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Simbabwe:Schlaflose Milliardäre

Das Regime in Simbabwe hat die Wirtschaft ruiniert. Ohne Verwandte aus dem Ausland könnten viele Menschen kaum überleben.

Im Staat von Robert Mugabe blüht der Sarkasmus: "Wir sind alle Milliardäre", grinst der Mann im Supermarkt und öffnet zum Beweis seine verschlissene Plastiktüte. Fünf dicke Bündel mit Simbabwe-Dollars hat er bei sich, alles 50 Millionen-Dollar-Scheine. Was für ein Vermögen!

Die 250-Millionen-Dollar-Note aus Simbabwe: Ein Schein für zwei Flaschen Cola.

(Foto: Foto: AFP)

Ob der simbabwische Gärtner dafür auch etwas zu essen bekommt, ist nicht gewiss. Im Laden in der Fife (sic!) Avenue wird er jedenfalls nicht fündig. Außer zwei Flaschen Tomatenketchup steht nichts mehr in den Regalen. Gähnende Leere. Also zieht er los, um den nächsten Markt in der Hauptstadt Harare anzusteuern.

Shopping in Simbabwe, dem Paradies der Hyperinflation: Das Einkaufszentrum im Stadtteil Belgravia hat viele hübsche Geschäfte und Boutiquen, man kann erahnen, dass in dieser Stadt einmal der Reichtum zu Hause war. Doch nun sind einige Läden schon geschlossen. Sie schlummern vor sich hin, als würden sie auf bessere Zeiten warten.

An der Ecke liegt eine Filiale der Standard Chartered Bank, vor dem Eingang hat sich schon am frühen Morgen ein Menschenwurm gebildet, gut 100 Meter lang ist die Schlange, ruhig und diszipliniert stehen die Leute an, bis sich vorne endlich die Türen öffnen. Sie warten. Und warten. Und warten. Aber nichts rührt sich. Die Tore bleiben erst einmal geschlossen, ohne weitere Erklärung.

Fluchtweg Südafrika

Auf die Konten werden die Monatsgehälter überwiesen, doch jeder darf nicht mehr als eine Milliarde pro Tag abheben - wenn er es bis zum Schalter schafft. Auf dem Schwarzmarkt entspricht dies nicht einmal vier US-Dollar. Und in wenigen Tagen wird es nur noch die Hälfte wert sein. Die Wirtschaft des Landes ist ruiniert, das Regime lebt über seine Verhältnisse, die Exporte sind eingebrochen und so verdient Simbabwe kaum noch Devisen. Die jährliche Inflation ist weit über 165.000 Prozent hinausgeschossen. Das macht den Alltag zum Albtraum.

Ein Fabrikarbeiter verdient derzeit 700 Millionen Simbabwe-Dollar im Monat, eine Hausangestellte die Hälfte, und auf dem Land gibt es Farmarbeiter, die weniger als 100 Millionen verdienen. Das reicht für ein paar Rollen Klopapier. Präsident Robert Mugabe lässt indes die Notenpressen heiß laufen, er druckt und druckt und druckt. Jetzt hat die Zentralbank schon wieder einen neuen Geldschein ausgespuckt, eine 250-Millionen-Dollar-Note. Aber auch mit diesem Schein kann man nur zwei Flaschen Cola kaufen.

Etwa vier Millionen Simbabwer brauchen schon jetzt Nahrungshilfe, die Krise wird durch wetterbedingte Ernteausfälle noch verschärft. "In diesem Jahr dürfte sich die Zahl verdoppeln", sagt ein Agrarexperte in Harare, der seinen Namen nicht genannt wissen will. Auskünfte an ausländische Besucher sind vom Regime nicht erwünscht, Informanten werden verfolgt und bestraft.

Glück haben noch diejenigen, deren Verwandte im Ausland leben und Geld schicken können. Drei bis vier Millionen Menschen sind schon aus Simbabwe geflüchtet, die meisten nach Südafrika. Ohne deren Hilfe könnten die Simbabwer zu Hause gar nicht mehr überleben.

Männer in Uniform

Zum Beispiel Tracy Sibanda, deren Name geändert ist. Die 56-Jährige lebt in einem Außenbezirk der Hauptstadt, das die weißen Kolonialherren einst für ihre schwarzen Arbeiter angelegt haben. Heute ist der Stadtteil eine Hochburg der Oppositionspartei "Bewegung für demokratischen Wandel" (MDC). Auch Sibanda hat bei den Wahlen für die MDC gestimmt. Dass sie noch überleben kann, verdankt die Dame ihrer Tochter, die nach Südafrika geflüchtet ist und dort als Dienstmädchen arbeitet.

Über einen befreundeten Trucker, der regelmäßig zwischen dem Kap und Simbabwe hin- und herpendelt, gibt sie der Mutter monatlich 500 Rand mit, umgerechnet 42 Euro. Das ist fast ihr gesamter Verdienst. Die Mutter in Harare kann damit zumindest die Schar von Enkelkindern versorgen, die zu Waisen geworden sind. Mehrere Kinder hat Frau Sibanda durch Aids verloren, nun muss sie sich um deren Kinder kümmern.

Fürs Schulgeld reicht es nur noch selten, und dazu kommt die Furcht vor den Sicherheitskräften des Regimes. Mehrere Male haben schwerbewaffnete Männer in Uniform an ihre Tür geklopft und haben nach der Tochter geforscht, die früher für die MDC aktiv war. Jetzt ist die Mutter zu Freunden gezogen, sie versteckt sich, weil sie fürchtet, dass sie bei einer Razzia verhaftet werden könnte. Jede Nacht, wenn Frau Sibanda draußen vor der Tür Geräusche hört oder den Schein von Taschenlampen sieht, rollt sie sich unter das Bett und rührt sich nicht mehr. Manchmal verharrt sie so Stunden auf dem blanken Betonboden. Schlaflose Milliardäre in Harare.

© SZ vom 17/18.05.2008/tob
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