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Silicon Wadi:Positiver Trump-Effekt

Die israelischen Start-ups haben einige Realitätsschocks zu verdauen. Nach der Erklärung des US-Präsidenten zu Jerusalem stornierten Investoren ihre Termine. Ist der Boom nun zu Ende?

Föderl-Schmid

Alexandra Föderl-Schmid ist Korrespondentin der SZ für Israel und die palästinensischen Gebiete.

(Foto: SZ)

Tel Aviv ist eine eigene Welt in Israel - das trifft erst recht auf die Start-up-Szene zu. Es gibt so viel kreative Energie, die sich an den Co-Arbeitsplätzen im schicken Mindspace genauso bemerkbar macht wie im schon etwas in die Jahre gekommenen Century Tower. Das Ziel der meisten: die Erfindung einer App oder einer technischen Innovation, die es noch nie gab, diese zur Marktreife bringen - und dann möglichst teuer verkaufen. Und sofort auf zur nächsten Entdeckung und Entwicklung! Und nie den kleinen, heimischen Markt im Fokus, sondern immer die große, weite Welt: Amerika und Asien, ein bisschen auch Europa.

Mit der gerade in Israel schwerfälligen Old Economy will man nichts zu tun haben, es gibt zwei parallele Wirtschaftswelten. Das funktionierte in den vergangenen Jahren ganz gut. Was in Israels Start-up-Welt zählt, sind Geschwindigkeit, Improvisationsgabe und die Lust am Experimentieren sowie das Vertrauen auf den eigenen Geist. Versuchen und Scheitern gehören genauso wie der Neubeginn dazu.

Mit dieser anderen Welt und erst recht mit der Politik wollen die meisten, die in diesem Bereich arbeiten, nichts zu tun haben. Aber dass sich auch Start-upper von den Ereignissen in und außerhalb Israels nicht so leicht abkoppeln können, wurde vielen in diesen Tagen bewusst. "Wie alle Israelis sind wir in der Realität aufgewacht", schrieben die CEOs von sieben Start-ups in einem Brief an die Mitarbeiter von Teva. Der Pharmariese hatte bekannt gegeben, dass weltweit 14 000 Mitarbeiter ihren Job verlieren, davon rund 1700 in Israel. Die Firmenchefs von Yotpo, Kaltura, Payoneer, Cortica, Bidalgo, Inneractive, Wibbitz und Windward versuchten in ihrem Schreiben, den von Entlassung bedrohten Landsleuten Mut zu machen. "Einige von uns wurden in den vergangenen Jahren nicht mehr in der Hightech-Industrie gebraucht, manchmal führt das dazu, dass man dann anders zu denken beginnt."

Ihr Brief endet mit einem Aufruf, das eigene Potenzial zu nutzen: "So! Wir schlagen vor, schaut doch, was in den israelischen Start-ups geschieht!" Man mag über diesen emotionalen Appell lächeln, aber es war ein konkretes Hilfsangebot. Einige Betroffene haben sich direkt zu Vorstellungsgesprächen angemeldet. Das passt zu den Israelis, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Es war eine Solidaritätsaktion - aber durchaus auch eigennützig. Denn bei Teva sind nicht nur Fabrikarbeiter von Jobverlust bedroht, sondern in starkem Ausmaß auch qualifizierte Beschäftigte aus dem Bereich Forschung und Entwicklung. Solche Arbeitskräfte werden auch bei Start-ups gebraucht und vielleicht noch viel dringender, sollten Mitarbeiter abwandern. Bisher galt Tel Aviv als coole Location und hatte damit auch eine große Attraktivität vor allem für junge Arbeitskräfte aus dem Ausland. Dass der stetig wachsende Strom an Interessenten und Investoren aus dem Ausland anhält, galt als gegeben.

Damit wächst auch die Furcht vor dem Platzen einer Blase - was man sich bisher nie eingestanden hat

Dass sich all das - und noch dazu rasch - ändern könnte, war für viele der zweite große Realitätsschock in diesen Tagen, verbunden mit der Erkenntnis, wie sehr die große Politik in ihre kleine Start-up-Welt dringt. Es macht sich die Angst vor einem Trump-Effekt breit, seit japanische und chinesische Delegationen ihre Reisen nach der Erklärung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, storniert haben. Shen Haiyin, CEO und Gründer der chinesischen Firma Singulato, hat seinen Trip nur sechs Stunden vor dem Abflug abgesagt. Auch Tencent, das größte Internetunternehmen der Volksrepublik, cancelte alle Termine. China hat eine offizielle Reisewarnung erlassen, die bis 10. Januar gilt. Das japanische Automobilunternehmen Toyota hat ebenfalls alle Verabredungen in Israel kurzfristig gestrichen.

Die Bilder der Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern sowie israelischen Soldaten und Polizisten verbreiteten sich aber auch auf den Rechnern und Smartphones in Tel Aviv. Die Realität kann man auch dort nicht ausblenden. Damit wächst auch die Furcht vor einem Platzen einer Blase - etwas, das man sich bisher nie eingestanden hat, dass es eine solche sein könnte. Denn auch die Regierung hat alles getan, um das Bild von Israel als Start-up-Nation weltweit zu verbreiten. "Wir haben Jerusalem gewonnen, könnten aber unseren Status als Start-up-Nation verlieren", analysierte die Tageszeitung Haaretz.

Denn ein unsicheres Umfeld ist etwas, das Investoren meiden. Alleine aus China kommen laut Schätzungen inzwischen bis zu 20 Prozent des Kapitals, das Israels Hightech-Sektor am Laufen hält. Der chinesische E-Commerce-Gigant Alibaba hat Ende November mit Visualead zum ersten Mal ein israelisches Start-up gekauft und gleich mehrere Zehntausend Millionen Dollar dafür bezahlt. Wenn sich Investoren - was auch auf Geheiß der Staatsführung in Peking aus politischen Gründen passieren könnte - zurückziehen oder Boykottaufrufe befolgt werden, dann fehlt schlicht das Geld zur Fortsetzung des bisherigen digitalen Gründer- und Entwicklungsbooms. Das ist aber der Treibstoff für den Motor, der diese Vielzahl an Innovationen hervorbringt und bis zur Markteinführung treibt.

Aber vielleicht beziehen die Start-ups das, was ihre Branchenvertreter in dem Brief an die Teva-Mitarbeiter geschrieben haben, auch auf sich: anders zu denken. Dass nicht der rasche Verkauf für viel Geld das einzig erstrebenswerte Ziel sein muss, sondern dass auch langsames Wachstum und der Aufbau eines Unternehmens, das mehr Mitarbeitern Jobmöglichkeiten bietet, eine lohnenswerte Alternative zur jetzigen schnelllebigen Start-up-Welt sein kann. So könnte Trump in der israelischen Wirtschaftswelt sogar einen positiven Effekt auslösen - wenn auch unbeabsichtigt.