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Silicon Wadi:Offene Krankenakten

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise (München), Malte Conradi (San Francisco), Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv) und Christoph Giesen (Peking) im Wechsel.

Israels Regierung will Firmen Gesundheitsdaten ihrer Bürger zugänglich machen. Ein Aufreger? Nicht in Israel.

Der Premierminister persönlich propagierte das Projekt. Benjamin Netanjahu sparte nicht mit Superlativen, sprach dem Vorhaben "historische Bedeutung" zu und kündigte an: "Wir entwickeln die Industrie von morgen." Eine Milliarde Schekel, umgerechnet 223 Millionen Euro, will die israelische Regierung in das digitale Projekt investieren. Dessen Ziel ist, die Gesundheitsdaten von allen israelischen Bürgern zu erfassen - also von etwa neun Millionen Menschen.

In Zusammenarbeit mit dem deutschen Softwareunternehmen SAP soll möglichst rasch eine gigantische Datenbasis entstehen, die dann für wissenschaftliche Forschungszwecke aber explizit auch ausländischen Firmen zur Verfügung steht. Israel will sich damit, wie Netanjahu sagt, ein großes Stück von einem Markt sichern, "der noch gigantischer ist als der Transportmarkt und noch mehr Potenzial hat als der Bereich Cyberindustrie".

Der Markt weltweit wird auf etwa sechs Billionen Dollar geschätzt, laut Netanjahu könnte sich Israel davon zehn Prozent sichern. Netanjahu verspricht außerdem allen einen persönlichen Nutzen durch eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung basierend auf genauerer Datenlage.

Israelische Ärzte haben Patienteninformationen schon seit Jahren auf digitalen Plattformen gespeichert und können auf klinische Daten von etwa 98 Prozent der Bevölkerung zurückgreifen. Daten von einer Million Israelis befinden sich bereits in einer Datenbank in einem Land, das für sein zentralisiertes Gesundheitssystem bekannt ist. Eli Groner, der für dieses Projekt zuständige Ministerialdirektor im Büro des Premierministers, gibt zu, dass bisher eine Art "Wildwest-Methode" im Umgang mit Gesundheitsdaten in Israel vorherrsche.

Niemand wisse so genau, was mit den sensiblen Informationen erlaubt sei. Theoretisch könnten nach derzeitiger Rechtslage die israelischen Gesundheitsinstitutionen alle Daten verkaufen, gibt er zu. Der Bereich sei derzeit nicht genügend geregelt. In einem ersten Schritt werden nun für das Projekt 100 000 Israelis gesucht, die freiwillig ihre Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen.

In Deutschland würde ein solches Projekt eine Debatte über den Schutz der Privatsphäre im Allgemeinen und den Umgang mit Gesundheitsdaten im Besonderen auslösen. Wer meint, dass das auch in Israel nach der Präsentation des Projekts Ende März der Fall ist, irrt. Auch die Diskussion über den Umgang mit Facebook-Daten hat keinen breiten öffentlichen Diskurs angestoßen oder das Gesundheitsprojekt gar infrage gestellt.

Das mag aus europäischer Perspektive erstaunlich wirken, die israelische Sichtweise auf Themen wie Datenschutz ist eine andere. Denn jeder, der sich in Israel aufhält, gibt - bewusst oder unbewusst - mehr Daten über sich preis als etwa in Deutschland: Schon bei der Einreise werden viele Fragen gestellt, an der Tankstelle muss zusätzlich zum Autokennzeichen die Nummer des Reisepasses oder des israelischen Ausweises angegeben werden. In Parkhäusern öffnen sich die Schranken bei der Ausfahrt schon beim Annähern automatisch, weil man ohnehin bei der Einfahrt genau kontrolliert worden ist und registriert wurde, dass die Parkgebühr bereits bezahlt wurde. Selbst in Museen wird beim Einlass ein Ausweis verlangt.

Das Land versteht sich als Daten-Nation, wer Diskussionen beginnt, macht sich verdächtig

Strenge Sicherheitsmaßnahmen sind in einem Land, das sich von Nachbarstaaten bedroht sieht und in dem es eine Vielzahl an Terroranschlägen gegeben hat, verständlich. Trotzdem ist manches überzogen, wird aber nicht infrage gestellt. Im Namen der Sicherheit ist fast alles erlaubt, Debatten über Datenschutz oder wie die Privatsphäre gesichert werden kann, werden schlicht nicht geführt. Wer solche Diskussionen beginnt, erntet Unverständnis oder macht sich sogar verdächtig.

Im Falle des kollektiven Sammelns für die Gesundheitsdatenbank kommt noch etwas dazu, das ebenfalls typisch für Israel ist: der Appell, dass das im nationalen Interesse sei. Gerade in dem Jahr, in dem sich die Staatsgründung zum 70. Male jährt, wird vielfach darauf verwiesen. Mit der Bezeichnung als "nationales digitales Gesundheitsprojekt" wird der offizielle Charakter unterstrichen.

Mit seinem geradezu marktschreierischem Anpreisen versucht der Premierminister, den Druck zu erhöhen: Datenlieferung als nationale Aufgabe. Das Interesse weltweit agierender Konzerne sei riesig, versichert er und appelliert auch an den Stolz der Bürger. Israel sei inzwischen führend im Bereich der selbstfahrenden Autos und Weltmarktführer für alles, was mit Cybersicherheit zu tun habe. Das habe man aus dem Nichts geschafft und das könne man nun auch im Gesundheitsbereich erreichen, wenn sich nur alle anstrengen und mitmachen. Hier könne ein neuer Wachstumstreiber entstehen.

Israel versteht sich als Start-up-Nation, und die Bürger identifizieren sich mit dieser Bezeichnung, mit der vor allem im Ausland Werbung für ihr Land gemacht wird. Es ist auch beeindruckend, wie aus kreativem Potenzial eine Vielzahl an florierenden Unternehmen entsteht. Israelische Start-ups haben bereits zahlreiche Lösungen für den Gesundheitsbereich entwickelt, aber noch stärker beschäftigen sie sich mit dem Automobil- oder Sicherheitsbereich.

Für die Unternehmen, die sich über eine Fülle von Daten freuen dürften, hält allerdings Netanjahus Gesundheitsberater Groner eine Warnung bereit: Man werde die gesammelten Informationen dafür einsetzen, um Verhandlungen über Preise für Medikamente zu führen. Zumindest indirekt hätten die Israelis dann etwas von der Preisgabe ihrer Daten.