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Nahaufnahme:Botschaft nach Wolfsburg

Erich Sixt: "Die Finanzsituation der Sixt SE ist äußerst solide."

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Autoverleiher Erich Sixt hält sich einen Einstieg von Volkswagen offen. Der wäre aus seiner Sicht wohl ein Tabubruch.

Von Dieter Sürig

Als Erich Sixt Ende 2016 aus der Presse erfuhr, dass sein Carsharing-Partner BMW hinter seinem Rücken mit Daimler über eine gemeinsame Autoteiler-Plattform verhandelte, soll er ob des Stils etwas pikiert gewesen sein. Schon rund fünf Jahre lang hatte er mit BMW das Experiment Drive-Now aufgezogen, nun wollte der Münchner Autokonzern gemeinsame Sache mit dem Konkurrenzprojekt Car2go des Gespanns Daimler/Europcar machen. Gut ein Jahr später stieg Sixt aus dem Joint-Venture aus und machte sein eigenes Ding, brachte 2019 seine eigene App heraus - inklusive Carsharing. Da wäre es nicht ganz abwegig, wenn der 76-jährige Autoverleiher aus Pullach von weiteren Kooperationen mit großen Autokonzernen absehen würde - erst recht mit einem der größten der Welt.

Doch Erich Sixt gilt als pragmatisch, und Zeiten wie diese sind historisch außergewöhnlich, in denen die Zeitläufe schon ganz andere Wendungen genommen haben. Nun also ein möglicher Einstieg von Volkswagen bei Sixt, den das börsennotierte Familienunternehmen am Mittwochabend nicht einmal dementierte. Dem Manager-Magazin zufolge will VW 15 Prozent der Sixt-Anteile kaufen, die Pullacher entgegneten, trotz der Krise finanziell gut dazustehen und "keinen weiteren Ankeraktionär" zu brauchen. Das Nicht-Dementi deutet darauf hin, dass besagte VW-Avancen da sind und Sixt sich gerade damit auseinandersetzt.

"Ich kann mir vorstellen, dass Sixt und Volkswagen intensiv über einen möglichen Einstieg reden", sagt Analyst Christian Obst von der Baader-Bank. "Volkswagen versucht, mehr direkten Zugriff auf die Kunden zu bekommen." Die Frage sei, inwieweit sich Autokonzerne langfristig dahingehend ändern müssen, "dass sie Autos nicht mehr nur verkaufen, sondern Mobilitätskonzepte anbieten". Sixt habe jahrzehntelange Erfahrung und die komplette IT zum Kunden. "Die Autokonzerne haben genug mit der IT in ihren Fahrzeugen zu tun", so Obst. Andererseits hätte Sixt bei einem VW-Einstieg zusätzliche Investitionsmittel. "Sixt plant nach der Corona-Krise weiter Wachstum zu finanzieren und zum Beispiel in den USA seine Marktposition auszubauen - notfalls zulasten einer kurzfristigen Rendite", sagt Obst. "Ein Einstieg von VW könnte diese Entwicklung zusätzlich absichern."

In der Branche sieht man eine gewisse Logik in den Gesprächen. Zumal VW im Sommer wohl Interesse an seiner früheren Tochter Europcar bekundet habe. "Sixt wäre für VW sinnvoll, weil sie gelernt haben, dass Mobilitätsdienstleistungen nicht ihr Ding sind", sagt ein Insider. Aus Sixt-Sicht wäre es jedoch ein doppelter Tabubruch. "Der holt sich einen Partner rein und gibt damit den Vorteil auf, herstellerunabhängig zu sein", damit habe er immer geworben. Eine Carsharing-Tochter mit BMW sei das eine, der Einstieg eines Herstellers aber eine ganz andere Nummer. Der Insider schätzt, dass Erich Sixt nur dann sein Reich teilen würde, wenn der wirtschaftliche Druck zu groß wäre. "Die Finanzsituation der Sixt SE ist äußerst solide", meldete Sixt allerdings am Mittwoch. Nicht mal den KfW-Konsortialkredit von bis zu 1,5 Milliarden Euro habe man bisher angetastet. Sixt wollte mit seiner Erklärung wohl ein paar Pflöcke setzen. Nach dem Motto "Uns geht es gut, wir brauchen euch nicht". Und die Stimmrechtsmehrheit von 58 Prozent will die Familie um Erich Sixt auch behalten. "Das war eine Botschaft nach Wolfsburg", so der Insider, die Meinungsbildung in Pullach sei aber noch nicht abgeschlossen. Könnte man darunter auch einen Streit in der Familie verstehen? Analyst Obst glaubt das nicht: "Sie ziehen an einem Strang und haben eine einheitliche Idee."

© SZ/shs
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