September 2008 niedrigere Zinsen gemeldet, als sie anderen Banken zahlen hätten müssen.

Zins senken, Probleme vertuschen

Der Libor wird aus den Angaben der Großbanken gebildet. Da ein hoher Zins auf Probleme hindeutet, meldeten sie in der Lehman-Krise niedrigere Zinsen, um ihre Bonität besser erscheinen zu lassen. Nach Angaben von Diamond wusste sogar die Bank of England, die britische Notenbank, von diesem Gebaren - und duldete es.

Der Libor fiel in den Wochen nach der Lehman-Krise deutlich. Eigentlich hätten die Zinsen aber steigen müssen, da sich die Banken in dieser Zeit gegenseitig nicht mehr vertrauten und höhere Zinsen verlangten - wenn sie anderen Banken überhaupt noch Geld liehen. Auf diese Weise kamen die Behörden erst dahinter, dass mit dem Libor etwas nicht stimmen konnte. Sie untersuchten den Fall und stellten fest, dass die Manipulationen schon im Jahr 2005 begannen.

Wie aus E-Mails von Barclays-Händlern hervorgeht, wurde der eigene Zins für die Libor-Meldung sowohl nach oben als auch nach unten manipuliert. Das Ziel war, selbst Gewinn daraus zu schlagen - je nachdem, wie die Bank positioniert war. "Das ist der eigentliche Skandal", sagt Faust. Hätten die Manipulationen nur in den kritischen Lehman-Wochen stattgefunden, hätte man den Banken noch zubilligen können, dass sie mit dem Rücken zur Wand standen. In der Zeit davor sei es aber rein um den eigenen Profit gegangen.

© SZ vom 06.07.2012/fran/infu

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